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Der Stachel im Fleisch der Gewissheit - Unterhaltsames Verwirrstück im Schauspiel

Der Stachel im Fleisch der Gewissheit - Unterhaltsames Verwirrstück im Schauspiel

In Iwan Wyrypajews "Wespen stechen auch im November" ist nichts wie es scheint. Oder doch? Zu erleben auf der Bühne "Diskothek" ist ein unterhaltsames Kammer-Verwirrspiel, das am Sonntagabend als Übernahme aus Chemnitz seine Leipzig-Premiere hatte.

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Donald (Sebastian Tessenow) bedrängt Sarah (Julia Berke) in der Inszenierung auf der Zweitbühne im Schauspielhaus.

Quelle: Rolf ArnoldSchauspiel

Leipzig. Üppiges, undurchdringliches, leuchtendes Grün wuchert vor dem angedeuteten Wohnzimmerfenster. Dabei müsste dort letztes Laub am Ast baumeln, es ist November, wie das Publikum gegen Ende des Theaterabends erfährt, es regnet seit Tagen. Nicht einmal das passt zusammen in Dieter Boyers Inszenierung von "Wespen stechen auch im November" - und soll es auch nicht. Das unterhaltsame Kammer-Verwirrspiel, das am Sonntagabend als Übernahme aus Chemnitz seine Leipzig-Premiere auf der Bühne "Diskothek" des Schauspiels hatte, zielt darauf, alle Eindeutigkeiten über Bord zu spülen.

Iwan Wyrypajew, russischer Autor, verfasste das Stück als Auftragsarbeit für das Chemnitzer Theater. Von dort sind mit dieser Spielzeit auch die drei Schauspieler nach Leipzig gewechselt, die die Inszenierung ohne Anlaufschwierigkeiten engagiert mit Leben füllen. Es geht mitten hinein in den Streit: Robert will von seiner Frau Sarah wissen, welcher Mann vergangenen Montag bei ihr war. Sarah (Julia Berke) behauptet, es sei Roberts (Michael Pempelforth) Bruder Markus gewesen. Donald (Sebastian Tessenow), der mit den Eheleuten auf deren weißer Couch sitzt, behauptet hingegen, Markus sei bei ihm gewesen.

Wo war Markus wirklich? Die Frage zieht sich als roter Faden durch das Stück. Die eindeutige Antwort bleibt aus bis zuletzt. Womit nicht zu viel verraten ist, denn hier gilt nicht die Logik des Krimis. Es geht nicht um Lüge versus Wahrheit. Es geht darum, das gängige Konzept von Wahrheit in Frage zu stellen. Existiert eine objektive Realität außerhalb unserer Wahrnehmung überhaupt? Daran arbeiten sich die Erkenntnis-Wissenschaften ab, die Inszenierung kratzt an der Frage nur oberflächlich, etwas sprunghaft, aber ideenreich und mit spielerischer Freude. Sarah schraubt eifrig Kruzifixe zusammen, obwohl auch die Religion nicht weiter hilft. Und Donald spricht von Vertrauen, während er Sarah körperlich bedroht.

Irgendwann gesteht Sarah, dass sie gerade eine dreijährige Affäre mit einem anderen Mann beendet hat. Es kommt ans Licht, dass Donald von seiner Frau einst eine Abtreibung verlangte. Und schon einen menschlichen Finger verspeist haben will. Abgründe. Und doch verstecken sich alle immer wieder hinter der letztlich banalen Frage: Wo war Markus? Als Donald seine Nachbarin als Zeugin am Telefon präsentiert, stellt Robert die entscheidende Frage nicht. Manchmal scheint es besser, doch nicht alles zu wissen. Dann hilft der Ausweg in die Floskel, in die nichtssagende Metapher. Auch so eine Null-Aussage: Der titelgebende Satz von den Wespen, die auch im November stechen, der in den Dialogen immer wieder fällt.

Abseits des Spiels zeigt ein Blick ins Programmheft, dass die Charaktere weitere Namen tragen. In Klammern heißt Sarah auch Helen, Robert eigentlich Mark. Und mal spielt das Stück in Schweden (vom Zug nach Stockholm ist die Rede), dann wieder offensichtlich in den USA, wenn die Schuld des Bomben werfenden Präsidenten erörtert wird. Will heißen: Die Mechanismen des Wissenwollens und Verdrängens, das Aufeinanderprallen subjektiver Wahrheiten wiederholen sich überall.

"Lasst uns dieses absurde Gespräch beenden", bettelt Donald in einem seiner ersten Sätze. Doch auch bei vordergründiger Sinnfreiheit einiger Dialoge vollzieht sich weit mehr als absurdes Theater.

Weitere Aufführungen: 24. und 30.10., 3. und 13.11., jeweils 20 Uhr; Karten: (0341) 1 268 168 und www.schauspiel-leipzig.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 22.10.2013

Dimo Rieß

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