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"Der schwarze Nazi": Wie die Leipziger Filmgruppe Cinemabstruso einen Trailer dreht

"Der schwarze Nazi": Wie die Leipziger Filmgruppe Cinemabstruso einen Trailer dreht

Es ist ein bizarres Bild. Aus einem Transporter mit Deutschlandfahne lugt ein grimmiger Skinhead, ein weiterer spielt Gitarre und vorneweg singt Schauspieler Aloysius Itoka das alte Volkslied "Hoch auf dem gelben Wagen" - zusammen mit einem Publikum von knapp 40 Menschen, die sich freudig um Itoka und seine Leute versammelt haben.

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Aloysius Itoka (ganz rechts), die Brüder Karl-Friedrich und Tilman König (von links) und ihr Team samt Statistin vor einem Baumarkt in Plagwitz.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Das Verstörendste: Der fröhliche Sänger mit seinen offensichtlichen Nazi-Freunden ist schwarz.

"Cut! Danke", ruft da einer, und Itoka lässt das Mikro sinken. Auch die schunkelnde ältere Frau in seinem Arm geht zu ihren Leuten in der ersten Reihe zurück. Die Kamera, die auf einer improvisierten Schiene die Szenerie gefilmt hat, wird zurückgefahren, und Tilman König hebt seinen Kopf aus dem schwarzen Vorhang heraus. Er bedient die Kamera und übernimmt zusammen mit seinem Bruder Karl-Friedrich auch die Regie. In der Leipziger Filmszene sind sie keine Unbekannten. Seit Jahren agieren sie als Cinemabstruso, drehen trash­ige Filmchen und veranstalten kleine Filmfestivals.

Mit ihrem neuen Projekt "Der schwarze Nazi" wollen sie jetzt ihr richtiges Langfilm-Debüt vorlegen. Es ist im Grunde das Remake eines ihrer älteren Projekte, das vor sieben Jahren eine ähnliche Geschichte erzählte, doch damals drehten sie die 80 Minuten in acht Drehtagen ab, was man dem Werk auch ansieht. Dieses Mal soll alles besser werden. "Wir planen 30 Drehtage und wollen nur mit Profi-Schauspielern und Ausrüstung arbeiten", so Tilman König in einer Drehpause.

Schon jetzt sind im technischen Bereich Profis am Set, und auch die Technik wurde von befreundeten Unternehmen günstig bereit gestellt für die ersten dreieinhalb Drehtage, an denen allerdings lediglich Material für einen Trailer entsteht. Hauptdarsteller Aloysius Itoka ist Profi aus Berlin und hat schon in diversen Tatorten und Kinofilmen mitgespielt. Ihm gefällt das Projekt der Persiflage, doch ob er auch im Film mitspielt, kann er noch nicht sagen: "Dass muss das Regieteam entscheiden." Er ist am kürzesten dabei, erst ein Tag vor dem Dreh ist er dazu gestoßen, nachdem ein anderer Darsteller abgesprungen war. Wenn der Trailer steht, beginnt das professionelle Fundraising: Anträge bei Filmförderungen, Stiftungen und natürlich Crowdfunding. Wer also den schwarzen Nazi auf der Leinwand sehen will, kann das Independent-Projekt vermutlich ab Anfang 2014 unterstützen.

Am Set im Leipziger Westen geht es weiter. Ton läuft, Kamera läuft, Klappe, die zweite. Wieder greift Itoka zum Mikro, wieder schwärmt er von den goldenen Ähren der deutschen Felder, während die Kamera auf der Schienenkonstruktion hin und her gefahren wird. Dahinter läuft Karl-Friedrich König mit einem Kontrollmonitor und begutachtet konzentriert die Arbeit.

Den 40 Statisten, die einem Aufruf zum Dreh der Massenszene gefolgt sind, gefällt das Ganze sichtlich. Die Gruppe ist bunt gemischt: Zwischen zwölf und siebzig ist fast alles dabei. So ist Marion Ronge, die von dem Dreh in der LVZ gelesen hat, mit der ganzen Familie aus Delitzsch angereist und feiert so den 15. Geburtstag ihres Enkels auf ganz besondere Weise. "Da kann er dann seinen Schulaufsatz dazu schreiben. Mein schönstes Ferienerlebnis." Andere sind über Facebook oder andere Online-Aufrufe auf das Projekt aufmerksam geworden. Tilman König ist mit der Resonanz zufrieden und auch mit den allgemeinen Dreh-Ergebnissen.

Doch warum ein Film zu einem solchen Thema? "Es geht uns natürlich um Rassismus. Aber nicht nur, wie er von Rechtsradikalen ausgeht, sondern wir wollen den Alltagsrassismus enttarnen", erklärt Tilman König. So geht es in dem Film um einen Schwarzen, der kurz vor dem deutschen Einbürgerungstest steht, aber von der Familie seiner Freundin nicht akzeptiert wird. Nach einem Zusammenbruch erwacht er im Krankenhaus und fühlt sich deutscher als alle Deutschen, so dass er bei einer Neonazi-Partei anheuert. Sie akzeptiert ihn als Integrationsbeauftragten, da sie gerade kurz vorm Verbot steht. Von da an nimmt der Wahnsinn seinen Lauf. Die Nazis werden übrigens nicht von Nazis gespielt, sondern finden sich zumeist auf der anderen Seite brauner Demonstrationen wieder.

derschwarzenazi.de, cinemabstruso.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 10.08.2013

Torben Ibs

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