Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 6 ° Regen

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Der Geist in den Hutschachteln: Museumschef Schmidt mit Performance zum Abschied

Leipziger Bildermuseum Der Geist in den Hutschachteln: Museumschef Schmidt mit Performance zum Abschied

Was für eine Performance: Bei seiner Verabschiedung am Donnerstagabend im Museum der bildenden Künste in Leipzig ist Direktor Hans-Werner Schmidt nicht zu sehen. Er sitzt in einer Skulptur, die der Konzept- und Aktionskünstler Christian Jankowski in die große Halle gestellt hat. Erst nach seiner eigenen Rede kommt er hervor.

Gut 250 Gäste kamen zur Verabschiedung von Hans-Werner Schmidt – darunter Ingrid Mössinger, Generaldirektorin der Kunstsammlungen Chemnitz, Leipzigs OBM Burkhard Jung und der Künstler Markus Lüpertz (v.l.)
 

Quelle: André Kempner

Leipzig.  Wo ist Schmidt? Gut 250 Gäste sitzen am Donnerstagabend im Museum der bildenden Künste in Leipzig, doch es fehlt der, um den es hier gehen soll: Museumsdirektor Hans Werner Schmidt (65). Ende April räumt er sein Büro, dann übernimmt seine Stellvertreterin Jeanette Stoschek, bis der Österreicher Alfred Weidinger voraussichtlich am 1. August sein Amt antritt. Jetzt soll Schmidt feierlich in den Ruhestand verabschiedet werden. Gekommen sind Kollegen, Künstler wie Markus Lüpertz oder Hans Aichinger, Politiker, Förderer, Stiftungsvorstände. Nach 17 Jahren endet eine Ära. Aber wo ist Schmidt? Hat er sich schon vor der Verabschiedung verabschiedet? Oder haben wir es mit einer Performance, einer Art Hommage an Godot und Jochen Behle zu tun? Nicht ganz: Schmidt ist längst da. Er sitzt in der rund drei Meter hohen Skulptur mit dem schönen Titel „Zeitgenössische Verabschiedung“. Sagt zumindest der Konzept- und Aktionskünstler Christian Jankowski, der eine Art Hutschachtel-Stapel in die große Halle gestellt hat.

Ein schönes Bild für eine Verabschiedung, die, wie Schmidt später sagen wird, gemeinhin den noch Anwesenden schon zum Abwesenden macht. Und eine Mahnung an die, die im Museum bleiben: Wer weiß, ob Schmidt sich nicht gerade wieder irgendwo versteckt hat. Zudem vielleicht auch ein Schutz vor zu viel Emotionen angesichts der Reden, die da natürlich kommen – unterbrochen durch die faszinierenden Schlagzeugwirbel von Erik Schaefer.

„Störrisches Festhalten am Richtigen“

„Hallo“, spricht Oberbürgermeister Burkhard Jung etwas verunsichert in die Skulptur und hält dann seine Ansprache, würdigt Schmidts „Elan, künstlerisches Gespür und Sachverstand“, mit dem er das Museum eingerichtet habe. Vergisst nicht das Engagement für Max Klinger, die zahlreichen Erwerbungen wie dessen surreal-skurrilen „Pinkelnden Tod“ oder die Realisierung von Ben Willikens’ 14,6 x 31,65 Meter großen „Leipziger Firmament“ im Museumscafé. Erwähnt die wichtigsten Ausstellungen, lobt Schmidt als „begnadeten Geldsammler“, und dessen manchmal „störrisches Festhalten am Richtigen“. Es folgen verschiedene Redner, unter anderem Isabel Pfeiffer-Poensgen, Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder. Sie kann zur Feier des Tages einen Ankauf bekanntgeben: Markus Lüpertz’ „Das Urteil des Paris“ aus dem Jahr 2010.

Und Schmidt? Schweigt zunächst zu alledem. Und spricht schließlich über ein Mikro, das von außen an die „Schachteln“ gehalten wird. Er verzichte darauf, die vergangenen 17 Jahre Revue passieren zu lassen, trägt stattdessen „Das Krokodil“ vor, eine satirische Erzählung von Fjodor Dostojewski. Es geht darin um einen Mann, der von einem Krokodil verschluckt wird – und um Kritik am Profitstreben. Eine herrlich absurde Konstellation: Schmidt sitzt in einer „Tonne“ und liest von einem Mann, der im Magen eines Raubtiers vor sich hinvegetiert – unterbrochen von museologischen Betrachtungen, die vielleicht am meisten in diesem Satz kulminieren: „Kultur rechnet sich nicht, aber sie zahlt sich aus.“

Er kam, sah und kämpfte

Eine Summe, auf die sich auch die Ära Hans-Werner Schmidt bringen lässt. Als er im April 2000 aus Kiel nach Leipzig kam, hatte er im Grunde gleich zwei Museen an der Backe: das Interim im Handelshof und eine Baustelle auf dem ehemaligen Sachsenplatz. Hier ein labyrinthisch-beengtes Provisorium, dort ein permanenter Krisenherd. Er kam, sah – und kämpfte, für seine Schutzbefohlenen, die Kunstwerke, die Sammlung, die er nicht konservieren, sondern ergänzen, beleben wollte. Doch kaum war er angekommen, sollte der Ankaufsetat von ohnehin übersichtlichen 150 000 Mark auf Null gestellt werden. Schmidt protestierte umgehend. Der Etat blieb, weitere Konflikte folgten: kletternde Baukosten, fast zwei Jahre Bauverzug, Firmenpleiten, Probleme mit der Glasfassade zogen im Hintergrund vorüber. Ein Streit mit den Architekten über die Fußbodengestaltung im Klingersaal ging sogar vor Gericht. Die Architekten bestanden auf Eichenparkett. Schmidt und die Stadt wollten Klingers Beethoven-Plastik angemessen auf Terrazzo-Kunststein präsentieren. Wieder setzte sich der Museumsdirektor durch.

Als dann im Herbst 2004 der 36 Meter hohe Kunst-Kubus eröffnet wird, bilden sich Schlangen, strömen die Leipziger, die aber noch viele Jahre mit dem Bauwerk fremdeln – auch weil die geplante Winkelbebauung lange fehlte. Drinnen kann Schmidt nun endlich seiner eigentlichen Arbeit nachgehen. Eine Metapher, die er gleich im ersten LVZ-Interview losgeschickt hatte, ist bis heute mitgefahren: „Einen Zwölfzylinder“ – sagte er damals und meinte das neue Museum – „kann man nicht wie ein Drei-Liter-Auto fahren“. Die finanzielle Ausstattung für Neuankäufe und Ausstellungen blieb mau.

Als nach der ersten euphorischen Welle die Besucherzahlen absackten und lokalpolitischer Druck spürbar wurde, holte Schmidt 2008 Gunter Sachs mit seinem ästhetischen Kosmos unter dem Titel „Die Kunst ist weiblich“ ins Museum. Erstmals wurde die Besucherzahl von 50 000 überschritten, die Schau aber polarisierte massiv. Ähnlich heftige Debatten erzeugte die im Oktober 2013 eröffnete Ausstellung „Die Schöne und das Biest“, bei der die Werke des heute bei Sammlern geschätzten, aber im Dritten Reich verstrickten Malers Richard Müller mit Belanglosem von Modedesigner Wolfgang Joop und Pop-Art von Mel Ramos zusammengerührt wurde. Als einen „Tiefschlag für das Ansehen der Stadt Leipzig“ bezeichneten Vertreter der Leipziger Kunstszene die Ausstellung.

Nie langweilig

Das Wirken des 1951 im hessischen Dreieich geborenen promovierten Kunsthistorikers an diesen Projekten festzumachen, wäre aber falsch. Auch der Vorwurf, er habe der hiesigen Kunst zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet, mag im Einzelnen belegbar sein, stimmt im Großen und Ganzen aber eher nicht. Nie ging er, wie er sagte, „im Gänsemarsch durch die Geschichte“, sondern stellte Klassik und Moderne neben- und gegeneinander – oft erhellend, manchmal gewagt. Nie langweilig.

187 Ausstellungen wurden unter Schmidts Ägide eröffnet, ein Marathonlauf durch die Kunstgeschichte. Der Direktor und sein kleines Team haben den Zwölfzylinder mit wenig Benzin auf Touren gebracht und Meilensteine gesetzt: Etwa mit „Max Klinger. Eine Liebe“ zum 150. Geburtstag des Künstlers. Oder den Ausstellungen zu Evelyn Richter, Delaroche und Delecroix oder Bernini. Nicht zu vergessen die Schau „Begleiter“ zum 50. des Leipziger Malers Neo Rauch. Die Besucher strömten aus der halben Welt, fast 100 000 kamen, bis heute unangefochtener Rekord.

All dies spielt an diesem Donnerstagabend nicht die Hauptrolle. Die hat der Mann, der mit einem Fontane-Zitat endet: „Die Lebenslust, die eigentlich ein Erbteil der Jugend ist, scheint in mir zu wachsen, je länger der abgewickelte Faden wird.“ Spricht er, tritt endlich aus der Skulptur. Und freut sich wie ein kleiner Junge, der beim Topfschlagen gewonnen hat. Großer Applaus. Was für ein Auftritt!

Von Jürgen Kleindienst

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
  • Leipziger Opernball 2017

    Schwungvoll im Dreivierteltakt: Hier finden Sie Infos und Fotos vom Leipziger Opernball 2017 unter dem Motto „Moskauer Nächte“ mehr

  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Eine neue Ausstellung in der Galerie des Neuen Augusteums widmet sich der Geschichte der Universitätskirche sowie der Entstehung des Neubaus. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr