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Kultur Der Spion, der die Kunst liebte: Die Skulpturen von Horst Meier alias Erwin Miserre
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18:43 11.01.2017
Günther Rothe (69) vor Horst Meiers „Liegende entspannt mit Schlitten“, zu sehen im Leipziger Hotel The Westin. Rothe kannte Meier seit 1982, jetzt kümmert er sich um den künstlerischen Nachlass. Quelle: André Kempner
Leipzig

Ungewöhnlich sind sie, diese aus mehreren Teilen zusammengesetzten Bronzeskulpturen, die 1990/91 im Leipziger Romanushaus zu sehen sind. Eine heißt „Bebürdet, aber aufrecht“, eine andere „Liegende entspannt“. Als Künstler zeichnet ein gewisser Horst Meier aus Freudenberg bei Berlin. Mehr Aufmerksamkeit als die Schau erzeugt ein Prospekt mit einem Foto des Künstlers. „Ich musste den sofort eindampfen“, erzählt der Leipziger Günther Rothe (69). Mit Konterfei, das gehe gar nicht, habe man ihm zu verstehen gegeben. Rothe, ein Künstler und damals auch Kunsthändler, vertrat diesen Meier. In seiner kleinen Kunstgießerei, die er neben Malerei und Musik betrieb, hatte er die komplizierten Abgüsse für den scheuen Bildhauer hergestellt.

Meier war angetan von Rothes handwerklichem Können. Rothe war fasziniert von Meiers Bildsprache, der er 1982 zum ersten Mal begegnet war. Nur eins wurmte Rothe seitdem: „Ich durfte seine Werke nicht zeigen.“ Noch 2007, als ihn Dorothea Keeser, Direktorin des Chelsea Art Museum in New York, zu einer Ausstellung überreden wollte, winkte Meier ab. Es sei noch nicht so weit, eines Tages würde man ihn verstehen, deutete er immer an.

Eine Skulptur für Markus Wolf

Erst vor gut zwei Jahren verstand Rothe, da hatte er erfahren: Horst Meier arbeitete von 1963 bis 1976 für den Auslandsgeheimdienst der DDR, die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) unter Markus Wolf, dem Meier später eine seiner Plastiken schenkte. Er war ein Spion. Zwar war seine Tätigkeit 1993 vom Verfassungsschutz aufgedeckt worden, dennoch wollte er offenbar bis zuletzt nicht, das seine Geschichte größere Kreise zieht.

Nach 2012 leidet Meier an fortschreitender Demenz. 2014 meldet sich seine Tochter bei Rothe: Nun sei die Zeit gekommen, mit den Kunstwerken ihres Vaters an die Öffentlichkeit zu gehen, ob er dabei helfen könne. Rothe kann und will, schließlich war das zwischen ihm und Meier abgemacht. Er lässt 30 Skulpturen in der Kunst- und Glockengießerei Lauchhammer herstellen. Eine aufwendige Millimeterarbeit: Weil die Plastiken aus bis zu zwölf wie ein Uhrwerk ineinandergreifenden Teilen bestehen, ist höchste Präzision erforderlich. Und Rothe lässt diese höchst ungewöhnliche Biographie recherchieren, gibt einen Katalog zu Leben und Werk Meiers heraus. Eine Agentenstory, Kunst und Kalter Krieg: Das elektrisierte auch den „Spiegel“, der im Oktober auf zwei Seiten berichtete.

„Aus dem Schutzraum der Heimlichkeit“

Und noch bis Mitte Februar werden im Leipziger Hotel The Westin Horst Meiers Skulpturen gezeigt. Auf mehreren Ebenen, zwischen Sitzgruppen und Treppenaufgängen sind sie da zu finden, darunter auch jene, die Rothe einst im Romanushaus präsentierte. „Aus dem Schutzraum der Heimlichkeit“ heißt die Schau. Der Künstler selbst erlebte sie nicht mehr. Horst Meier ist im Herbst 2016 im Alter von 91 Jahren gestorben. Am 6. Oktober wurde er beerdigt.

Die Kunst eines Ex-Agenten im laufenden Hotelbetrieb, irgendwie passt das zu einem Leben, für das sich laut Rothe nun Filmemacher interessieren und das im Dörfchen Meineweh bei Zeitz begann. Meier wird dort 1925 geboren, geht zur Schule, wird zum Elektroinstallateur ausgebildet. Dann wird er von der Wehrmacht eingezogen, muss im März 1944 an die Ostfront, wo er wenige Monate später in Kriegsgefangenschaft gerät. Fünf Jahre bleibt er in Lagern in der Ukraine. 1949 schickt man ihn für ein paar Monate in eine Antifa-Schule bei Riga, deren Absolventen später in der DDR oftmals wichtige Funktionen einnahmen. Im selben Jahr kehrt Meier zurück nach Meineweh, holt in Halle sein Abitur nach, studiert von 1951 bis 1955 Journalistik in Leipzig. Er heiratet, arbeitet als Kulturredakteur für das „Freie Wort“ in Suhl.

Aus Horst Meier wird Erwin Miserre

1960 kommt es zur Zäsur, die Ehe, seine Familie mit vier Kindern zerbricht. Ein Freund aus der Zeit der Kriegsgefangenschaft fragt ihn, ob er wie er für die HVA arbeiten wolle. Meier zögert, drei Jahre später sagt er zu. Die Stasi verschafft ihm eine neue Identität. Aus Horst Meier wird Erwin Miserre. Einen Mann dieses Namens gab es tatsächlich. Er war aus der Bundesrepublik nach Kanada ausgewandert, wo er 2003 gestorben ist. Meier-Miserre geht 1965 nach Frankfurt am Main und über Saarbrücken 1967 nach Brüssel, wohin die Nato gerade ihren Hauptsitz verlegt hat.

Hier arbeitet er für die HVA als so genannter Resident, betreut die operativen Agenten, tauscht zwischen ihnen und dem Ostberliner Hauptquartier Informationen aus. Mit James-Bond-Romantik hat der Job nicht viel zu tun. Nur einmal in der Woche, immer mittwochs ab 22 Uhr, kontaktiert er das Hauptquartier über Kurzwelle. Der Agent hat viel Zeit, seine Tarnung als Elektroinstallateur gibt er bald auf. Er unternimmt ausgedehnte Reisen. Es zieht ihn zur Bildenden Kunst. Als Erwin Miserre schreibt er sich an der Königlichen Akademie der Künste ein, wird Assistent und Schüler des Bildhauers Olivier Strebelle. 1968 bis 1976 arbeiten die fast gleichaltrigen Männer eng zusammen. Miserre beginnt, selbst Skulpturen zu schaffen, die die Inspiration durch den Lehrmeister nicht leugnen können. Die organisch ineinander fließenden, komplex verschränkten Formen beeindrucken ihn sichtlich. Der Begriff „Künstleragent“, mit diesem Erwin Miserre bekommt er einen ganz neuen Klang. Auch die Liebe klopft in Brüssel noch mal laut an. Seine Nachbarin, eine junge Dolmetschin, verliebt sich in ihn. Von seinem Nebenjob bekommt sie lange nichts mit, ihr fällt nur auf, dass ihr Freund mittwochabends nie Zeit hat.

Erwin Miserre ist wieder Horst Meier

1976 ist es vorbei mit dem süßen Agentenleben. Der westdeutsche Verfassungsschutz hatte herausbekommen, wie die HVA ihre Agenten ins Ausland schleuste, auch Meier/Miserre droht aufzufliegen. Er ist „verbrannt“, kehrt zurück in die DDR, seine neue Liebe begleitet ihn. Das Paar heiratet, zieht nach Freudenberg bei Berlin und bekommt zwei Kinder. Erwin Miserre ist wieder Horst Meier. Der Agent im Ruhestand hat nun Zeit für Familie und Kunst. Bei Olivier Strebelle meldet er sich nie wieder.

In die Öffentlichkeit treten kann und will er nicht, auch Fotos vom Künstler Horst Meier sind tabu, es soll nicht bekannt werden, das er dieser Erwin Miserre in Brüssel war. So blieb nur das Kürzel, mit dem er bis zuletzt seine Arbeiten zeichnete: „E.M.“.

Am 9. Februar gibt es um 19 Uhr im Hotel The Westin (Gerberstraße 15) einen Vortrag und eine Diskussion über Horst Meier

Von Jürgen Kleindienst

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