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Nachrichten Kultur Der Tod steht ihr gut: Carolein Smits schrecklich schöne Welt im Grassimuseum
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14:10 19.06.2018
Schöner Horror: Carolein Smits „Apokalyptischer Reiter“ von 2014. Quelle: Dirk Knofe
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Leipzig

 Schön ist es, vielleicht ein wenig puppenhaft, dieses „Mädchen mit Hund“ im blauen Umhang, das da in die Orangerie im Grassimuseum für Angewandte Kunst lächelt. Das Ärgerliche an der Schönheit ist: sie vergeht. Tatsächlich gähnt der Tod auf der Rückseite. Schlangen kriechen an einem Skelett hoch, zu seinen Füßen sitzt eine Kröte. Das volle Programm. Nichts weniger bekommt, wer die international gefragte niederländische Keramikkünstlerin Carolein Smit ins Museum holt. Gleich drei renommierte Häuser machen das in diesem Jahr: das Victoria & Albert Museum in London (bis 30. September), das Drents Museum in Assen (ab 3. November) und das Grassi. Am Samstag um 14 Uhr wird hier ihre Schau „L’amour fou“ eröffnet.

Es ist ein dramatisches Welttheater mit Venus und Leda, gefallenen Engeln, Monstern, nagenden Teufeln, apokalyptischen Reitern, Satyren, Tieren, Fabelwesen und wilden Männern, das die 57-Jährige in Leipzig zeigt. Ihre Figuren funkeln zwischen Künstlichkeit und Lebendigkeit, Schönheit und Grauen, Leiden und Lust, Eros und Tod, dass es eine Freude ist. Es glitzert und strahlt, mahnt und raunt. Lustvoll kurvt sie durch die Kunst- und Religionsgeschichte, ankert in der Welt der Wunderkammern, in Mittelalter und Barock mit ihren Vanitas-Darstellungen. Der Tod steht ihr gut.

Mehr ist mehr

Carolein Smits Werke sind filigran, wenn sie etwa hunderte, tausende Haare aus Ton herstellt und verarbeitet – und gleichzeitig trägt sie dick auf: Mehr ist mehr, könnte ihr Motto lauten. „Ich setzte immer gerne noch einen drauf“, sagt die Künstlerin. Ihre Pietà weint Blut, sehr viel Blut: „Wenn Jesu Blut für die Sünden der Welt vergossen wurde – wie viel Blut muss dann heute eine Pietà weinen?“, habe sie sich gefragt. Viele Leute würden ihre Kunst nicht mögen, erzählt sie: „Zu viel Farbe, zu viel Tod, zu viele Knochen, sagen sie.“ Sie arbeite jedoch für niemanden außer sich selbst. Und warum all das Drama? „Das macht mich glücklich. Ich schlafe gut.“ Galeristen auch: Smits Werke werden für zehntausende Euro gehandelt.

Die Toten tanzen

Die Niederländerin zeigt in Leipzig über 30 großformatige Einzelplastiken. „Es ist ihre bisher größte Ausstellung in Deutschland“, sagt Museumsdirektor Olaf Thormann. Viele der Arbeiten seien in diesem Jahrzehnt entstanden, einige „noch ofenfrisch“. 2015 waren durch eine Schenkung fünf Smit-Skulpturen ins Haus gekommen. „Das hat uns gewissermaßen den Mund wässrig gemacht.“ Ein Jahr später besucht Thormann sie in ihrem Atelier in Belgien, die Idee für eine Ausstellung nimmt Formen an. Eigens dafür soll eine großflächige Wandinstallation entstehen. Als sie den Ausstellungsort besichtigt, erfährt sie, dass das Grassimuseum auf Toten steht. Rund 16­ 000 Skelettfragmente wurden bei den Bauarbeiten 1925/26 auf dem Johannisfriedhof umgebettet. „Das passt ja“, war ihre spontane Reaktion. Und: „Die Toten müssen tanzen“.

Das tun sie nun auf dem fantastischen Totentanzrelief, das in der Orangerie eine ganze Wand füllt. Vor nachtblauem Hintergrund agieren feine weiße Keramikfiguren. Ein Bär tanzt, menschliche Skelette trommeln, tröten und fiedeln mit allerlei Getier. Im Sternenhimmel schweben eine etwas andere Ballerina, ein Schaf, ein Äffchen und Fledermäuse.

Zeitlosigkeit und Moderne: „Made in Denmark“

Gegen dieses aus der Perspektive der bildenden Kunst inszenierte große Kino könnte die zweite, ebenfalls am Samstag eröffnende große Sommerausstellung „Made in Denmark. Formgestaltung seit 1900“ ein wenig verblassen. Eine Sorge, die allerdings angesichts der gezeigten Qualität unbegründet ist. „Wir zeigen ausschließlich Werke aus dem eigenen Bestand.“ Dieser Satz von Kuratorin Sabine Epple überrascht mit Blick auf die langen Beziehungen des Leipziger Museums mit Dänemark nicht mehr. Bereits im späten 19. Jahrhundert sei dänische Keramik angekauft worden, so Thormann. Eine fruchtbare Verbindung, die nur selten unterbrochen wurde. Zuletzt habe es mehrere hochkarätige Schenkungen, unter anderem mit Möbeln, Silber und Plastiken gegeben – einer der Anstöße für diese Ausstellung, die im Anschluss in Finnland gezeigt werden soll und verdeutlicht, wie sich „Made in Denmark“ als Marke etabliert, die für Zeitlosigkeit und Moderne steht.

Gezeigt werden insgesamt rund 320 Objekte – unter anderem Möbel, Keramik, Silber und Spielzeug. Ergänzt werden die Exponate durch die Schmucksammlung Schwandt mit Arbeiten bekannter Schmuckdesignern wie Georg Jensen oder Mogens Ballin.

Grassimuseum für Angewandte Kunst (Johannisplatz 5–11); Carolein Smit. L’amour fou (bis 30. 9.); Made in Denmark (bis 7. 10.); geöffnet Di–So, 10–18 Uhr; beide Ausstellungen werden Samstag (2.6.), 14 Uhr, eröffnet; am Sonntag, 14 Uhr, spricht Carolein Smit über ihre Kunst und zeigt den Fertigungsprozess.

Von Jürgen Kleindienst

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