Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Der Sinn des Lebens ist Poesie: Poetry Slam und Kamikazefest auf der Sommerbühne
Nachrichten Kultur Der Sinn des Lebens ist Poesie: Poetry Slam und Kamikazefest auf der Sommerbühne
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 05.07.2017
Bester der Besten: Sulaiman Masomi, Gewinner des Leipziger Dichterwettstreits. Quelle: André Kempner
Anzeige
Leipziger

Freitag war ein historischer Tag. Der Bundestag beschloss die Ehe für alle nach jahrelangen Diskussionen überraschend zügig. Die Grünen feierten, die CDU war gespalten und überall wurde diskutiert. So kam auch der „Best of Best of Poetry Slam“ (ein Wettbewerb der besten Livelyrix-Poetry-Slammer der vergangenen fünf Jahre) auf der Sommerbühne im Panometer nicht an dem Thema vorbei.

Nach der Einstimmung durch Moderator Bleu Broode („Was ist der Sinn des Lebens? Wahrscheinlich die Poesie“) und verträumt-romantischen Klängen der Leipziger Songwriterin June Cocó legt der erste Slammer André Herrmann gleich deftig los: „Ehe für alle finde ich gut, aber irgendwie klingt das auch wie eine Drohung.“ Den pointierten Rahmen hat das Mutitalent aus Wittenberg/Dessau damit gesetzt, tatsächlich geht es danach nicht „abwärts“, wie sein Text heißt, sondern wird noch amüsanter. Wie so oft thematisiert Herrmann auch hier wieder seine sachsen-anhaltischen Wurzeln mit viel Sarkasmus, diesmal geht es um die Hochzeit seiner Cousine im Nachbarland. Das Herrmannsche Fazit: „Dann lieber kopfüber in die Elbe.“

Das Sujet „Herkunft“ zieht sich auch durch die Auftritte der anderen Slammer. Tanasgol Sabbagh etwa berichtet in berührenden Worten von ihren Erfahrungen als gebürtige Iranerin im immer noch nicht so wie erhofft fremdenfreundlichen Deutschland. Schließlich richtet sie – erst auf Persisch, dann auf Deutsch – einen Aufruf an ihr Geburtsland: „Ey Iran, hörst du nicht, wie man über dich spricht?“

Die Frauke Petry des Poetry Slams

Wieder mit mehr Humor versucht es Sulaiman Masomi. Mit „keine Angst, ich spreche Deutsch“, stellt sich der gebürtige Afghane vor und liest fortan Texte aus seinem Buch „Ein Kanake sieht rot“. Und diese haben es in sich. „Verrat der Sprache“ ist ein furioses Sprachspiel mit rhetorischen Figuren, die munter durcheinanderdiskutieren. Ein Beispiel? „Herr Euphemismus, kann es sein, dass Sie die Sache beschönigen, fragte die rhetorische Frage.“ Oder: „Die Syntax forderte Ordnung ein.“ Formsache, dass Masomi ebenso das Finale erreicht wie Tanasgol Sabbagh – auch wenn André Herrmann sowie der vierte Teilnehmer, der Beatboxer Dalibor Markovic, das Weiterkommen verdient gehabt hätten.

Vor und im Endspiel wird es noch politischer, besonders Frauke Petry findet mehrfach Erwähnung. Moderator Broode wünscht ihr noch viele weitere Kinder, aber keine politische Betätigung mehr, Sulaiman Masomi meint, dass er so etwas wie die Frauke Petry des Poetry Slams sei und fragt dann: „Kann ein Kanake über etwas anderes reden als über seine Kanakenhaftigkeit?“ Offenbar nicht, denn obwohl er nach eigenen Angaben bei einem Terroranschlag als Erster die Beine in die Hände nehmen würde, muss er sich dennoch dauernd vom Terror distanzieren. „Ich distanziere mich jetzt lieber von der Bühne“, sagt der Wahl-Krefelder zum Abschied, um kurz den Siegerpokal in Form einer Flasche Long-Horn-Gin hochhalten zu können. Der gebührende Sieger eines wahren Best of Best of.

Ähnlich unterhaltsam ist es am Sonnabend weitergegangen. Das Ein-Tages-Festival „Kamikazefest“ versammelte aufstrebende Indie-Bands aus der Region wie Tøle Anka, White Wine und A Dead Forest Index – leider nicht immer im Trockenen. Den krönenden Abschluss schafften Talking to Turtles, bevor das SommerOrchester Leipzig am Sonntagabend erstmals eine Oper auf die Bühne der Arena am Panometer bringen wird: Mozarts Don Giovanni. So kann sich der Sommer hier fortsetzen!

Montag, 20 Uhr, in der Arena am Panometer (Richard-Lehmann-Straße 114): Mohammad Reza Mortazavi, Abendkasse 15 Euro

Von Christian Dittmar

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

„MannHeim“ heißt das neue Album der Söhne dieser Stadt. 17 davon standen ab frühen Sonnabendabend auf der weiß, aber wetterfest ummantelten Frischluftbühne namens „Junge Garde“. Acht sorgten für den Sound, gar neun verschiedene Männer sangen, tanzten und rappten davor auf der Bühne.

02.07.2017

Die britische Sängerin Adele hat ihre beiden Konzerte im Londoner Wembley-Stadion abgesagt. Es wären die letzten beiden Auftritte bei ihrer Tour gewesen. Die Stimmbänder wollen nicht mehr.

01.07.2017

Der Leipziger Verein „Helden wider Willen“ beobachtet die Entwicklung der Stadt mit Sorge. Die Mieten steigen und niemand spricht mehr wirklich miteinander. Die Projekte „HAL Atelierhaus“ und „Honorary Hotel“ sollen mit günstigem Wohnraum und Raum zur Entfaltung Abhilfe schaffen und zu einer positiven Stadtteilentwicklung beitragen.

04.07.2017
Anzeige