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Der Geste wegen - zweiter Roman von Helene Hegemann erscheint

Der Geste wegen - zweiter Roman von Helene Hegemann erscheint

Vielleicht wird ein Meteorit in die Ostsee gefallen, vielleicht die Pest ausgebrochen sein. Das lässt Helene Hegemann offen. Sicher aber ist: Kai, Samantha und Cecile sind im Jahr 2016 zwischen 16 und 21 Jahre alt und wissen, wo ihr Platz im Leben sein könnte.

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Die Filmemacherin und Autorin Helene Hegemann.

Quelle: dpa

Und auch, neben wem. Am Weg dorthin lässt die Autorin teilhaben, er führt über emotionale Unterversorgung, Wut, Sucht. Jung zu sein fühlt sich in Hegemanns zweitem Roman immer an wie Langweile, für die es kaum Worte gibt, zumindest kaum schöne.

Der Titel "Jage zwei Tiger" ist rasch erklärt, er stammt aus dem Booklet der Laibach-CD "Kapital" von 1993, Vater Carl Hegemann hat ihn in einem Text über Christoph Schlingensief zitiert, und jetzt zitiert ihn Tochter Helene: "Der Jäger, der zwei Hasen jagt, verfehlt beide. Wenn du schon scheitern musst, scheitere glanzvoll. Jage zwei Tiger."

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Helene Hegemann: Jage zwei Tiger. Roman. Hanser Berlin; 320 Seiten, 19,90 Euro

Quelle: Verlag

"Ich jedenfalls", trumpft die Erzählstimme auf, "sitze letzte Woche mit Maria beim Vietnamesen ..." Sie wird nur noch gelegentlich aus der Handlung heraustreten, und sie wird sich beruhigen mit der Zeit. Darum heißt es für die Leser zunächst: Durchhalten. In einer "Labereskapade" mischt Hegemann 80er-Jahre-Slang und Jugendsprache, streut Englisch und ein paar Fremdwörter ein und kommt nur umständlich auf den Punkt. Mal irritieren seltsam altmodische Begriffe wie "Außenbereich", "Sitzgelegenheit" oder "schlechterdings", mal ermüdet das verwahrloste Deutsch der Umgangssprache, das in wörtlicher Rede durchaus mit Atmosphäre und Ausdruckskraft versorgt, die Erzählstimme selbst aber unliterarisch erscheinen lässt. Das wirkt dann nicht frisch oder frech, sondern falsch. Diese Anstrengung mag eine ironische Distanz demonstrieren, die der Geschichte allerdings nicht dient.

Sobald Helene Hegemann aber zum Erzählen findet, bekommen ihre Figuren Kontur und die Situationen Flair. Dann schwingt die Sprache in eigenem Rhythmus, dann gelingen der Autorin zauberhafte Sätze, zärtliche und auch regelrecht komisch Szenen über Party-Geschwätz oder die Kommunikationsangebote Pubertierender: "Halt doch einfach die Fresse, wenn du mit mir redest!"

Es geht um Minderjährige in Extremsituationen, die die Musik von gestern und vorgestern hören, als seien sie im falschen Jahrzehnt geboren. Drogen sind für sie normal und Eltern "Arschlöcher". Aus ihrer Sicht hat Shakespeare "romantisch verklärten Bullshit" geschrieben, denn: "Wenn man jemanden liebt, verdammte Scheiße, tut man alles, um am Leben zu bleiben." Es geht, erklärt Hegemann, "nicht um eine möglichst authentische Schilderung dieser großen, krassen, gelangweilten Welt der Finsternis. Aber eins sei gesagt: Es war nicht wichtig, gesund auszusehen."

Kai ist fast zwölf, als er bei einem Autounfall seine Mutter sterben sieht. "Und als Kai realisierte, wie stillos und inadäquat es sein würde, morgen beim Kinderpsychologen das Verhältnis zu seinem Vater mit dem spontan gewählten Abstand zwischen zwei Bauklötzen zu visualisieren, fing er an zu rennen." Er muss trotzdem zu Vater Detlev, den er kaum kennt, der mit ihm nichts anfangen kann und auch gar nicht will, nicht "morgens um sechs aufstehen, um dir Schulbrote zu schmieren". Detlev ist im Grunde wie fast alle Väter und Mütter in diesem Roman: reich bis sehr reich und meistens weit weg. Als Eltern versagen sie, als Partner auch. Detlevs Ex-Geliebte bringt es auf den Punkt: "Es ist einfach so, dass mich langfristig alle nerven, mittelfristig wenig interessieren und kurzfristig, nun ja, scheint jeder Kontakt deshalb albern."

Die Eltern von Cecile beispielsweise sind "betrügerische, sadistische Upperclass-Spießer mit Jürgen-Teller-Originalen an der Wand". Sie wohnen in einer Art Schloss mit 120 Zimmern, während die 17-Jährige in einem Elite-Internat "kontinuierlich auf einen Schulrauswurf" hinarbeitet. "Um keinen Preis wollte sie ihr Handeln den gewöhnlichen Standards unterwerfen, wie ein Teenagerleben auszusehen hatte. Es ging gleichermaßen um ihre Dunkelheit und ihre Begeisterungsfähigkeit." Ihr Weg führt über Italien sowie durch einige Betten von Männern und Frauen. In ihrer Ka­putt­heit ähnelt sie der 16-jährigen Mifti aus Hegemanns Debüt "Axolotl Roadkill".

All diese Früh- oder Spätpubertierenden wollen den Verhältnissen entfliehen, in die sie hineingeboren wurden. Die Wohlstandskinder genauso wie Zirkuskind Samantha. Die anfangs 14-Jährige, zählt sich "zu den unerträglichen Menschen", die sich "dümmer stellen, als sie sind". Was hier nicht einfach nur "Statement" ist - die Garderobe zuerst, dann Musik, auch Filme -, das geschieht "der Geste wegen". Die nicht selten eine Pose ist. Es klingt, als schauten sie sich selbst beim Leben zu, beim glanzvollen Scheitern. Und das geht dann doch tiefer, als man anfangs glaubt. Helene Hegemann: Jage zwei Tiger. Roman.Hanser Berlin; 320 Seiten,19,90 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 24.08.2013

Janina Fleischer

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