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Der Phoniater Michael Fuchs über den Wagner-Gesang: "Außergewöhnliche Belastung"

Der Phoniater Michael Fuchs über den Wagner-Gesang: "Außergewöhnliche Belastung"

Michael Fuchs: Ich kann das noch trennen. Wahrscheinlich besser als mancher Sänger, wenn er Kollegen hört. Ich habe auch Gesang studiert. Aber ich kann entspannen und mich auf die Musik konzentrieren, kann genießen.

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Phoniater Michael Fuchs.

Quelle: André Kempner

studiert. Aber ich kann entspannen und mich auf die Musik konzentrieren, kann genießen. Ich höre nicht gleich die Pathologie einer jeden Stimme. Aber es gibt durchaus Sänger, um die hat man Angst, ob die den Abend durchstehen.

Wie eng ist überhaupt der Zusammenhang? Hören Sie sofort, was ein Sänger falsch macht?

So einfach ist es nicht: Nicht alles, was man an den Stimmlippen sieht, hört man auch. Und nicht alles, was man hört, sieht man den Stimmlippen an. Manchmal staunt man, welche sängerischen Leistungen trotz eines eindeutigen Kehlkopfbefundes möglich sind. Was man aber ziemlich eindeutig sieht und hört sind Veränderungen in Folge mechanischer Überforderung.

Und die ist besonders groß bei Wagner-Sängern ...

Nicht nur, aber auch: Je größer das Orchester, je größer und länger die Präsenz auf der Bühne, desto größer ist die Belastung. Aber die Gesangsstimme ist ein multidimensionales Phänomen. Zur mechanischen Funktion der Stimmlippen, müssen Gehör, Psyche, Atmung kommen. Und allerlei Einflüsse von außen können schaden: Allergien, Magen- und Speiseröhrenerkrankungen, all das gehört zusammen. Kann ich so eine Partie singen, das sollte für jeden Sänger immer die erste Frage sein.

Welche Rolle spielt das Alter?

Eine große. Aber das hängt nicht so sehr mit der Anatomie zusammen als viel mehr mit der sängerischen Erfahrung, der Kraft und den Möglichkeiten, sie einzuteilen. Das muss der Sänger erst entwickeln. Aber auch hier gibt es Ausnahmen: Hans Hotter beispielsweise hat seinen ersten Wotan mit 24 gesungen.

Was halten Sie von dem Klischee, Wagner hätte mit seinem Riesenorchester und den gewaltigen Partien eher gegen die Stimme komponiert als für sie?

Nichts. Das große Orchester ist nicht wegen der Lautstärke so groß, sondern wegen der Möglichkeiten zur Ausdifferenzierung. Analog ging es ihm auch bei den Stimmen keineswegs um Gebrüll. Wagner hat viel von Stimmen verstanden, streckenweise schon im Frühwerk, mehr jedenfalls, als viele meinen. Das ist alles sehr genau kalkuliert und notiert. Das zu beachten, auch die Orchesterbesetzung auszubalancieren, das ist die Aufgabe des Dirigenten, und natürlich trägt der auch eine große Verantwortung für die Sänger. Viele Dirigenten nehmen sie wahr: Riccardo Chailly, Ulf Schirmer oder Christian Thielemann, das sind ausgesprochene Sänger-Dirigenten, andere tun es nicht. Letztlich liegt die Verantwortung dann doch wieder beim Sänger. Der Trompeter kann sich, wenn er sich auf sein Instrument gesetzt hat, ein neues kaufen. Der Sänger kann das nicht, dessen ganzes Berufsleben ist abhängig von diesen 11 bis 20 Millimetern Stimmlippen.

Wie gehen die Opernhäuser mit ihrer Verantwortung um, werden junge Sänger zu schnell verheizt?

Das frühe Hochschießen sängerischer Begabungen birgt in der Tat erhebliche Gefahren. Aber meist wissen die Häuser, was sie ihren Sängern zumuten können und achten schon im eigenen Interesse darauf. Ich habe noch kein Haus erlebt, das wirklich verantwortungslos mit den Mitgliedern seines Ensembles umgeht, alle sind darauf bedacht, die Stimmgesundheit zu erhalten. Bei der langfristigen Entwicklung von Sängerkarrieren kann der Phoniater durchaus als Partner wirken. Weil er keine eigenen Interessen hat, kein Konkurrent ist, auch keinen Spielplan sichern muss.

Gibt es überhaupt die spezifische Wagner-Stimme?

Das ist differenzierter geworden in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Vom dezidiert Kraftvollen, Heldischen rückt man wieder ein wenig ab. Das Heldenbild hat sich ja auch verändert: Die Helden von heute sehen anders aus als die vom Anfang des letzten Jahrhunderts, und sie werden auch wieder jünger. Klaus Florian Vogt ist ein schönes Beispiels für diese Entwicklung. Dennoch: Die großen Wagner-Partien stellen eine ganz außergewöhnliche Belastung dar.

Ist die Situation bei den Frauenstimmen grundsätzlich anders?

Nein. Die Probleme sind eher größer.

Warum?

Wegen der höheren Töne ist die Spannung größer und damit auch die mechanische Belastung. Zudem liegen bei hohen Frequenzen die Obertöne weit auseinander, also müssen Vokale verändert werden, um Resonanzen ansprechen zu lassen, das macht den Text bei hohen Frauenstimmen so schwer verständlich. Aber das ist kein spezifisches Wagner-Problem. Seine Brünnhilde und Puccinis Turandot sind, was die Belastung der Stimme anbelangt, absolut vergleichbar

Gibt es einen nachvollziehbaren Grund dafür, dass Wagner-Sänger oft ein wenig korpulent daherkommen?

Das ändert sich bereits seit einigen Jahren. Aber grundsätzlich gilt: Jeder hat sein Wohlfühlgewicht, drunter und drüber funktioniert beides nicht. Und wenn sie sich die Physiognomien massiger Sänger einmal ansehen, werden Sie oft feststellen: Sie sind nicht dick. Es sind Kraftmenschen.

Sehen auch Sie die so oft schon diagnostizierte Krise im Wagner-Gesang?

Ich glaube nicht, dass es da eine Krise gibt. Im aktuellen Leipziger "Rheingold" beispielsweise ist ein durchweg sehr erfreuliches sängerisches Niveau zu hören. Ich glaube einfach, dass Sänger der neuen Generation, die 30 bis 40-Jährigen, mit sehr viel Wissen und mit großer Verantwortung an diese Partien heran gehen. Das macht mich für die Zukunft sehr optimistisch.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 28.05.2013

Peter Korfmacher

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