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Die Schönheit aus Strom: Leipziger Band Brockdorff Klang Labor legt neues Album vor

Die Schönheit aus Strom: Leipziger Band Brockdorff Klang Labor legt neues Album vor

„Feiert den Schein, das Klischee, die Kopie", heißt es im Opener des am Freitag erscheinenden beeindruckenden Albums der Leipziger Band Brockdorff Klang Labor.

Leipzig. Und man weiß nicht so recht, ob das Beschreibung oder Aufforderung ist.

In „Debord" geht es um Kunst; vielmehr um ein Gefühl, eine Atmosphäre von Kunst. Assoziativ wirken die aneinandergereihten Sprachbilder, aufgeladen mit Reizwörtern eines seltsam analog wirkenden und aus einer schon verloren geglaubten Pop-Vergangenheit herüber scheinenden Intellektuellenkosmos: Beuys, „alles sofort", eben auch Guy Debord. Der war die Ikone des Situationismus, eine jener raren radikalen Weltanschauungsentwürfe im 68er Umfeld, die sich nicht mit einer im Grunde durch und durch hedonistischen Popkultur überwarfen.

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen" ist Adornos berühmtester Lehrsatz, und natürlich weiß damit etwas anzufangen, wer sein Album „Die Fälschung der Welt" nennt. Das hat ein gänzlich anderes Kaliber als das noch arg verspielt wirkende „Mädchenmusik". Immerhin fünf Jahre sind seit dem auch schon hoch gelobten Vorgänger vergangen. Fünf Jahre, die Gelegenheit genug für Dauer-Finanzkrise, Occupy Movement und – es geht hier immerhin um Pop – Streamingdienste boten. Die Koordinatensysteme haben sich verschoben: Die Welt ist radikal komplizierter geworden, linke Theorie ist plötzlich wieder gefragt, sogar die FAZ liest jetzt Marx. „Festung Europa" heißt Brockdorff Klang Labors – nach einem Wettbewerb der Zeitschrift Spex – „Protestsong des Jahres 2011". Einen klaustrophobischen Loop, einen dezenten Electro-Beat, Nadja Brockdorffs zart intonierte Stimme brauchen die Leipziger dafür nur. Und einen Standpunkt. Angesichts der aktuellen Leipziger Diskussion um Asylbewerberunterkünfte kann man das sogar aus lokalem Blickwinkel prophetisch nennen. Oder einfach realistisch.

Brockdorff Klang Labor sind nur eine Popband, sie werden die Welt nicht ändern. Aber sie wissen – und da sind wir tatsächlich ganz nah dran am Situationismus –, dass der Widerstand eben auch gut klingen sollte. Man hatte das fast vergessen zwischen all dem Soundrabaukentum des „Raven gegen Deutschland" oder dem … tja, was eigentlich? Da ist nicht mehr viel, was Bands heute auf die Waage zu legen haben, jedenfalls nicht nach Maßstäben, die man an Brockdorff Klang Labor anlegen kann. Die sind nicht nur schlaue Text-Kompositeure mit Willen zur Botschaft sondern auch in ihrem Klangbild zwingend. Diese Kombination haben Brockdorff Klang Labor den drei anderen wirklich ernst zu nehmenden expliziten Pop-Entwürfen aus Leipzig – Here Is Why, You, Me And Oceans – noch voraus.

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Modisch Avantgarde, aber nicht musikalisch: das Brockdorff Klang Labor.

Quelle: c Brockdorff Klanglabor

Das beginnt beim betont unterkühlten und doch träumerischen Minimalismus von „Debord" mit seiner Öffnung zum hymnisch angelegten Popsong. „Sad-Eyed Punk" dagegen bietet konkret stampfende und Hi-Hat-zischende Dancefloor-Kompetenz mit den richtigen Breaks und dem sofort funktionierenden, Eskapismus-Sehnsucht herbeiromantisierenden „Verlass das Land!"-Slogan. „1989" erzählt dann sogar eine greifbar wahre, anrührend persönlich gehaltene Geschichte über ein kostbares Gefühl von selbst errungener Freiheit, das man als Zeitgenosse dem größeren Teil des Landes immer voraus haben wird. „Escapism Is Over" heißt es später aber, „es gibt keinen Ausgang". Prompt dominiert auch soundlich wieder die bei Hegel und Engels gelernte Einsicht in die Notwendigkeit; strikt funktional zirpen Bassline- und Breakbeat-Programmierungen.

Es ist ein durchweg bewährtes Soundkonzept, das „Die Fälschung der Welt" ausmacht, die musikalische Avantgarde ist nicht Sache von Brockdorff Klang Labor. Was sie jedoch tun, wirkt bis ins Detail durchdacht, gut abgehangen, in einem Sinne von klar strukturierter Simplizität und der arbeitsintensiven Reduktion auf schlichte Eleganz. Aufgefangen wird die rationale Klanglogik des Electro allerdings durch die weichen Faktoren: Das sind die melodische Feinfühligkeit, die immer dort ins Zupackende überschwappen darf, wo es ein wenig Euphorie bedarf. Und der Einsatz der ja eigentlich nicht wirklich stimmgewaltigen Sängerin Nadja, die der sachlichen Sprödheit ihren männlichen Kollegen den Konterpart des Träumerischen entgegenzusetzen vermag. „Die Schönheit aus Strom" fällt einem zu dieser Musik immer wieder ein, es ist eines der eben doch nicht daher geholten Textfragmente aus „Debord". Ein sehr bemerkenswertes Album.

Brockdorff Klang Labor: Die Fälschung der Welt, Label: Zick Zack

Jörg Augsburg

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