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Die S-Klasse eines malenden Managers: Paul Klee im Leipziger Bildermuseum

Die S-Klasse eines malenden Managers: Paul Klee im Leipziger Bildermuseum

Eine gediegene Ausstellung im Leipziger Bildermuseum zeigt Paul Klees "Sonderklasse": Über die Stellung Paul Klees im System der Klassischen Moderne muss nichts mehr gesagt werden.

Der Name gehört zum Kanon, einige seiner Werke sind Schulstoff. Dass auch die soundsovielte Ausstellung wieder zum Besuchermagneten wird, ist klar. Was aber lässt sich noch hinzufügen?

 Es sei die erste Retrospektive, so Wolfgang Kersten von der Uni Zürich, die Klee selbst in Hinsicht auf die Exponate bestimmt hat. Der Künstler sei hier deshalb der eigentliche Kurator. Diese "Sonderklasse" ist wirklich eine eigenartige Sache. Schon 1911, mit 32 Jahren, begann er, sein Werk aufzulisten. 1925 war Klee als Dozent am Bauhaus eigentlich finanziell abgesichert, legte aber gerade zu dieser Zeit acht Preisklassen für seine Arbeiten fest. Hinzu kam jene Sonderklasse. Bis 1927 war auch diese noch für die Vermarktung offen, danach aber unverkäuflich. Eigentlich. Er selbst machte noch zu Lebzeiten einige Ausnahmen. Nach seinem Tod galt die Kennzeichnung nicht mehr viel.

Eine gediegene Ausstellung im Leipziger Bildermuseum zeigt Paul Klees "Sonderklasse": Über die Stellung Paul Klees im System der Klassischen Moderne muss nichts mehr gesagt werden. Der Name gehört zum Kanon, einige seiner Werke sind Schulstoff. Dass auch die soundsovielte Ausstellung wieder zum Besuchermagneten wird, ist klar. Was aber lässt sich noch hinzufügen?

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 Bezeichnend ist, dass der Hauptartikel im Katalog mit einem Zitat aus der "Dialektik der Aufklärung" von Horkheimer und Adorno eingeleitet wird, jener gnadenlosen Abrechnung mit der "Kulturindustrie". Klees Werk ist in besonderem Maße poetisch, leicht, schwebend, von Musik durchdrungen. Doch er war eben auch ein pedantischer Buchhalter und Marketingstratege seiner selbst.

 Die Kriterien, nach denen er aber nicht allein die Preisabstufungen, sondern vor allem die Sonderklasse definierte, kann aber auch die der Ausstellung vorausgehende Forschung nicht ganz klären. "Er ordnete nicht wie ein Kunsthistoriker, sondern wie ein Künstler", sagt Kersten. Wenn heutige Museumsleute vielleicht eine etwas andere Auswahl treffen würden, ändert es nichts daran, dass auch Kurator Klee Sehenswertes zusammengestellt hat. Ohnehin wurde nicht tabellengetreu vorgegangen. Fast 300 Werke haben den Vermerk SK, 126 sind in der Ausstellung zu sehen. Dazu gehören als Referenzen auch einige ohne diesen Vermerk. Nur ein einziges Blatt stammt aus dem Bestand des MdbK. Von den ehemals fünf im Museum befindlichen Klee-Arbeiten sind nach der Nazi-Aktion "Entartete Kunst" vier verschollen.

 Eine Schau zu diesem Künstler ist ohne das Zentrum Paul Klee in Bern kaum denkbar. Nicht nur die Mehrheit der Exponate stammt von dort, erste Station der Ausstellung war in modifizierter Form auch die Stadt in der Schweiz. Doch die ins Leipziger Jubiläumsjahr eingetaktete Veranstaltung ist keine Übernahme, am Zustandekommen hat das MdbK maßgeblich mitgewirkt.

 Obwohl Klee am Bauhaus im nahen Dessau tätig war und Ausstellungen sogar in Halle hatte, ist ein Kontakt zu Leipzig nicht nachweisbar. Nachholenden Charakter bescheinigt darum Direktor Hans-Werner Schmidt diesem Ereignis. Und Finanzbürgermeister Torsten Bonew, der zur Pressekonferenz kam, betont, dass damit der Anspruch der Weltoffenheit Leipzigs dokumentiert wird.

 Ungeachtet aller Anstrengungen zur Einordnung gibt es auf jeden Fall etwas zu sehen, das Fachleute wie Durchschnittsbürger gleichermaßen entzücken kann. Etwas anstrengend mag die gedämpfte Beleuchtung sein. Die ist aus konservatorischen Gründen unvermeidlich, handelt es sich doch weitgehend um Arbeiten auf Papier. Gemälde sortierte der Künstler in eine andere Warenkategorie ein.

 Es stimmt, wenn im Katalog behauptet wird: "Der Ordnungsfanatiker Klee und der Zauberer Klee gehen hier Hand in Hand, ohne dass sich ein klarer Kausalnexus ergäbe." Auch wenn in Vitrinen die peniblen Listen zu sehen sind, verlieren die Bilder an den Wänden nichts von ihrem Zauber. Einige häufig reproduzierte Arbeiten sind darunter, so "Der große Kaiser reitet in den Krieg" oder "betroffener Ort". Daneben gibt es aber viele Blätter, die bisher kaum zu sehen waren. Die Zeitspanne reicht vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Tod des Künstlers 1940. Ganz klar wird sichtbar, dass Klees umfängliches Schaffen - fast 10 000 Werke sind registriert - sich nicht auf die hinlänglich bekannten Farbraster und die skurrilen Strichmännchen und -frauchen reduzieren lässt. Beides findet man natürlich, darüber hinaus aber eine überzeugende Bandbreite an fantastischen Bildfindungen. Sein Zitat "Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar" mag zum Kalenderspruch verkommen sein, erweist sich aber als zutreffend.

 Der für solch eine Ausstellung obligatorische Katalog muss diesmal besonders hervorgehoben werden. Das Gewicht von fast 4,5 Kilogramm ist die quantitative Seite. Die darin steckende wissenschaftliche Leistung lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken. Jedes Bild von Klees Sonderklasse, auch die nicht ausgestellten, wird abgebildet, untersucht und interpretiert. In der Schweiz, sagt Kersten, müsste man vor den Preis noch mindestens eine Eins setzen. Die Leipziger und ihre Gäste dürfen das als gar nicht so kleines Geschenk zum Jubeljahr verstehen.

 Paul Klee. Sonderklasse, unverkäuflich.  Museum der bildenden Künste Leipzig, Katharinenstr; Eröffnung ist am Samstag 18 Uhr. 10; bis 25. Mai, Di und Do-So 10-18 Uhr, Mi 12-20 Uhr; Katalog 38 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 28.02.2015

Kassner, Jens

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