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Die Wärme der Jahre: Diese Woche erscheint Christa Wolfs letzte Erzählung „August"

Die Wärme der Jahre: Diese Woche erscheint Christa Wolfs letzte Erzählung „August"

Diese Erzählung ist ein Abschied, eine Bilanz. Und ein Ausblick auf andere Weise. Als August nach Hause kommt in seine Wohnung in Berlin-Marzahn, in die Stille, vor der er sich fürchtet, seit Trude tot ist, da fühlt er „etwas wie Dankbarkeit dafür, daß es in seinem Leben etwas gegeben hat, was er, wenn er es ausdrücken könnte, Glück nennen würde".

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Christa Wolf (1929–2011) bei der Verleihung des Thomas-Mann-Preis 2010.

Quelle: dpa

Leipzig. „August" ist die letzte Erzählung der Schriftstellerin Christa Wolf, die am 1. Dezember 2011 starb, darin enthalten ist ein Teil ihres Abschiednehmens.

August fährt einen Bus voller quietschvergnügter Senioren von Prag nach Berlin. Es ist eine seiner letzten Fahrten. Die Reisenden singen, sie schlafen, und August erinnert sich. Es ist mehr als 60 Jahre her, dass er auf der Flucht aus Ostpreußen seine Mutter verlor und vom Roten Kreuz in eine Lungenheilanstalt gesteckt wird, die sie „die Mottenburg" nennen. „Waise" stand auf dem Pappkärtchen, das sie dem Achtjährigen umgehängt hatten. Er hat es lange aufgehoben.

„Einen Sommer lang, einen Herbst und einen Winter" ist er dort gewesen, hat das Sterben erlebt, hat Freundschaft und jener Form der Liebe erfahren, die Erinnerungen trägt. So wie die Senioren im Bus jetzt singen, so haben die Frauen im Krankenhaus gesungen. Christa Wolf verschränkt die Zeitebenen, knappe Sätze durchmessen die Jahre. Nachkriegskindheit und Sehnsucht sind Geschwister.

August „fällt auf, dass er in den alten Geschichten blättern kann wie in einem Bilderbuch, nichts ist vergessen, kein Bild verblaßt. Wenn er will, sieht er alles vor sich, das Schlossinnere, die breite geschwungene Treppe, jeden einzelnen Raum, die Bettenaufteilung in dem Saal, in dem die Lilo lag." Die ihm versprochen hat, ihn nie zu vergessen. Lilo, die den Krankenschwestern beim Messen der Blutsenkung hilft und weiß, wer sterben wird. Die auch dem Lehrer beim Unterrichten der verwahrlosten Kinder zur Seite steht. Lilo hat Prinzipien, Mitgefühl und Kraft – für sie ist das Leben an sich schon ein Anfang. Von jenem Tag an, als sie August bei seinem Namen nennt, hängt er an ihr. „Hängte er sich an sie, könnte man auch sagen, und es war ihm egal, ob sie es merkte oder überhaupt wollte, er tat, was er tun musste."

Lilo gleicht Nelly Jordan aus Christa Wolfs autobiographischem Roman „Kindheitsmuster" (1976), in dem August bereits auftauchte. „Eines Tages teilte er Nelly mit, er habe sie sich als Beschützerin ausgesucht", heißt es da über einen plumpen, schwerfälligen Jungen. „Seine tapsige, zudringliche Werbung, seine Eifersucht auf die anderen, hübscheren, klügeren Kinder."

Jetzt gilt Wolfs Empathie dem alten, genügsamen August, dem die Jahre im Kinderheim, die Schlosserlehre, kaum Gedanken wert sind, doch von dem Gefühl weiß er noch, als er zum ersten Mal einen Lkw fuhr: „August war ungeübt in Freude, es war ein fremdes Gefühl. In letzter Zeit denkt er öfter daran." Eingeholt von Erinnerungen, wärmt er sich an den ihn prägenden, „über sich selbst nachzudenken, ist ihm nie eingefallen".

„Es ist nicht gut, in eine leere Wohnung nach Hause zu kommen." Doch August denkt nicht daran, wegzuziehen. Ihm ist es möglich, zu sich zurückkehren. Bis zum letzten Satz: „Er stößt seine Tür auf und geht hinein." Janina Fleischer

Christa Wolf: August. Erzählung. Suhrkamp Verlag; 39 Seiten, 14,95 Euro (erscheint am 13. Oktober)

Janina Fleischer

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