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Kultur Dicke Luft am digitalen Stammtisch - Online-Kommentare zur Gender-Debatte
Nachrichten Kultur Dicke Luft am digitalen Stammtisch - Online-Kommentare zur Gender-Debatte
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19:29 30.11.2014
Für Lann Hornscheidt gibt es mehr zwischen Himmel und Erde als Männer und Frauen. Das irritiert - Männer wie Frauen. Doch vor allem Männer reagieren mit Hass. Quelle: dpa
Leipzig

" angesprochen zu werden. Müsste jeder, der mit diesen beiden Sätzen Stimmung macht, fünf Euro zahlen, wäre Deutschland schuldenfrei: "Haben wir keine anderen Probleme?" Sowie: "Und das alles von unseren Steuergeldern!" Man liest das häufiger in letzter Zeit. Auch, wenn es um Männer und Frauen geht und jemand am kleinen Unterschied kratzt. So wie Lann Hornscheidt mit dem Vorschlag, von "Professx" statt von "Professor" oder "Professorin" zu sprechen. Das x soll "deutlich machen: Es gibt auch noch mehr als Frauen und Männer." Ein Gedanke, der auf Facebook bereits Formen angenommen hat: Bei den Profileinstellungen gibt es 60 Möglichkeiten, das eigene Geschlecht zu benennen, sich "bigender" zu fühlen oder "weder noch".

Das kann man albern finden, zeitgemäß, überflüssig, innovativ, weltfremd bereichernd und gewiss noch vieles mehr. Doch darum geht es nicht. Es geht um die Reaktionen der vermeintlich aufgeklärten Öffentlichkeit.

Lann Hornscheidts x war fast schon zu den Akten gelegt, als der Journalist Ulf Poschardt Anfang November auf seiner Facebook-Seite einen Link der Zeitschrift "Deutsche Sprachwelt" teilte. Zu sehen ist Hornscheidts Mitarbeiterseite der Humboldt-Uni Berlin mit Foto und der Bitte um die Anrede als "sehr geehrtx Profx". Zu lesen sind darunter Kommentare voller Häme und Geschmacklosigkeiten im Tarnmantel der Ironie. Dies ist nicht neu an den digitalen Stammtischen. Vielmehr erschreckt, wie rabiat, süffisant und menschenverachtend sich hier eine Meinungsführerschaft formiert. In diesem Mainstream schwimmen viele faule Fische.

Die Argumente fliegen oft tief und fast immer aneinander vorbei. "Wir sind selbst schuld, wenn wir für jeden Spinner Verständnis aufbringen und ihn/sie/es auch noch mit Steuergeldern finanzieren", heißt es in einem der harmloseren Kommentare. Ein anderer bittet "um Quote bei Müllabfuhr". Und viele Daumen gehen hoch für den Zwischenruf "Es juckt mich in allen zehn Fingern, die Tante mit ,Sehr geehrtes Fräulein Hornscheidt' anzuschreiben".

So wird in und vor allem unter Beiträgen auf Onlineportalen und in sozialen Netzwerken eine Debatte geführt, in deren Sprache sich die Defizite offenbaren. Ob auf Poschardts Facebookseite, in Foren, Blogs oder bei "FAZ" und "Zeit" - die Angriffe kommen aus der Mitte der Gesellschaft. Antonia Baum fragt darum in ihrem Text ("faz.net"): "Was aber soll man tun? Stammtische besuchen, Leute von der AfD umarmen? Und wo sind überhaupt all die Menschen, die sich derart betrogen fühlen? Und sind es wirklich nur diejenigen, die die ,Junge Freiheit' lesen, Putin verstehen können oder die Junge Alternative toll finden?"

Robin Detje ("zeit.de") schreibt von einer "Schlussstrichdebatte Feminismus" und sieht den "antifeministischen Untergrund" auf den Barrikaden, dabei "alternde Männer an vorderster Front". Detje nennt sie "Ulfharaldjanmatthias", meint Ulf Poschardt, Harald Martenstein, Jan Fleischhauer und Matthias Matussek. "Gemeinsames Karriereziel: Sich in einer Medienruhmblase im Alter endlich wieder die kleinkindlichen Allmachtsgefühle von früher gönnen, im Schaumbad gesellschaftlich sanktionierter Verantwortungslosigkeit."

Die Reaktion folgt auf dem Fuß von Bloggerin Sanczny, die Detje "Typenfeminismus" bescheinigt: "Sich von anderen Typen distanzieren um das eigene Typ-Sein zu relativieren. Groß rauströten, was man für ein toll emanzipatorischer Dude ist, und dann mit einer Sparversion von Feminismus auflaufen, die den Namen nicht verdient hat. Und sich gerade deswegen für den sogenannten Mainstream so gut anfühlt: Man muss nur sagen, dass man dafür ist. Ansonsten muss man gar nichts ändern."

Es ist ein Kreuz mit dem Konsens. Wurde über den Travestiekünstler Conchita Wurst milde gespöttelt, ist ja irgendwie Kunst, schlägt Lann Hornscheidt Hass entgegen, aufgeheizt am Kaminfeuer des Ressentiments. Es geht nur im weiteren Sinne um Feminismus, im engeren geht es um Angst. Angst vor allem, was fremd wirkt, aus dem guten alten Rahmen fällt, was irritiert. Angst vor Bedeutungsverlust. Denn nicht nur die Rente ist nicht mehr sicher. Vorurteile sind auch nicht mehr, was sie mal waren. Und weil die Welt schon kompliziert genug ist, (ver)stört jede Verschiebung der Koordinaten, die halbwegs Orientierung ermöglichen. Sie zu hinterfragen, wird da schnell als Bedrohung empfunden. Und das auf allen Gebieten.

In seiner "Spiegel"-Kolumne hat Jakob Augstein über "Die hässlichen Deutschen" mit der "ausländerfeindlichen Fratze" geschrieben - gestern machte er auf Facebook Leserbriefe öffentlich. Sie klingen gefährlich. Heiner Geißler sprach im Talk "Angst vor Flüchtlingen" bei Maischberger von einer "unmoralischen Bewusstseinsbildung". Und die kann zur eigentlichen Bedrohung werden.

Hintergrund:

Lann Hornscheidt arbeitet am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Berliner Humboldt-Universität und möchte traditionelle Geschlechterrollen in der Sprache aufbrechen. Hornscheidt schlägt vor, von "Professx" statt von "Professor" oder "Professorin" zu sprechen. Die neutralen Endungen entfernten den Zwang, sich einem Geschlecht zuordnen zu müssen. Auf der Mitarbeiterseite der Uni steht: "Wollen Sie mit Profx. Lann Hornscheidt Kontakt aufnehmen? Achten Sie bitte darauf, Anreden wie "Sehr geehrtx Profx. Lann Hornscheidt" zu verwenden."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 01.12.2014

Janina Fleischer

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