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12:05 11.02.2018
Heinz Vielkind Quelle: Katharina Kern
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Hannover

In aller Welt hat der Innsbrucker Heinz Vielkind seit 1956 Panoramen gemalt. Sein liebster Auftrag: Takayama in Japan. Sein letzter? Wenn es nach dem 79-Jährigen geht in weiter Ferne. Ein Gespräch mit dem Künstler.

Es gibt Navis, GPS und Google Earth. Wer braucht Ihre Gemälde noch?

Ich bin nicht ersetzbar, weder durch eine Kamera noch durch ein Navi. Ich nutze selbst Google Earth, um zu recherchieren. Das Problem ist nur, dass all diese Hilfsmittel die Realität abbilden. Das mache ich ja nicht.

Aber die Wintersportler brauchen doch genaue Karten?

Nur bedingt. Sie brauchen Karten, die ihnen helfen, die richtige Abfahrt zu finden oder den richtigen Lift. Würde ich ganz streng nach Maßstab arbeiten, würden die Nutzer entscheidende Details nicht erkennen: Muss ich an dieser Pistenkreuzung nach rechts oder nach links? Ist der Hang zu steil für mich? Wo genau endet der Lift, 100 Meter unter- oder oberhalb der Jausenstation? Ich vergrößere die Landschaft und ziehe sie quasi wie ein Akkordeon auseinander, damit so viel wie möglich von der Seite des Betrachters aus sichtbar ist.

Das heißt, Sie schummeln?

Ich zeige das, was die Auftraggeber als wichtig ansehen. Die Tourismusverbände wollen natürlich, dass ihr Gebiet sich möglichst von seiner besten Seite präsentiert. Wenn da im Hintergrund ein Berg ist, der eine spektakulär schöne Seite hat und eine andere, die nicht so toll aussieht, dann zeichne ich das Panorama schon so, dass man die schöne Seite sieht.

Wie gehen Sie vor?

Ich gucke mir die Gegend sehr genau an, auf Karten, auf Google Earth. Dann überfliege ich das Gebiet, mache 300, 400 Fotos aus allen Winkeln und Richtungen, idealerweise zu verschiedenen Jahreszeiten, damit ich einen guten Eindruck bekomme. Im Studio skizziere ich zunächst mit dem Bleistift und dem Buntstift, verfeinere immer mehr und male dann mit Temperafarben das Panorama. Schließlich werden die Bilder vergrößert. Ich liefere immer jungfräuliche Landschaften ab. Die Hütten, Pisten, Lifttrassen werden erst später von den Tourismusverbänden eingefügt. Dann wird das Ganze auf Aluminiumplatten oder Pistenpläne für die Jackentasche gedruckt.

Was sind die größten Herausforderungen?

Malerisch habe ich alles gesehen, das ist immer machbar. Schwierig sind manche Kundenwünsche. Zum Beispiel musste ich mal eine Karte der Region rund um den Arlberg anfertigen. Weil sich die Tourismusverbände von Arlberg und Lech ständig stritten, wie die Berge um die beiden Orte dargestellt werden sollten, musste ich das Bild fünfmal komplett neu malen. Wir haben über jeden Quadratzentimeter diskutiert, die Karte wurde größer und größer, bis alle zufrieden waren, dass „ihre“ Berge und „ihr“ Gebiet standesgemäß dargestellt ist.

Wie kommt man zu einem so ausgefallenen Job?

Durch schlechte Schulnoten! Die hatte ich in sehr vielen Fächern, nur im Zeichnen war ich richtig gut. Ich bin dann mit 16 Jahren bei Professor Heinrich Berann in die Lehre gegangen, das war der Begründer der modernen Panoramamalerei. Ich arbeitete lange als sein Assistent. Als er einmal eine meiner Zeichnungen für seine eigene hielt, wusste ich, dass ich nicht ganz schlecht war. Der erste Auftrag, an dem ich mitarbeitete, war eine Karte für die Olympischen Winterspiele in Cortina d’Ampezzo von 1956.

Wie haben sich die Alpen seither verändert?

Gewaltig! Ich überarbeite ja alle paar Jahrzehnte verschiedene Ski- oder Wandergebiete, da sieht man deutlich, wie sich die Gletscher zurückziehen oder wie aus der Ansammlung von ein paar Bauernhöfen eine richtige Siedlung oder ein Touristenresort wird. Neue Straßen erschließen die Berge noch mehr. Der Wald wird weniger, durch einen Waldbrand, eine Lawine oder auch durch den Bau einer neuen Piste. Der Mensch ist viel, viel sichtbarer geworden in seinem Einfluss auf die Landschaft.

Ihr schönster Auftrag?

Das Beste war eine Darstellung der Region um Takayama in Japan. Einfach nur wunderbare Landschaft, keine Straßen, keine Siedlungen, nur Berge, Wälder, Seen. Ich habe das Gebiet dreimal besucht, das Bild wurde 5,40 Meter breit und 80 Zentimeter hoch. Vor Ort wurde das Panorama auf 25 Meter Breite vergrößert, das ist sicher eines meiner Meisterwerke. Ich habe danach das Firmenschild am Eingang meines Büros hier in Innsbruck auch auf Japanisch anfertigen lassen.

Was kostet eine Panoramakarte?

Jedes Werk ist ein Einzelstück, detailreich und dennoch auf gewisse Weise majestätisch, so wie die Natur eben ist. Kleinere Bilder kosten 2000 bis 6000 Euro, größere, aufwendigere Produktionen können schon mal 25 000 Euro kosten.

Sie sind 79 Jahre alt, wie lange wollen Sie noch weiterarbeiten?

Solange es noch geht. Ich mache immer noch jedes Jahr drei bis fünf Panoramen. Ich habe niemanden mehr, den ich in dieser Kunst unterweisen kann. Aber eine frühere Kollegin hat ein Atelier hier in Innsbruck aufgebaut, sie wird dafür sorgen, dass dieser Beruf nicht ausstirbt.

Von Stefan Wagner

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