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Deutschlandrevue: Kulturgeschichte als Nummernfolge

Deutschlandrevue: Kulturgeschichte als Nummernfolge

Zum Finale knipste das Dresdner Schauspielhaus seinen Theaterhimmel an. Mehr als vier Stunden hatten Stars von Bühne und Film an Sternstunden der kulturellen Nachkriegsentwicklung in Deutschland erinnert und zugleich an das geistige Erbe angeknüpft.

Dresden. Denn auch Dichter wie Heinrich Heine oder Rainer Maria Rilke gaben den Deutschen in der Stunde Null und später Kraft. Ein Volk mitschuldig am Krieg und am Boden zerstört. Taugte die deutsche Sprache noch für schöne Literatur? Die „Deutschlandrevue“ von ARD und dem Dresdner Staatsschauspiel hat das mit einer Inszenierung zum 20. Jahrestag der Einheit bewiesen. Das Publikum jubelte ausgiebig.

„Herzstücke der Republik“ - so der Untertitel des Programms - bot Theaterszenen, Filmausschnitte, Kabarett, Texte, Lieder und Gedanken von Politikern, die per Video in das restlos gefüllte Schauspielhaus zugeschaltet waren. Zwei Fußballer machten das „Herzstück“ von Heiner Müller zur eigenen Sache. Paul Breitner und sein früherer DDR- Kontrahent Jürgen Sparwasser, der mit seinem Tor im Sommer 1974 den späteren Weltmeister im direkten Vergleich eine Niederlage beibrachte, interpretierten im Video den Text auf ihre Weise. Wobei Breitners darstellerische Qualitäten mehr überzeugten. Sparwasser las die Zeilen ab, Breitner brillierte in freier Rede.

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Zum Finale knipste das Dresdner Schauspielhaus seinen Theaterhimmel an. Mehr als vier Stunden hatten Stars von Bühne und Film an Sternstunden der kulturellen Nachkriegsentwicklung in Deutschland erinnert und zugleich an das geistige Erbe angeknüpft. Denn auch Dichter wie Heinrich Heine oder Rainer Maria Rilke gaben den Deutschen in der Stunde Null und später Kraft.

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Am Anfang des Abends stand ein Text von Ernst Wiechert, dem Dichter des „Totenwaldes“. Im November 1945 hatte er im Münchner Schauspielhaus eine Rede an die deutsche Jugend gehalten. Ein nachdenklicher Beginn an einem Abend, an dem auch gelacht wurde. Schauspieler Dominique Horwitz sang Bertolt Brechts „Neuen Kanonensong“, zuvor war Ekkehard Schall auf der Leinwand in der DDR- Erstaufführung von Brechts „Aufstieg des Arturo Ui“ am Berliner Ensemble (1959) zu sehen. Die Moderatoren Mavie Hörbiger und Jan Josef Liefers sprachen einen Dialog aus dem Film „Liebe 47“ nach dem Bühnenstück „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert.

Schauspieler des Dresdner Ensembles überzeugten mit stimmlichen Qualitäten bei einem Schlager-Medley der Nachkriegszeit. Mario Adorf stimmte die „Capri-Fischer“ an und erzählte, warum er sich bei der Wahl zwischen einer Karriere als Boxer oder Schauspieler am Ende doch für den weniger schmerzlichen Weg entschied. Der Fernsehkoch-West verriet, wie man eine Erdbeere mit Mandeln füllt. Die Werbung Ost pries den „modernen Fisch“ ohne Gräten. Adorf und seine Kollegin Katharina Thalbach sahen sich mit dem Publikum eine Szene von Volker Schlöndorffs „Blechtrommel“ (1979) an, die damals dem Schnitt zum Opfer fiel und erst jetzt im „Director’s Cut“ enthalten ist.

Im Osten sorgten Filme wie „Spur der Steine“ oder „Die Legende von Paule und Paula“ für Aufsehen, im Westen schrieb Peter Handkes Stück „Publikumsbeschimpfung“ Theatergeschichte. An all das erinnerte die Revue. Sandra Hüller und Anna Thalbach interpretierten Texte von Wolf Biermann, Ben Becker sang Rio Reisers „Übers Meer“. Der Briefwechsel zwischen Udo Lindenberg und Erich Honecker wurde von zwei Mitgliedern des Dresdner Ensembles gesprochen - Burghart Klaußner und Christian Friedel sind dem Publikum spätestens seit dem Film „Das weiße Band“ ein Begriff. Ein reichlich derangierter Lindenberg äußerte sich im Video über seine erste Erfahrungen mit Rotkäppchen-Sekt aus der DDR.

Viele Lacher, als Politiker die Heine-Zeilen „Denk’ ich an Deutschland in der Nacht. ..“ weitersprechen sollten. CSU-Chef Horst Seehofer bekannte, dass er auch des Nachts gern an Deutschland denke. Samy Deluxe rappte, Kabarettist Thomas Freitag scheiterte mit einem Antrag im Bundestag. Am Ende spielte die Band Karat einen Song, der in beiden Teilen Deutschlands populär war: „Über sieben Brücken musst Du geh’n“. Bei mehr als vier Stunden Spieldauer nahm die Revue faustische Dimensionen an. Das Publikum konnte dennoch nicht genug davon haben und erklatschte sich drei Zugaben. An diesem Donnerstag zeigt das Erste Ausschnitte, am 2. Oktober 3sat fast die ganze Revue.

Jörg Schurig, dpa

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