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Nachrichten Kultur Der Komponist Dimitir Terzakis wird 75
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11:51 19.03.2018
Feiert privat: Dimitri Terzakis. Quelle: André Kempner

Und hier setzt das Werk Dimitri Terzakis' an, der von 1994 bis 2003 als ordentlicher Professor in Leipzig Komposition lehrte und heute seinen 75. Geburtstag feiert.

Die Probleme liegen für ihn auf der Hand: "Um 1950 gab es eine Zäsur: Die Komponisten der ersten Hälfte des Jahrhunderts sahen sich der Tradition des vorangegangenen verpflichtet. Sie haben sie weitergeführt, ergänzt, sich daran gerieben. Nach 1950 ging es nicht mehr darum, die Tonalität abzuschaffen, sondern die Hierarchie der Parameter." Ein Irrtum, der dazu führte, dass sich das Publikum immer weiter vom Moderne-Ghetto entfernte, das Vertrauen in die neuen Töne verlor, die mittlerweile auch schon ein sattes halbes Jahrhundert alt sind. Denn die Komponisten haben die Naturgesetze der Musik aus den Augen verloren: "Erstens: Der Mensch hört linear - überall auf der Welt. Zweitens: Der Mensch nimmt relativ wahr - jeden Ton setzt er in Beziehung zu anderen. Der Hörer braucht ein Gravitationszentrum." Aber wie kann das aussehen, wie kann es klingen? "Ein Ausweg wäre vielleicht", befindet Terzakis, "die Suche nach neuen Systemen - oder nach anderen. Aber man muss den langen Atem haben, einem Weg zu folgen. Heute meint jeder, er müsse mit jedem Stück das Rad neu erfinden."

1968 kam der in Athen geborene Sohn des berühmten Schriftstellers Angelos Terzakis nach Deutschland. "Als Komponist musste man einfach. Hier gab es den größten Markt weltweit, die besten Aufführungsmöglichkeiten, die erbittertsten Debatten." Sehe man von den Debatten ab, sei dies noch immer so: "Die Aufführungszahlen gehen zurück, die großen Festivals haben in ihrer Hermetik viel von ihrer Bedeutung eingebüßt, auch in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten hat es das Zeitgenössische zunehmend schwer. Doch immerhin sieht es besser aus, als in den meisten anderen Ländern."

1968 tobten an der Kölner Musikhochschule, an die es Terzakis als Schüler des großen Bernd Alois Zimmermann (1918-1971) verschlagen hatte, besonders erbittert die Grabenkämpfe. Die Vehemenz mit der da um Parameter und Systeme gestritten wurde, veranlasste Terzakis dazu, seinen eigenen Weg zu suchen, um Ohr und Musik, Intellekt und Sinnlichkeit wieder zu versöhnen. Dazu beschäftigte er sich mit den Klängen seiner griechischen Heimat, auch des Balkans, aus denen die Antike noch herausleuchtet. Seine Musik hat ihre Wurzeln in den hellenistischen Humus geschlagen, aus dem die Kulturen des Abend- wie des Morgenlandes wuchsen. Seine Strukturen sind horizontal, linear, melodisch er- und gefunden, so die natürlichen Fähigkeiten des menschlichen Ohres respektierend.

Kunstvoll schlicht klingen die Werke seines umfänglichen und beinahe alle Gattungen bedienenden Schaffens. Herb, anders - und in ihrer unmittelbar wirkenden Schönheit seltsam vertraut. So, als würden die uralten Modi, derer er sich bedient, Tonleitern sozusagen, die nicht im Sinne westlicher Musik als neutrales Material behandelt werden, sondern ihre melodischen Möglichkeiten bereits in sich tragen, verschüttete Erinnerungen zum Schwingen bringen.

Für Terzakis schließt sich damit ein Kreis: "Ich halte es für fruchtbar, Anregungen von außerhalb aufzusaugen, denn die westeuropäische Musik kam von außerhalb. Die Gregorianik hatte ihre Wurzeln im Orient, wurde erst nach und nach Humus für Neues, Eigenes."

Neues, Eigenes ermöglichen, das ist auch das Credo des Kompositionslehrers Dimitri Terzakis. 1985/86 als Gastprofessor in Berlin, ab 1989 als Kompositionsprofessor in Düsseldorf, später in Leipzig ,wo er, wenn er nicht gerade in seinem Haus in Nafplio ist, noch immer lebt und arbeitet: "Ich habe versucht, den Blick zu lenken auf Epochen, die sonst zu kurz kommen, das Mittelalter etwa. Großen Wert lege ich auf das Studium außereuropäischer Musik. Kriterium darf nicht mein persönlicher Geschmack sein. Und: Meinen Schülern rate ich, dass sie möglichst keinen Rat annehmen sollen."

Die Bescheidenheit, die aus diesen Worten spricht, hat bei Terzakis nichts Kokettes. Er nimmt sich als Person nicht so schrecklich wichtig wie viele seine Kollegen. Darum stört es ihn auch nicht weiter, dass man im Leipziger Musikleben kaum Kenntnis nimmt vom runden Geburtstag des Leipziger Kompositionsprofessors mit den griechischen Wurzeln: "Ich feiere privat, mit Familie und Freunden. Eine zünftige Orgie wird das." Peter Korfmacher

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 12.03.2013

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