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Kultur Die Seele und andere Merkwürdigkeiten: 1000 Fans feiern Laith Al-Deen im Haus Auensee
Nachrichten Kultur Die Seele und andere Merkwürdigkeiten: 1000 Fans feiern Laith Al-Deen im Haus Auensee
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18:11 18.01.2015
"Jetzt, hier, immer": Laith Al-Deen (42) im Haus Auensee. Quelle: André Kempner
Leipzig

Nach etwa einer Stunde ist die Hauptperson auf einmal weg. Man bemerkt das nicht sofort, weil Keyboarder Tobias Reiss die Akkordfolge von "Keine wie Du" gerade zu einem schwindelerregenden Ragtime-Klaviersolo ausbaut und alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Aber dann verstummt die Musik. "Ja, wo ist er jetzt schon wieder?", schimpft jemand aus dem Lautsprecher mit der Stimme von Laith Al-Deen. Dann ruft dieselbe Stimme: "Hallo, ich bin hier!" Und dutzende leuchtende Mobiltelefone offenbaren, dass sich der Sänger in die Mitte seiner Anhänger gestellt haben muss.

1000 Fans sind am Samstagabend ins Haus Auensee gekommen, und bevor viele von ihnen Tuchfühlung mit Al-Deen aufnehmen durften, haben sie zunächst einem sympathischen bayerischen Balladenbarden namens Alex Diehl im Vorprogramm einen warmherzigen Empfang beschert. Zurecht, denn der 27-Jährige, dem zu glauben ist, dass seine Oma wunderbar kocht, kann kraftvoll singen, und seine romantischen Ansagen besitzen absolute Glaubwürdigkeit. Vor zwei Wochen erst, sagt er, habe er das Lied für seine Freundin geschrieben, in dem er sie bittet, "nie ein Song" zu werden - nie die Heldin seiner üblichen Liebeskummerlieder.

Ebenso wenig macht Laith Al-Deen kurz darauf einen Hehl daraus, dass er seine Ideen zuletzt aus seiner Verzweiflung zog. "Lange her", begrüßt er die Zuschauer. "Echt schön, euch zu sehen." Von einer "dunklen Phase", die er hinter sich habe, erzählt der 42-Jährige. Vor allem jedoch tun dies seine Mutmachlieder. Die rockige Nummer "Was, wenn alles gut geht" zur Eröffnung, "Volle Kraft", "Lass es los" und das berührende Stück "Steine" über die eigene Versagensangst - und deren Überwindung. Fast drei Jahre brauchte er dafür.

Sogar Al-Deens ältere Ohrwürmer - "Bilder von Dir", "Dein Lied" - unterstreichen mit jeder Menge Groove, dass das weit verbreitete Bild eines Schmusesängers einseitig ist. Die versierte Band wandelt souverän von Rock bis Soul, und später sollen noch Elektropop und Dance­floor-Klänge folgen. Der Chef des Ensembles wiederum besitzt nicht nur eine fantastische Stimme von beeindruckender Sicherheit und bemerkenswertem Tonumfang, auch gibt er mit Gesten und Mimik eher den Rocker. Er erinnert darin ein bisschen an Peter Maffay, mit dem er ja seit einem Tabaluga-Engagement 2012 befreundet ist.

Und ziemlich genau in der Mitte des Konzerts steht Al-Deen also plötzlich nicht mehr da oben. Sondern hier unten, "damit wir zusammenstehen", erklärt er. "Immerhin seid ihr in einem Raum mit einem Halbiraker." Ein schönes Zeichen. Er wolle nicht groß reden, doch "wir sollten unsere eigenen Defizite nicht gegen Menschen richten, die nichts dafür können", sagt er. Punkt. Anders als Pegida oder Legida, mag man anfügen. Und als ein Staat, der sich islamisch nennt.

Weil sich aber Al-Deen ganz offensichtlich vorgenommen hat, gerade in düsteren Momenten nach Licht zu suchen, singt er gleich darauf davon, sich "ohne Rüstung, ohne Schwert" zu begegnen und trotzdem "Unversehrt" (so der Titel) zu bleiben. Was für die Liebe gilt, kann ja gesellschaftlich nicht so verkehrt sein. Noch eine Übung trägt der Musiker seinen Zuhörern auf. Zur Einstimmung auf "Alles bleibt" soll jeder die rechte Hand auf die linke Schulter des Nachbarn legen - und anerkennend darauf klopfen. Was man bei Al-Deen selbst allerspätestens bei der ersten Zugabe machen möchte.

Da singt er "Jetzt, hier, immer" und zeigt, dass er so einen Saal auch allein mit Wandergitarre in Atem hält. "Solche Abende sind keine Selbstverständlichkeit", sagt er am Ende zweier mitreißender Konzertstunden und fragt vorsichtig, ob "ihr das gute Gefühl, das ihr mir gegeben habt, mitnehmen könnt in diesen komischen Zeiten - gutes Gefühl hilft". Sein Wort in den Ohren der Menschen, die am Mittwoch auf dem Leipziger Ring was auch immer demonstrieren wollen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 19.01.2015

Mathias Wöbking

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