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Kultur Das erste Mal - Leipziger Liesmich Verlag feiert erste Buchpremiere
Nachrichten Kultur Das erste Mal - Leipziger Liesmich Verlag feiert erste Buchpremiere
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18:10 22.09.2014
Karsten Möckel, Fahrradfahrer, Leser und Gründer des Leipziger Verlags "Liesmich". Alles mit Leidenschaft. Quelle: Wolfgang Zeyen
Leipzig

Er ist glücklich, wenn ein Buch gleich auf den ersten zehn Seiten derart fesselt, "dass man es gar nicht mehr aus der Hand legen möchte und beginnt, die Kinder zu vernachlässigen". Das ist natürlich nicht ernst gemeint, das mit den Kindern. Das mit der Spannung schon.

Und Möckel liest viel, sehr viel. Zuletzt, im Ostsee-Urlaub, als endlich mal wieder Zeit war: "Das unerhörte Leben des Alex Woods" von Gavin Extence, Hans Waals "Die Nachhut" und von Martin Suter "Der Koch". Also nicht unbedingt das Neueste, sondern Besonderes auf persönliche Empfehlungen. "Da muss nicht unbedingt ein Bestseller-Aufkleber auf dem Buchcover sein", sagt er; der halte ihn aber auch nicht ab.

Möckel ist ein vielseitiger Leser, wie jeder seit vier Jahren auf seinem Blog literaturkabinett.de sehen kann, wo er regelmäßig seine Lektüren vorstellt. Seit April allerdings nicht mehr - mit gutem Grund. Karsten Möckel ist jetzt Verleger und hat vor allem Manuskripte auf dem Schreibtisch liegen.

Liesmich heißt sein Leipziger Verlag, und gerade ist das erste Buch erschienen: "Pedalpilot Doppel-Zwo" von Wolf Schmid. Ein Roman. Das Genre ist die erste Bedingung. "Erzählungen und Lyrik machen wir nicht." Auch Fantasy sollte es nicht unbedingt sein, weil ihn das nicht so interessiert. Das ist die zweite Bedingung: "Ich habe eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was mir gefällt, und da stehen die Chancen gut, dass es auch vielen anderen gefällt." Am 15. September ist "Pedalpilot" erschienen, die erste Lesungen fand im Hamburger Museum für Arbeit im Rahmen einer Fahrradausstellung statt, nach der morgigen Vorstellung in Berlin-Neukölln ist am 27. September Leipzig-Premiere im Werkstattcafé Dr. Seltsam - mit anschließender Verlagsgründungsparty. "Sollte der Laden zu klein sein, machen wir eben zwei Lesungen nacheinander. Oder drei", sagt Möckel, der all das ja zum ersten Mal macht.

Die Eingebung, wie er es nennt, für Liesmich, kam ihm im Schlaf, beim Mittagsnickerchen. Das war im Januar 2013. Zur Leipziger Buchmesse folgten die Internetseite und ein Aufruf an Autoren: "Wir sind ein junger Verlag, der sich hauptsächlich auf Belletristik konzentriert", hieß es da, "immer an unkonventionellen Geschichten interessiert". Im Sommer lag dann Wolf Schmids Manuskript im Postkasten. Der Autor lebt in Lissabon und war durch einen Aufruf bei Facebook auf den neuen Verlag aufmerksam geworden.

Seitdem arbeiten Lektoren, Grafiker, Webmaster und Öffentlichkeitsarbeiter Hand in Hand. Insgesamt acht Mitarbeiter hat Möckel. Und alle machen das - wie er - nebenbei, seien "froh, auf diesem Wege Erfahrungen sammeln zu können". Der 1971 in Leipzig Geborene ist von Beruf Nachrichtentechniker und arbeitet in einer Telekommunikationsfirma. Es kann noch lange dauern, bevor der Verlag etwas abwirft. Fest steht nur, dass die Autoren bezahlt werden.

Um Geld geht es also nicht, kann es gar nicht gehen. Sondern darum, junge Autoren zu unterstützen bei dem, "was sie selber nicht stemmen können". Durch sein Blog hat er Kontakt mit anderen in der Branche, weiß von den Schwierigkeiten, einen Verlag zu finden. Er selbst hat mal für die in Neuseeland lebende Autorin Kirstin Ballhorn deren Kinderbuch angeboten: "Von zehn Verlagen hat nur einer überhaupt sich die Mühe gemacht, eine Absage zu schicken."

Bei der "Förderung innovativer Geschichten" will Möckel zu einer Qualität finden, die er manchmal vermisst im übergroßen Angebot. Dazu gehört für ihn auch die Gestaltung der Bücher, das Zusammenspiel von Typographie, Papierqualität, Cover. "Am liebsten wäre mir ein Corporate Design für schnelle Wiedererkennbarkeit. Ob das funktioniert, lässt sich freilich frühestens beim zweiten Buch sagen. Das soll 2015 erscheinen, einen deutschen Titel gibt es noch nicht, in Frankreich ist der Roman unter dem Titel "Feivel le Chinois: Carnets du ghetto" erschienen. Geschrieben hat ihn Philippe Smolarski, in Belgien lebender Franzose mit polnischen und jüdischen Wurzeln. Er war im Netz auf der Suche nach einem deutschen Verlag und ist so auf die Liesmich-Seite gestoßen. Ihm gefiel die Grundidee und die "Verrücktheit", in diesen Zeiten einen Verlag zu gründen. "Da dachte er, ich sei genau so verrückt wie er selber", erzählt Möckel und verspricht "eine unglaubliche Story": Der Held wird 1890 in Polen im jüdischen Schtetl geboren, wo er vor dem Zweiten Weltkrieg mit Heroin handelt. In China baut er ein ganzes Drogenkartell auf, bevor er 1941 beschließt, seine Familie aus dem Warschauer Ghetto zu retten. Er reist mit chinesischer Liebhaberin und deutsch-jüdischem Leibwächter an, verliebt sich in ein polnisches Mädchen und flieht vor der Gestapo durch halb Europa. "Es klingt wie eine wahre Geschichte, und es hätte vielleicht wirklich so sein können", meint er mit Verweis darauf, dass Autor Smolarski Historiker ist.

550 Exemplare wird die erste Auflage der "Pedalpilot Doppel-Zwo" umfassen und in Leipziger Läden zu finden sein. Deutschlandweit wird es schwieriger, zumal er das Marketinginstrument der Lesungen nur eingeschränkt spielen kann, wenn der Autor im Ausland lebt.

Der erste Roman kann nun versandkostenfrei über den Webshop auf der Homepage bestellt werden. Dann packt Möckel und trägt die Pakete zur Post. Und zur Not helfen die Kinder.

Buchpremiere mit anschließender Verlagsgründungsparty: 27. September, 20 Uhr, Werkstattcafé Dr. Seltsam, Merseburger Straße 25; www.liesmich-verlag.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 23.09.2014

Janina Fleischer

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