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Kultur Die Skeptiker mit neuer Platte in Leipzig
Nachrichten Kultur Die Skeptiker mit neuer Platte in Leipzig
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00:35 26.03.2018
Altgediente Punkband: Die Skeptiker sind wieder auf Tour. Quelle: promo
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Leipzig

Seit über 30 Jahren sind die Skeptiker bekannt für ihre unverwechselbare Mischung aus hartem Punktrock, dandyhafter Kulturgeste und mal schnörkelvollen, mal direkten Texten. Aktuell sind sie mit ihrem Studioalbum „Kein Weg zu weit“ auf Tour und spielen am Samstag in der Moritzbastei. Wir haben mit Ur-Mitglied und Sänger Eugen Balanskat gesprochen.

Im Opener eurer neuen Platte entschuldigt sich ein alternder Punk für einsetzende „Verzärtelung“ und das Abklingen seiner Wut. Naht die „Rockerrente“?

Von einem Abklingen der Wut möchte ich in diesem Zusammenhang nicht reden, sondern sehe es eher als einen Moment der Erschöpfung, der auch mit privaten Schicksalsschlägen zu tun hatte, wodurch einen auch andere Aspekte als Wut berühren – etwa Trauer oder Verbiesterung über den Prozess der natürlichen Alterung. Aber das sind nur Teilaspekte der behandelten Themen. Und auch wenn es düster endet, wird es weitergehen. Wir haben alle noch genügend Energie und Wollen und basteln schon an nächsten Ideen.

Die besungenen Themen sind zum Beispiel nationale Überheblichkeit, Flucht, Ausgrenzung, Vereinzelung, Selbstzweifel, Großstadt, Drogen und eben Alter und Verlust. Haben Euch diese Dinge brennglasartig in der letzten Zeit beschäftigt?

Es ist immer ein Mix aus aktuellen Befindlichkeiten und Themen, die eines längeren Zeitraumes oder einiger Recherche bedürfen, um sie zu bewältigen. Sehr wichtig war mir, in diesem Jahr an das Endes des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren zu erinnern.

Wo du es ansprichst: Schon das Cover erinnert nicht von ungefähr an Otto Dix. In den plastischen Schilderungen des Songs „Gas 14/18“ hat man aber auch direkt Bilder heutiger Giftgastangriffe, beispielsweise aus Aleppo, vor Augen. Warum wählt Ihr diesen Umweg über die Geschichte?

Weil sich durch die Geschichte sehr gut Allgemeingültigkeiten und Erfahrungshorizonte für die Gegenwart aufzeigen lassen. Ein Krieg beispielsweise ist immer grausam und verheerend für die Menschen – ob in der Antike, dem Mittelalter oder heute. Ich versuche beim Texten das Allgemeingültige darin aufzuzeigen. Deine Bilder im Kopf zu aktuellen Ereignissen zeigen doch, dass es funktioniert. Außerdem komme ich als geschichtlich interessierte Person gar nicht daran vorbei, auch solche Themen aufzugreifen.

Unverwechselbar bei den Skeptikern ist ja eine gewisse dandyhafte Kulturaffinität. Gleichzeitig schrammeln die Gitarren, drischt das Schlagzeug, vor der Bühne sammeln sich Generationen im Pogokreis. Eigentlich ein Paradox, oder? Warum kann bei Euch das Eine nicht ohne das Andere?

Ich denke, das macht genau den Reiz der Skeptiker aus, dass wir neben der treibenden, kraftvollen Musik nicht über exzessives Feiern singen wie so viele andere, sondern durchaus gehaltvollere Themen anzubieten haben. Geschichte ist eben so ein Themenfeld, das mich sehr interessiert und bei dem ich nicht umhin komme, es immer wieder aufzugreifen, was ich auch gerne tue.

Wenn Ihr Euch heute umschaut: Befällt Euch eher Resignation oder kämpferische Wut? Was ist verloren, wo ist was zu retten?

Mich befällt beides gleichzeitig zum Lauf der Dinge – Trauer und Wut. Niemand ist ständig nur wütend oder nur kämpferisch. Ich glaube nach wie vor, dass wir sehenden Auges in die globale Katastrophe schlittern, die sich etwa durch veränderte Klimaverhältnisse heute schon zeigt. Die durch die Wirtschaft gelenkte Politik des „immer schneller, immer größer, immer mehr“ kann nur in den Abgrund führen, wenn selten der Vernunft Raum gegeben und alles nur unter monetären Gesichtspunkten betrachtet wird. Verloren ist noch nichts, zu retten bleibt alles, die Frage ist: Werden wir es auch tun?

Tauchen wir noch einmal ab in eure eigene Geschichte: Ihr habt 1986 in der DDR angefangen. Was war die Motivation, eine Band zu gründen? Gab es Widerstände oder Repressionen?

Wir wollten damals die Musik machen, die wir selber gern im Radio gehört hätten – weg von Schlager, Volksmusik oder drögem Rock. Wir wollten aggressivere Klänge, provozieren und stänkern, um zu zeigen, dass wir mit den bestehenden Verhältnissen nicht zufrieden waren. Früher habe ich immer nur Gedichte geschrieben, fand es dann aber spannender, diese mit energetischer Musik von den Bühnen zu singen. Es war eine Gratwanderung zwischen möglichem Verbot und der Chance, sich öffentlich bemerkbar zu machen. Für uns hat das in Berlin funktioniert, für andere in der Provinz ist es leider oft schlimm ausgegangen. 

Das Album „Sauerei“ von 1991 ist ein Meilenstein des Deutschpunk. Kurz nach der Wende schien Eure Wut größer als in den Songs, die es davor von euch zu hören gab – oder war es die Freiheit, endlich alles deutlich aussprechen zu können?

Das hatte definitiv damit zu tun, dass man bestimmte Reizworte nur umschreibend benutzen konnte, um nicht im Knast zu landen. Um dieses Problem etwas zu umschiffen hatte ich auf „Harte Zeiten“ auch versucht, Gegenwart über Historie zu transportieren, und alle haben es damals voll verstanden. Auf der „Sauerei“ habe ich mich erst mal so richtig ausgekotzt. Das passte sehr gut in diese Zeit des Aufbruchs, aber auch der Verunsicherung. Ein halbes Jahr lang nach der Maueröffnung herrschte Anarchie. Eine wunderbare wahrscheinlich unwiederbringliche Erfahrung. Mehr an Aufbruch und Möglichkeiten als zu dieser Zeit hat es nie wieder gegeben, alles war machbar.

 In den 2000ern hatte sich die Band zwischenzeitlich aufgelöst. Woher kam die Entscheidung, es ab 2006 doch wieder anzugehen?

Die Idee war einfach ein mögliches Jubiläum – 20 Jahre Die Skeptiker – nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Wir planten eine einmalige Jubiläumstour und wollten danach wieder aufhören, aber die Fans baten uns allabendlich weiterzumachen und auch wieder neue Tonträger zu veröffentlichen, was wir ja seitdem auch tun.

Zu Guter Letzt: Welche drei Songs würdet Ihr jemandem vorspielen, der noch nie von den Skeptikern gehört hat?

1918, Titania, DaDa in Berlin.

Konzert Samstag ab 20 Uhr in der MB (Support F.R.I.D.A.), Karten für 15 im Vorverkauf.

Von Karsten Kriesel

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