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Nachrichten Kultur Die Reclam-Story – am Donnerstag in Leipzig
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18:22 22.02.2017
Das Foto entstand im Sommer 1983 nach der Lesung von Eva und Erwin Strittmatter im Garten vom Göschen-Haus in Hohnstädt/Grimma. Die Strittmatters zählten zum Autorenstamm des Verlages Philipp Reclam jun. Leipzig. Einem Araber-Hengst-Fohlen gaben sie den Namen „Reclam“. Quelle: Jörg Gottschalk / Ch. Links Verlag
Leipzig

Vielleicht sagt Wolfgang Thierse es am Donnerstag auch: „Ich bin ein Reclam-gebildeter“, schreibt der Politiker im Vorwort zu einem Band, den er am Abend im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig vorstellt. „An den Grenzen des Möglichen“ widmet sich der Geschichte von Reclam Leipzig in den Jahren 1945 bis 1991. Auch Herausgeberin und Autorin Ingrid Sonntag wird auf dem Podium sitzen, Wolfgang Emmerich, der ein Kapitel über „Deutsche Lyrik auf getrennten Wegen“ beigesteuert hat, sowie Stefan Richter, mit damals 30 Jahren blutjunger Verlagsleiter vom März 1990 bis August 1991.

Richter erinnert sich an die Verhandlungen nach dem Mauerfall, als es um eine Kooperations- oder auch Anerkennungsvereinbarung ging zwischen Leipzig, Stadt der Gründung 1828, und dem 1947 gegründete westdeutsche Zweig mit Sitz in Ditzingen. Er erzählt: „Die Ditzinger waren überhaupt nicht neugierig auf uns. Sondern gnadenlos uninspiriert. Es ging ihnen nicht um den Verlag. Es ging um ein ökonomisch relevantes Gebäude und die grundlegende Überzeugung, dass das alte Eigentum zurückübertragen werden muss.“

„Hinter schwäbischen Gardinen“

Die Leipziger wollten das hohe Ansehen bei Autoren, Übersetzern oder Herausgebern nutzen, wollten „nicht hinter vergilbten schwäbischen Gardinen“ verschwinden, wie Iris Radisch es 1991 formuliert hat. Als Andreas Tretners Reclam-Almanach „Kopfbahnhof“ 1990 herauskam, bescheinigte die „Süddeutsche Zeitung“ nicht nur „Kenntnisreichtum und Phantasie“, „Unverzagtheit und wohl auch ein wenig Trotz und kein bisschen Wehleidigkeit“, sondern wünschte, „unter anderen Bedingungen weiterhin ein so gutes Verlagsprogramm zu machen wie bisher“, denn „die Anregungen, die von diesem Verlag ausgehen und weiterhin ausgehen könnten, täten uns gut.“

Es gab noch ein paar publizistische Erfolge der Leipziger Redaktion, Robert Schneiders Roman „Schlafes Bruder“ (1992) wurde ein Bestseller. Und 2006 war dann endgültig Schluss mit Leipzig.

Das meint Wolfgang Thierse, wenn er von einem „banalen Ende“ nach der deutschen Vereinigung spricht. Was aber dem vorausgegangen war, spiegelt sich in diesem umfangreichen Band als Porträt eines Kapitels deutscher Geistes- und Kulturgeschichte. Dazu gehören die Kämpfe gegen politische Borniertheit, dazu gehört aber auch der Reclam Verlag als wichtiger Teil des „eigentümlichen politischen und kulturellen Kommunikationsraums“ DDR, als, so Thierse, Kultur und Künste „ein Ersatz für die nicht vorhandene politische Öffentlichkeit“ waren.

Grenzgänger mit Erfolg

Herausgeberin Ingrid Sonntag stellt die Kapitel des umfangreichen Buches, das in Zusammenarbeit mit Kerstin Beyerlein und Carmen Laux entstand, unter die Überschriften „Verlagsgeschichte“, „Programm“ und „Buchentstehung im Spannungsfeld zwischen Anspruch und Zensur“. Ausgehend davon, dass Leipziger Reclam-Bücher Kult waren, modern in der Ausstattung und preiswert zu haben (bevor sie vergriffen waren) untersuchen die zahlreichen Autoren das Wirken einzelner Persönlichkeiten, die großen Einfluss nahmen: die Prokuristen Gotthold Müller und Hildegard Böttcher, der Buchkünstler Karl Stratil und natürlich: Hans Marquardt, erst Cheflektor und seit 1961 Verlagsleiter, IM und „eine zwiespältige, eine unklare, aber ambitionierte, eifernde Figur“, wie der Typograph und Büchermacher Juergen Seuss den „Grenzgänger“ beschreibt, den er bei Besuchen westdeutscher Kollegen erlebt hat. Einer, der vorgegebene Rahmen überschreiten konnte, ohne die Verantwortlichen zu brüskieren.

Ingrid Sonntag (Hrsg.): An den Grenzen des Möglichen. Reclam Leipzig 1945-1991. Ch. Links Verlag; 544 Seiten, 50 Euro Quelle: Verlag

Es geht um Befähigung zur Donquichotterie als Grunderfordernis editorischer Arbeit, um schöne und um wichtige Bücher, um Lektüreerfahrungen und natürlich dabei immer um Autoren. Es sind diese hier behandelten 46 Jahre von fast 190, die die wechselvollste Etappe darstellen. Sie zu zeichnen, fügen sich persönliche Erinnerungen an Forschungsberichte, Chroniken, Dokumente, Anekdoten zum Beispiel von Strittmatters, die ein Fohlen „Reclam“ nannten. Ein Briefwechsel zwischen Prokurist Gotthold Müller, seit 1936 in der Firma und bis 1953 Geschäftsführer in Stuttgart, und Lothar Kretschmar, bis 1991 ökonomischer Direktor in Leipzig, ist nicht allein historisches Zeugnis, sondern auch menschlich und sprachlich aus einer anderen Zeit. Vieles von dem, was Geschichte ausmacht, findet sich in diesen Geschichten.

Buchvorstellung mit Herausgeberin Ingrid Sonntag, Literaturwissenschaftler Wolfgang Emmerich, dem ehemaligen Lektor und Verlagsleiter Stefan Richter sowie Wolfgang Thierse, es moderiert Verleger Christoph Links: 23. Februar, 19 Uhr, Zeitgeschichtliches Forum, Grimmaische Straße 6 in Leipzig, der Eintritt ist frei

Ingrid Sonntag (Hrsg.): An den Grenzen des Möglichen. Reclam Leipzig 1945-1991. Ch. Links Verlag; 544 Seiten, 50 Euro

Von Janina Fleischer

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