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Kultur Der große Sprung: Michel Ben Seidel startet in Hamburg in die Theaterwelt
Nachrichten Kultur Der große Sprung: Michel Ben Seidel startet in Hamburg in die Theaterwelt
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05:00 17.08.2017
Michel Ben Seidel, 18, geht nun den Schritt vom soziokulturellen Jugendtheater auf professionelle Bühnen. Quelle: André Kempner
Leipzig

Am Wochenende steht Michel Ben Seidel noch mal auf der Bühne des Theatriums, spielt Hans Scholl in „Die weiße Rose“. Es ist seine letzte Rolle am ambitionierten Grünauer Jugendtheater. Und die letzte als Laien-Schauspieler. Ab Oktober studiert Seidel Schauspiel in Hamburg. Vor einer guten Woche kam die Zusage. „Ich habe es noch nicht ganz realisiert“, sagt der 18-Jährige über die Zulassung an Hamburgs Hochschule für Musik und Theater (HfMT). Ein unerwarteter Erfolg. Denn: „Ich habe nebenher auch noch Abitur gemacht.“ Nebenher. Ein Wort, das keinen Zweifel an seiner Prioritätensetzung lässt, von der er auch nicht abließ, als er sich für die Bewerbungstermine vom Unterricht im Markranstädter Gymnasium freistellen lassen musste und ihn eine Lehrerin aufforderte, sich doch lieber „eine ordentliche Arbeit“ zu suchen.

Michel Ben Seidel sieht aus wie einer, der nach dem Ausweis gefragt wird, wenn er einen Ab-18-Film im Kino anschauen will. Einer, der auf den ersten Blick unterschätzt wird. Doch vielleicht sei gerade das vor der Auswahl-Kommission ein Vorteil gewesen, überlegt er, weil er überraschen konnte. Mit einem Dialog aus Thomas Jonigks Missbrauchs-Stück „Täter“ überzeugte er. Zumindest im zweiten Anlauf. Erst wurde er aus dem Raum geschickt, dann sollte er die Szene erneut spielen, jetzt mit anderen Vorzeichen, nicht als Opfer und verletzt, sondern, als sei er stolz darauf. „Da habe ich gemerkt, man muss nicht inszenieren, sondern die Rolle und Situation empfinden.“ Er erinnert sich an seine ersten Proben im Theatrium, als er noch lachen musste über die unterschwellig empfundene Distanz zwischen der eigenen Person und der Fremdheit der Worte Franz Moors, des hinterlistigen Bruders des Räuberhauptmanns, die aus seinem Mund kamen.

Nach einer Projektwoche an seiner Schule hat er ans Theatrium gefunden. Nach wenigen Wochen, damals in der neunten Klasse, wusste er, dass er Schauspieler werden will. Und er war selbstbewusst genug, das kundzutun, die Sprüche auszuhalten, die sich Pubertierende um die Ohren hauen, wenn sich einer aus der Deckung wagt. „Damals habe ich noch gedacht, im Theater bekommt man einen Text und macht irgendwas auf der Bühne“, grinst Seidel. „Erst nach vier Jahren habe ich richtig kapiert, um was es eigentlich geht.“ Falko Köpp, Projektleiter bei „Die weiße Rose“, habe ihm geholfen, die Gefühlswelt der zu spielenden Person zu verinnerlichen. Inzwischen kann er ganz eintauchen in die Rolle, die Angst Hans Scholls vor der Entdeckung durch die Nazis spüren oder vor dem inneren Auge die Waffen an den leeren Wänden sehen, wenn er in „Richard III.“ davon erzählt.

„Kleine Haie“ – im Jahr 2017

Am Max-Reinhardt-Seminar in Wien, einer der renommiertesten Schauspiel-Schulen, hat er sich damit vorgestellt und ist in die zweite Runde gelangt. Irgendwo in die zweite Runde vorzudringen in den strengen Auswahlverfahren, das war das Ziel, als sich Seidel auf den Weg gemacht hat zu den Bewerbungsrunden. Berlin im vergangenen Oktober, dann Leipzig, das waren die ersten Versuche, an denen er gewachsen ist. Er hat das Feedback mitgenommen, an sich gearbeitet, eine der Rollen verändert, die er für das Vorspielen gewählt hatte. Statt mit dem Doktor aus „Woyzeck“, präsentierte er sich danach mit Leonce aus „Leonce und Lena“. Vom Büchner-Drama zum Büchner-Lustspiel, weil ihm die Rolle passender erschien. Und damit kam der Erfolg in Hamburg.

Auch Potsdam und München standen auf dem Reiseplan. Alles Stationen, die ihn nicht nur schauspielerisch weitergebracht haben, sondern auch menschlich. Als „Kleine Haie“ in die Kinos kam, Sönke Wortmanns Komödie aus den 90er Jahren um Bewerber an Schauspielschulen, da war Michel Ben Seidel noch nicht mal geboren. Aber natürlich kennt er den Film und hat jetzt selbst erlebt, wie das gemeinsame Ziel, das Wiedersehen an verschiedenen Orten, manchmal das Vorspielen in kleinen Gruppen verbindet. Es sind viele freundschaftliche Kontakte entstanden unter denen, die sich zwar um wenige Plätze balgen, zugleich aber gegenseitig unterstützen. „Man hilft sich mit Übernachtungsplätzen“, sagt Seidel.

Jetzt freut sich der junge Markranstädter auf Hamburg. Mit der Stadt hat er sich gleich verbunden gefühlt. Wegen der Hamburger Rapszene, die er hört, wegen des Kirchturms, der Michel heißt. Und weil er im Thalia-Theater eine Entdeckung gemacht hat. Ein Schauspieler hat ihn in der Rolle eines Alkoholikers beeindruckt. „Es war wahnsinnig gut gespielt und sah völlig glaubwürdig aus. Und darum geht es eben im Theater: dass es echt scheint und nicht zum Klischee wird.“

„Die Weiße Rose“, Freitag und Samstag, 20 Uhr, Theatrium (Alte Salzstraße 59), weitere Termine ab Oktober

Von Dimo Rieß

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