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Kultur Deep Purple verabschieden sich von Leipzig
Nachrichten Kultur Deep Purple verabschieden sich von Leipzig
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23:39 09.06.2017
Purple-Fans feiern die Rocksongs ihrer Idole.  Quelle: Foto: Christian Modla
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Leipzig

Eine unsichtbare, dicke Wolke aus Schwermut hängt unter der Decke in der Arena Leipzig. Vielleicht ist es der Abschied, hier und jetzt an diesem späten Freitagabend. Vielleicht sieht man diese Männer niemals wieder. „The Long Goodbye Tour“ nennen Deep Purple ihre finale große Konzertreise, die ein Anfangs-, jedoch kein Enddatum hat. Die britischen Superstars hüten sich davor, einen Zeitpunkt für das Aus zu setzen. Sie haben gelernt von den Bands, die ihre Auflösung mit großem Tam-Tam verkünden und mit immer neuen Comebacks Glaubwürdigkeit und Würde verspielen. Deep Purple machen es richtig – und diese Show vor 7000 Zuschauern zu etwas Großartigem.

Aus dem Dunkel grummelt und grollt es. Von der riesigen Videowand blicken die Gesichter der Musiker, monumental in Stein gemeißelt. Die gültige Mark-VIII-Besetzung im Stil des Mount Rushmore National Memorials, das vier US-Präsidenten zeigt und die Vorlage gab zum Cover des legendären „In Rock“-Albums von 1970; eines ihrer wichtigsten. Das ist unbestreitbar auch „InFinite“, das in diesem April erschienene Spätwerk. Nicht nur, weil es auch im Titel mit (Un-)Endlichkeit spielt, sondern weil es vor lauter Lebendigkeit, Vielseitigkeit, Witz und Leichtigkeit nur so sprüht.

Auf ihrer großen "The Long Goodbye"-Tour machten Deep Purple am Freitag in der Arena in Leipzig Halt.

Dessen Opener „Time For Bedlam“ eröffnet auch das Konzert: Einsam steht Ian Gillan am Bühnenrand, um das mystische Intro zu sprechsingen, während die Band einsitzt und nach kurzen Beckenschlägen der Rock’n’Roll-Zug losfährt, durch die einzigartige Geschichte dieser fantastischen Combo. Drei Stücke lang geht das ohne Zwischenhalt: „Fireball“, „Bloodsucker“ und „Strange Kind of Woman“ folgen bruchlos und ohne Ansagen vom Schaffner, schon all das dokumentierend, was Deep Purple ab 1968 zu Grundsteinlegern des Hardrock machte: die Riff-Kaskaden, die Trommelgewitter, die hellen Frontmann-Schreie, das Bassgrummeln, die irrwitzigen Keyboardläufe.

Neben vielen uralten Klassikern hat das Quintett instinktsicher die besten Stücke der Platte ins Set gestreut, die in den deutschen Vinyl-Charts unlängst Depeche Mode von Platz eins kegelten. „Johnny’s Band“ über Aufstieg und Fall einer Rockgruppe, vor allem aber die komplex und vielschichtig aufgebauten, fantastischen Stücke, die Spielraum lassen für kunstvolle, umwerfende Soli an Saiten und Tasten und Drumkit. Ein Genuss, Don Airey (68) als würdigem Nachfolger von Jon Lord an der Hammond zuzuhören – an dessen Geburtstag übrigens. Der 2012 Verstorbene wäre just an diesem 9. Juni 76 Jahre alt geworden, worüber Gillan keine Silbe verliert. Die Bemühung, ein ganz normales Konzert zu spielen.

Ein Genuss jedenfalls, das Bassspiel Roger Glovers (71) und dessen Freude aus dem Gesicht zu lesen, die virtuosen, krachenden bis melancholischen Gitarrenwege von Steve Morse (62) zu erleben. Zu wissen und zu spüren, dass Ian Paice mit Ende 60 weiter zu den besten Schlagzeugern dieser Welt gehört. Und auch wenn Gillan (71) weiß, was er stimmlich nicht schafft – was er hier, wie stets ohne großes Showgehabe und mit sparsamen Moderationen, durchs Mikro schickt, ist perfekt auf ihn zugeschnitten, rockt, hat Stil.

Gar nicht mehr vorstellbar, dass dieser freundliche, ältere Herr einst bis zum Abwinken gesoffen, gestritten und sonstnochwas hat. Viele leere Flaschen, Kellerleichen und Erkenntnisse liegen zwischen damals und heute; allein 45 Jahre liegen zwischen „Lazy“ (1972, Machine Head) und dem nagelneuen „Birds of Prey“ mit diesem unfassbaren, schwelgenden Morse-Solo – oder dem fulminanten „The Surprising“, einem Gebäude aus Klang, das sich tempowechselnd zu einem Prachttempel aufbaut.

Dieser Band-Dino atmet seit mehr als einem halben Menschenleben. In die Halle gekommen sind aber nicht nur diejenigen, die sich das Dasein mit Purple von der Pubertät bis zum Bandscheibenvorfall haben beschallen lassen; drei Generationen stehen anbetend da und feiern unter anderem den minutenlangen, kunstvollen Alleingang von Don Airey an den Keys – bis die Einlaufkurve zum 84er Comeback-Knaller „Perfect Strangers“ die Masse johlen lässt.

Die meistzitierten Gitarrenakkorde der Musikgeschichte tönen vor der Zugabe: „Smoke On The Water“. Alle, alle, alle singen mit. Doch das unvermeidbare Ende naht. „Hush“ lässt keine Zeit zum Trauern auf Vorrat, und nach Besteigen des letzten Rock’n’Roll-Gebirges, dem ausgiebig zelebrierten „Black Night“, ist Feier- und Trauerabend. Nach rund 100 Minuten blicken Deep Purple wieder breitwandig in Fels gemeißelt. Da drückt sie nochmal, diese dunkle, schwere Wolke über allen Köpfen. Nie wieder diese Band live feiern? Wahrscheinlich. Aber manchmal ist es besser, nicht zu wissen, ob man sich je wiedersieht.

Von Mark Daniel

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