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Der Welt entrückt: Mit Grillparzer-Stück wird Schauspiel-Hinterbühne eröffnet

Der Welt entrückt: Mit Grillparzer-Stück wird Schauspiel-Hinterbühne eröffnet

Nach Großem Saal, Zweitbühne "Diskothek" und der neuen Residenz wurde am Freitagabend auch auf der Hinterbühne des Schauspiels die neue Spielzeit eingeleitet.

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Hero (Lisa Mies) zwischen den Tempel-Eindringlingen: Leander (Sebastian Tessenow, links) und Naukleros (Jonas Hien).

Quelle: Rolf ArnoldSchauspiel

Leipzig. Franz Grillparzers "Des Meeres und der Liebe Wellen" war zu sehen - in einer Inszenierung, die sich ganz auf die Sprache verlässt.

Es ist ein altgriechischer Mythos, den Franz Grillparzer in seinem Theaterstück aufgreift, das 1831 uraufgeführt wurde. In Leipzig war es noch nie zu sehen. Vielleicht ist das der Grund, warum sich die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik für eine gradlinige Umsetzung des Stoffes entlang des Textes entschieden hat. In einer Sprache, in die man sich erst hineinhören muss, die an wenigen Stellen ins Stolpern gerät, insgesamt aber einen wohltuenden Theaterabend beschert.

Zu sehen ist eine Liebe, die nicht sein darf. Das ewige Thema, immer wieder variiert. Hier darf die junge Priesterin Hero (Lisa Mies) nicht ihrem Herz folgen. Die Begegnung mit Leander (von Sebastian Tessenow schwärmerisch entrückt umgesetzt) kommt zu spät, das Gelübde, der irdischen Liebe zu entsagen, ist geleistet. Leander allerdings sieht nachts die Kerze Heros leuchten und schwimmt über das Meer zu ihr. Die heimliche Begegnung zu wiederholen scheitert. Der wachsame Oberpriester und zugleich Heros Onkel löscht das Licht der schlafenden Hero, Leander findet den Weg nicht und ertrinkt. Worauf sich auch Hero in den Tod stürzt.

Henrik Ahr, Professor für Bühnenbild am Mozarteum Salzburg, setzt dieses Geschehen auf einem künstlichen Felsen in der Bühnenmitte in Szene. Eine wuchtige Installation, die die hermetische Abgrenzung des Tempels eindrucksvoll illustriert. Da werden Assoziationen wachgerufen an archaische Gesellschaften, an die griechische Mönchsrepublik Athos etwa. Das ist als Bild gelungen und konzentriert das Spiel, das sich bis auf eine Szene ganz auf dem Fels-Tableau abspielt. Allerdings muss das Publikum der ersten Reihen kräftig die Hälse recken, was über knapp eineinhalb Stunden Spielzeit mühsam werden kann.

Das Spiel, obgleich der Stoff gerafft über die Bühne geht, erfordert Konzentration, gelingt nicht ganz ohne Längen. Es lohnt sich aber, denn darstellerisch überzeugt die Inszenierung. Der Spiel- radius, durch den Fels gesetzt, ist eng. Umso wichtiger ist Präzision. Dafür hat sich Mateja Koležnik den Künstler und Performer Matija Ferlin als Choreographen ins Boot geholt, mit dem Ergebnis einer gelungenen Feinabstimmung. Da lugt durch die verbissene Härte des Oberpriesters (Andreas Herrmann) stets die Furcht, ihm könnte die Ordnung der Dinge entgleiten. Dirk Lange gibt mit jeder Bewegung den eifrigen, verschlagenen Wächter. Ellen Hellwig, als Heros Mutter nur wenige Minuten auf der Bühne, braucht keine Worte, um die Seelenqual der gramgebeugten aber gehorsamen Ehefrau und Mutter auszustellen. Und Lisa Mies, die Hero, spielt sich zusehends frei.

Grillparzer schrieb "Des Meeres und der Liebe Wellen" in der Biedermeier-Zeit des österreichischen Kaisertums, in der Epoche der Restauration, die auch von einem nach innen gerichteten Kontrollapparat getragen wurde. Prägend waren gesellschaftliche Erstarrung, der Rückzug ins Private. Grillparzers Werk wird gemeinhin wahrgenommen als Reaktion auf die äußeren Umstände, die Selbstaufgabe über Individualität stellte.

Daran anschließend ließe sich fragen, ob die Leipziger Erstaufführung nicht ein paar Jahre zu spät kommt, vor dem Systemwechsel größere Aussagekraft besessen hätte. Oder man blickt vom Stück gleich auf aktuelle Entwicklungen, in denen Staaten, die unter der Flagge der Freiheit segeln, genau diese angstvoll beschneiden und die Abschottung neu gesucht wird. Man kann es aber auch einfach lassen und sich an der Sprache und der Intensität einiger feiner Theatermomente erfreuen.

iWeitere Aufführungen: 13. und 31.10., 20.11., 12.12., 9. und 24.1., 16.2., 18.3., 18.4. jeweils 19.30 Uhr; Karten unter 0341 1268168 Schauspiel-Leipzig.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.10.2013

Dimo Rieß

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