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Die Global Space Odyssey zieht Samstag durch Leipzig - und fordert legale Tanzflächen für Electro-Open-Airs

Die Global Space Odyssey zieht Samstag durch Leipzig - und fordert legale Tanzflächen für Electro-Open-Airs

Wo bleibt die Anerkennung der Szene? Wo ist Platz für Kreativität und Soziokultur? Wieso entstehen immer mehr makellose, gleichförmige Betonklötze? All das fragen die Macher und Mitmacher der Global Space Odyssey (GSO), wenn sie morgen mit 13 boxenbepackten Wagen unter dem Motto "Mein Leipzig koof ick mir" ihren kulturpolitischen Demonstrationszug in Bewegung setzen.

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Quelle: Enzo Forciniti

Kernanliegen: Nach drei zähen Verhandlungsjahren endlich eine Vereinbarung mit der Stadt zu treffen, die elektronische Freiluftevents aus der Illegalität herausholt. Denn auch in diesem Sommer wird Woche für Woche unerlaubt im Nirgendwo gefeiert.

Als die New York Times 2010 eine ausdrückliche Reiseempfehlung für Leipzig abdruckte und die Stadt in die Top-30 der weltweiten "Muss ich gesehen haben"-Plätze lobte, begründete sie das nicht nur mit dem Bach-Argument. Sie bejubelte auch zwei Leipziger Electro-Labels und deren innovative Musik. Musik, die eben nicht nur die Summe aus Beats und Loops ist, sondern in den vergangenen Jahren zu einer festen Größe, einer eigenen Subkultur, einem Identitätsstifter gewachsen ist. Nicht wegzudenken aus der Stadt und für viele ein Grund, warum Leipzig so lebens- und liebenswert ist.

Veranstaltungen unter freiem Himmel, Electro-Open-Airs, sind Teil dieser Subkultur. Und trotzdem fehlt weiterhin ein klares politisches Bekenntnis für die Veranstaltungen, klagt Frank Ulrich, GSO-Mitorganisator, 34, tätig im öffentlichen Dienst, Electro-Crew-Mitglied. Seit drei Jahren kämpft er samt GSO-Mitstreitern für eine Legalisierung der Feten, für eine feste Regelung in Absprache mit den Ämtern, auf die sich Veranstalter berufen können. Rund zehn unangemeldete Feiern hatte die Polizei vergangenen Sommer aufgelöst, weil es in Leipzig keine einzige Fläche gibt, auf der - ohne komplizierte und teure Anmeldung - spontan getanzt werden kann. Vor einem Monat fuhren die Einsatzwagen am Lindenauer Hafen vor, auch hier wurde ein nicht genehmigtes Spontan-Open-Air beendet.

Schon 2010 hatte die GSO ein Konzept bei der Verwaltung eingereicht, in dem sie verschiedene Flächen als Austragungsorte vorschlug. Auch eine Nutzungsordnung zur Regelung von Lärm, Müll und Sicherheit wurde umrissen. Drei Jahre lange tat sich nichts. Bis vor zwei Monaten. Da fand endlich ein Runder Tisch statt, an dem GSO, Ämter sowie Linken-Stadträtin Juliane Nagel und Grünen-Stadtrat Norman Volger teilnahmen. Das Ergebnis: Neue Flächen (etwa der Richard-Wagner-Hain, das Küchenholz und der Wilhelm-Külz-Park) werden geprüft. Zudem dürfen bis zum Herbst auf einem Flurstück am Lindenauer Hafen fünf Open-Airs beantragt werden. Das erste dieser fünf Events fand Mitte Juni, an einem Sonntag von 10 bis 22 Uhr statt, rund 800 Leute kamen zusammen. Das Resümee von Ordnungsamt und dem Amt für Stadtgrün und Gewässer: keine Lärmbeschwerden, keine Verletzung der Auflagen, alles problemlos verlaufen.

Ein erstes positives Signal in einem langwierigen, bürokratischen Prozess. Noch laufe die Flächenprüfung, sagt Ordnungsamt-Leiter Helmut Loris. Im Sommer 2014 soll nach derzeitigem Stand aber ein Pilotprojekt starten, bei dem testweise legal getanzt wird. Auf genau der Fläche, die alle notwendigen Kriterien (Umwelt- und Anwohnerschutz) erfüllt.

Unklarheiten gibt es trotzdem noch: Das Flurstück, auf dem im Juni offiziell gefeiert wurde, ist von der Agrargenossenschaft gepachtet - die Stadt muss hier also stets zuerst um Erlaubnis bitten. Zudem bekam Ulrich jüngst den Hinweis der Behörden: Einzelpersonen dürfen keine musikalischen Veranstaltungen auf öffentlichen Grünflächen verwirklichen. Grundsätzlich nicht. Es scheint, die Verwaltung möchte am liebsten die GSO als Mittler vorschieben. "Die Behörden haben Angst, dass es aus dem Ruder läuft. Aber das Problem haben sie ja jetzt schon", sagt Ulrich.

Aber auch das Partyvolk selbst will die GSO zum Umdenken bewegen. Mehr und mehr würden die Feiern nur konsumiert - der Aufwand, die Liebe, die Idee dahinter rücke aber zunehmend in den Hintergrund. Auch dagegen wird morgen also demonstriert. 2500 Teilnehmer erwartet das Ordnungsamt, die GSO rechnet mit mindestens 3000.

Global Space Odyssey, Samstag, 12 Uhr, Connewitzer Kreuz. Ausklang, 18 bis 22 Uhr, Wilhelm-Külz-Park. Aftershowpartys ab 22 Uhr (Karte)

 

 

GSO-Mitveranstalter Frank Ulrich im Interview über Leipziger Subkultur, Mitsprache und Gentrifizierung.

Warum braucht Leipzig die GSO?

Die Leipziger Subkultur hat zwar viele Akteure und Initiativen, die sich für sie einsetzen, aber keine richtige Plattform. Das war mein Ursprungsgedanke bei der GSO: Sprachrohr für diese Kultur zu sein. Über die Jahre haben wir damit mehr und mehr Fahrtwind aufgenommen, viele Szene-Leute unterstützen uns mittlerweile. Dadurch haben wir heute ein ganz anderes Auftreten - zum Beispiel auch gegenüber der Stadtverwaltung. Die Probleme von damals sind noch immer da, wir wollen sie transportieren.

Zuerst war die GSO eine Hanfparade...

Wir haben die GSO ab 2008 anders weiterentwickelt. Der Konsum von Alkohol und anderen Drogen ist immer Thema in der Szene, aber wir wollen es nicht primär transportieren. Weil andere Sachen momentan mehr im Fokus stehen. Trotzdem merke ich, dass es weiter angesprochen werden muss. Die Leute konsumieren Drogen immer unbewusster, die Partys werden dadurch aber nicht besser. Das muss man den Leuten vermitteln. Aber nicht mit dem Meckerfinger.

Euer Motto benennt einen Ausverkauf der Stadt. Woran macht ihr das fest?

Die Leipziger Subkultur bildet mittlerweile einen großen, attraktiven Teil der Stadt ab. Und ist obendrauf ja auch Wirtschaftsfaktor. Clubs und Bars werden vom Stadtmarketing national und international angepriesen, die Stadtoberen brüsten sich gern mit diesem kulturellen Flair. Sie tun aber selbst nichts dafür. Die Freiflächen-Debatte hat das deutlich gezeigt: Plötzlich ging es nur noch um die zunehmende Illegalisierung der Feiern. Aber die Kultur, die dahinter steht, war gar nicht Thema.

Würde sich die Szene mit höheren Fördermitteln zufrieden geben?

Nein. Ein Großteil der Subkultur trägt sich ohne das Geld aus Fördermitteln der Stadt. Man muss eine Lösung finden, in der Clubkultur und Open-Air-Kultur eine Daseinsberechtigung haben. Und nicht kriminalisiert werden. Hier muss auch das Mitspracherecht verbessert werden. Als Einzelner muss man zu viel selbst recherchieren, um überhaupt Einspruch erheben zu können - etwa gegen Bauvorhaben. Es mangelt an Transparenz. Wir sind Bürger dieser Stadt. Es muss möglich sein, dass wir sie mitgestalten können.

Ist die GSO eine Kampfansage an die Hochkultur?

Auf keinen Fall. Es ist gut, dass es die Hochkultur gibt. Wenn allerdings nur diese Hochkultur gefördert und gestreichelt wird, dann macht das andere Menschen unzufrieden. Der Kulturetat, den wir alle mittragen, wird ja zum großen Teil dorthin verteilt. Aber diejenigen, die keinen Bezug zur Hochkultur haben, fühlen sich dann nicht repräsentiert. Ich bin generell dafür, keine Unterschiede zu machen: Kultur ist Kultur. Wenn man die eine höher stellt als die andere, halten sich manche Leute natürlich für etwas Besseres.

Ist Gentrifizierung ein Thema?

Ganz klar. In gewissen Stadtteilen schreitet der strukturelle Wandel seit Jahren voran, und als Anwohner merkt man, wie schnell sich alles verändert. Klar, der Kapitalismus muss irgendwie funktionieren. Aber man darf keine Stadt dafür ausverkaufen. Wir wollen, dass das Geld in Leipzig bleibt. Und nicht, dass immer mehr Leute Häuser besitzen, die gar nicht hier wohnen und durch die positiven Effekte der Stadtteilaufwertung nur an Renditen interessiert sind - am Stadtteilleben aber nicht.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 12.07.2013

Tobias Ossyra

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