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Der raffinierte Eroberer Zbigniew Herbert

Lyrik Der raffinierte Eroberer Zbigniew Herbert

Bei Suhrkamp sind die „Gesammelten Gedichte“ des polnischen Lyrikers Zbigniew Herbert erschienen. Er zeigt sich darin als der geduldigste, empathischste und freundlichste Eroberer, den man sich vorstellen kann.

Der polnische Dichter Zbigniew Herbert (1924–1998).

Quelle: dpa

Leipzig. Für Joseph Brodsky kam, was das 20. Jahrhundert und vor allem dessen zweite Hälfte anging, die mit Abstand beste Lyrik der Welt aus Polen. Ein Urteil, das man für einen Russen, der zudem noch selbst ein Lyriker von Weltrang ist, zumindest ein klein wenig überraschend finden mag. Was es aber natürlich nicht wirklich ist.

„Polen war das einzige Land hinter dem Eisernen Vorhang, das uns beständig und zuverlässig mit neuen Dichtern und originellen Ansichten über die Notwendigkeit der Poesie überraschte“, konstatiert da auch der Schriftsteller, Übersetzter und Herausgeber Michael Krüger in seinem schönen Nachwort zu Zbigniew Herberts „Gesammelten Gedichten“. Einem Kompendium, zu recht schon als „Ereignis“ bejubelt, das auf weit über 600 Seiten ein lyrisches Lebenswerk ausbreitet, welches seinesgleichen sucht.

Das Schreiben als stilistische Übung fand er unfruchtbar. Lyrik „als Kunst des Worts“ langweilte ihn: „Ich musste aus mir und aus der Literatur ausbrechen“ beschreibt Zbigniew Herbert seine Poetik: „mich in der Welt umsehen, andere Wirklichkeiten erobern“. Das heißt auch: andere Wirklichkeiten als jene, die die Erfahrungen des 1924 in Lemberg geborenen Dichters früh prägten. Die Wirklichkeiten des Krieges, der deutschen Besatzung, des Widerstands, dem Herbert angehörte. Wirklichkeiten, die sich in seinem Schreiben aber weniger als dezidiertes „Thema“ entäußern, nicht als Aufschrei, Anklage, Leidensprotokoll in Erscheinung treten, sondern verinnerlichter, als Erfahrungssubstrat, gleich Strudeln und Unterströmungen, in den Gedichten pulsieren.

Poesie als Instrument

Deren schon früher Zugriff – Mitte der 50er Jahre, in denen Herbert literarisch reüssierte – gerade auch auf antike, mythologische Sujets, dann eben keine bloße, modernistische Spielerei künstlicher Verklausulierung, keine Fluchtbewegung (auch vorm realsozialistischen Zensor) ist, sondern im Gegenteil jenes fast schon kontemplativ konzentrierte „aus sich selbst ausbrechen“ übt, nach dem Herbert strebte. Poesie auch als Instrument des „andere Wirklichkeiten erobern“ begreifend – und sie damit nicht zuletzt vor Instrumentalisierungen, zumal ideologischen, rettend.

Wobei Herbert, das muss man sagen, der geduldigste, empathischste und freundlichste Eroberer ist, den man sich nur vorstellen kann. Ein raffinierter allerdings ebenfalls. Dass der Künstler sich in seinem Schaffen verstecken müsse, wie der Schöpfer in der Natur, ist eine Maxime die auch Herbert teilt – und der sich dann gerade eine Schöpfung wie die des berühmten Herrn Cogito zumindest mit verdankt.

Eine Figur, halb Imagination, halb Maskerade, halb Alter Ego des Dichters. Ein melancholischer Ironiker und skeptischer Moralist, ein luzide klarer Verquer-Denker, für den der Philosoph Descartes, quasi Patenonkel im Geiste, mit seinem berühmten „cogito ergo sum“ Namen und Weltwahrnehmungsmotto lieferte.

Exemplarische Sätze

Welches dann Herr Cogito auf freilich sehr eigenwillige und darin oft bitterkomisch treffende Art zur Anwendung bringt: „... und rings herrscht das herrliche Leben/ rosig wie ein Schlachthaus am Morgen“ ist da nur einer jener vielen exemplarischen Sätze, die ahnen lassen, welche Erfahrungssubstrate eben auch Cogitos Weltwahrnehmungen formen.

1974 betrat der erstmals die öffentliche literarische Bühne („Herr Cogito – ein Gedichtzyklus über die Abenteuer des Bewusstseins“) um sich fortan, mal mehr, mal weniger, aber immer eindrücklich, in Herberts Gedichtbänden zu Wort zu melden. 1998, im Todesjahr des Dichters, erschien deren letzter. „Gewitter Epilog“ betitelt, ein Abschied: „ich weiß meine Tage sind gezählt/ es bleiben nicht mehr viele/ gerade so viele dass ich es schaffe den Sand zu raffen/ mit dem mein Gesicht bedeckt werden wird“.

Nein, Brodskys Urteil ist nicht überraschend. Und bei aller großartigen polnischen Dichterdichte – gäbe es diese nicht, allein Zbigniew Herbert hätte das Zeug, dieses Urteil zu legitimieren. Klingt zu euphorisch? Dann lese man einfach in diesen Gedichten, deren Herausgeber Ryszard Krynicki ist. Übersetzt haben: Henryk Bereska, Karl Dedecius, Renate Schmidgall, Klaus Staemmler und Oskar Jan Tauschinski.

In einem Gedicht sind jene wenigen „würdigen Schamanen“ (Rilke, Eliot) dieses letzten „Wahnsinnsjahrhunderts“ beschworen, die ihrerseits „das Geheimnis kannten/ der Beschwörung der Worte der gegen die Wirkung der Zeit widerstandsfähigen Form…“ Zbigniew Herbert ist einer dieser Schamanen.

Zbigniew Herbert: Gesammelte Gedichte. Suhrkamp; 663 Seiten, 49,95 Euro

Von Steffen Georgi

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