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Die Enge unterm Südseehimmel: "Angst reist mit" feiert am Schauspiel Leipzig Premiere

Die Enge unterm Südseehimmel: "Angst reist mit" feiert am Schauspiel Leipzig Premiere

Leipzig: Sibylle Bergs "Angst reist mit" feiert am Schauspiel Leipzig Premiere: Da stehen sie also, auf die einsame Insel katapultiert und schauen ängstlich hinaus aufs Meer.

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Yves Hinrich, Jonas Hien, Bettina Schmidt und Wenzel Banneyer (v.l.).

Quelle: Rolf Arnold

Das alternde Lehrer-Ehepaar im Outdoorlook in Rentnerbeige. Die beiden Journalisten in kolonialzeitlicher Tropenforschermontur.

Die Kostüme klären einiges zu Beginn: Man bekommt es mit ausgewachsenen Komödienfiguren zu tun in der Leipziger Erstaufführung von Sibylle Bergs "Angst reist mit" am Donnerstagabend im Leipziger Schauspiel. Die Eingeborenen, die ihre Insel als Archipel anpreisen, das berühmt sei für seine "nachhaltige Entschleunigungsfunktion", fügen sich ein ins Bild: Animateure in Stammestracht aus Fell.

Die Regie pfercht die Neuankömmlinge in einen die ganze Bühnenbreite einnehmenden Kasten in Tropenholzoptik. Was das Gefangensein der Urlauber aus dem Westen ganz gut auf den Punkt bringt. Gefangen in sich selbst. Nicht einmal unter Südseehimmel können sie raus aus ihrer Haut. Und die Spiegelfläche hinter der Bühne, in der sich das Publikum betrachten darf, scheint frech zu rufen: Und ihr sitzt alle mit drin im gleichen Käfig.

Die äußerlichen Merkmale finden ihre inhaltliche Fortsetzung. Die Spätachtundsechziger Karl und Karla fühlen sich so leer wie die Anfang-Dreißiger Ansgar und Kevin. Die einen trotz aller Ideale, die über die Jahre zur Hülle verkommen sind. Die anderen in ihrer angepassten Dauerangst, ob der Job irgendwann genug abwirft für die Eigentumswohnung. In der Fremde suchen die einen ursprüngliche Erfahrungen, die anderen die große Story. Letztlich läuft es auf dasselbe hinaus. Kevin: "Dass ich ans Ende der Welt reisen muss, nur um zu warten, dass etwas passiert." Aber es passiert nichts. Also bleibt Zeit, sich gegenseitig zu zerfleischen. Bis die Eingeborenen zum lukrativen Geschäftszweig Entführung greifen. Und in der versorgten Abhängigkeit der Geiselhaft entdecken die Touristen Bedürfnislosigkeit und inneren Frieden.

So weit der Bogen einer im Grunde hübschen Satire mit dem üblichen, genau beobachteten, schon am Fuße des eigenen Anspruchbergs scheiternden Sibylle-Berg-Personal. Doch auch in einer Satire sollten die Dinge zusammenpassen. Das tun sie nicht immer. Das fängt schon damit an, dass ausgerechnet Lehrer mit Dritte-Welt-Engagement und Journalisten mit Henri-Nannen-Preis-Ambition so ziemlich die Letzten sind, die sich gänzlich uninformiert auf die Versprechen eines Reiseprospekts einlassen und nicht einmal ahnen, welches Land sie gerade betreten.

Bergs Vorlage enthält einfach alles, was ein Kabarettist beim Brainstorming zum Thema auf den Zettel kritzeln würde. Unter dieser Last ächzt die rund 80-minütige Inszenierung. Da bleibt weder Raum für Figurenentwicklung, noch für ausführliche Dialoge. Konflikte bauen sich nicht langsam auf, sie sind einfach da. An analytischem Gehalt mangelt es den Thesen, Anschuldigungen und Selbsterkenntnissen nicht. An entlarvenden Gags und pointierter Zuspitzung auch nicht. Aber das verpufft irgendwann im Schlagwortrauschen, nimmt den Schauspielern Spielraum. Aussage gesetzt, fertig. Nächster Gedanke.

Die Regie von Schirin Khodadadian durchbricht die Hetze zum Glück hin und wieder und nimmt sich Zeit, die Gedankenflut in Bilder zu übersetzen. Dann wandern die vier Zelte wie kleine Tierchen über die Bühne, angetrieben von den angstvollen Urlaubern, die unter der Nylonhaut nicht in den Schlaf finden. Schön komödiantisch darf Gastschauspieler Jonas Hien als Kevin die Szene ausspielen, als die Stimmung doch noch umschwenkt, und er das Inselleben mit Aufblastieren herumtollend annimmt. Karl (Wenzel Banneyer) dreht unterdessen schön übertrieben an der Pathosschraube und fragt die Musiker, ob sie ihm bei der Stimmung helfen. Das tun Johannes Winde und Friedrich Störmer, die im Mini-Orchestergraben sitzen und die Lieder begleiten. Kleine Reimereien, die zwar einem Oberstufen-Musical entsprungen sein könnten - aber einen belebenden Akzent setzen, in einer atemlosen, aber kurzweiligen Inszenierung.

Vorstellungen: 12., 14., 20., 27. und 28. Juni, 19.30 Uhr; Karten: 0341 1268168

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.06.2014

Rieß, Dimo

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