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Die Welt ist eine Discokugel am Neuen Theater Halle - bejubelte Liederabend-Premiere

Die Welt ist eine Discokugel am Neuen Theater Halle - bejubelte Liederabend-Premiere

Ein bisschen unglücklich ist er schon, der Titel, räumt Intendant Matthias Brenner ein, weil er in die Irre führen könnte, Denn Peter Dehlers Inszenierung "Weltall-Erde-Mensch - Wie stolz das klingt" ist keine DDR-Erinnerungs-Revue, in der Gespenster mit Klischees Karussell fahren.

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Männer, die auf Erinnerungen schauen: Intendant Matthias Brenner (vorn) und Ensemble-Kollegen im Liederabend am Neuen Theater Halle.

Quelle: Gert Kiermeyer

Halle. Es ist ein überzeugender Liederabend, weil der Regisseur der Versuchung widersteht, sentimental zu agieren - zugunsten bester Unterhaltung und einiger Überraschungen. Am Freitag war die bejubelte Premiere am Neuen Theater Halle.

Dehlers Bühne ist ein Dorftanzsaal. Der Lack ist ab, die Welt eine Discokugel. Hier könnten sie gewesen sein, jene Jugendweihefeiern, bei denen das Geschenkbuch "Weltall Erde Mensch" längst vergessen in der Ecke lag, weil sowieso alles andere wichtiger war. Die Zukunft nämlich, die nun endlich beginnen sollte. Was daraus wurde, generell, nicht explizit in der DDR, davon erzählt diese Inszenierung, in der das Glück vor der Tür steht. Aber eben davor. Die vier Schauspielerinnen und sieben Schauspieler, drei davon Studierende aus dem Studio, haben sich eingerichtet - jeder an einem eigenen Tisch, umgeben von Gegenständen, die mal von Bedeutung waren.

Irgendwann weiß man, wie der Hase läuft, aber nicht immer, wohin. Ein einziges Wort genügt. "Er", sagt Hanne Schubert nur. Und fast jeder im Saal weiß, wie es weitergeht: "... sprach von Liebe." Doch schon beim zweiten Wort ist diese "Jugendliebe"-Variante ganz anders als der Dauer-Hit Ute Freudenbergs. Das gilt auch für all die anderen mehr oder weniger vertrauten Schmachtfetzen oder Kampflieder - Songs von Udo Jürgens, Renft, den Toten Hosen, Karussell, Milva, Lakomy, Pankow, Rio Reiser, Gundermann, Silbermond, Hannes Wader, Udo Lindenberg ...

Titel wie "Liebe ohne Leiden", "Wohin gehen wir", "Ihr von Morgen", "Altes Fieber" oder "Ich habe keine Angst" führen nie dorthin, wo sich das Publikum zunächst abgeholt vermutet. Aus mehreren Gründen: Zum einen hat John R. Carlson als Pianist und musikalischer Leiter alles neu arrangiert, zum anderen folgt Regisseur Dehler zuerst dem Text, der hier in Monolog, Dialog oder Chor dominiert. Nicht immer folgt er dem Original, nicht immer einer Melodie. Und stets biegt er ab, bevor Pathos Spalier stehen könnte oder gar Seligkeit.

Hin und wieder sieht man hinter dem Dorfsaalbühnenvorhang die Sterne funkeln, doch das All beginnt nirgendwo, es hat ja auch kein Ende. Der Mensch hingegen schon, so wie die Liebe und das Glück. Davon gilt es zu erzählen, leise oder laut. In Unterhemd und Bademantel ist Matthias Brenner, der Intendant spielt "als Gast" mit, auf den Tisch gestiegen. "Dass ich eine Schneeflocke wär", singt er und zeigt eine Verzweiflung, die aus Zärtlichkeit plus Wut erwächst.

"Über sieben Brücken musst Du gehn" muss man nicht mehr singen. Dramatisch gesprochen bekommt das tatsächlich einen anderen Dreh. Was auch deutlich macht, wie literarisch Songtexte sein können, zu welcher Tiefe sie das Zeug haben - oder eben nicht. Reinhard Straube macht "Du hast den Farbfilm vergessen" gar zum großen Theater-Monolog.

Immer wieder verschränkt Dehler die Ebenen, was für Abwechslung sorgt und für Komik. Gegen "Du, entschuldige, ich kenn' Dich" setzt er "Sag mir, wo Du stehst"; am Ende kannten sich die beiden dann doch nicht, aber "man wird ja mal fragen dürfen". "Als ich wie ein Vogel war" prallt auf "Immer lebe die Sonne" - Männer gegen Frauen, Selbstbehauptung gegen Behauptung, das geht sogar zusammen. Wer hätte gedacht, dass "Kam ein kleiner Teddybär" mit "Don't Worry, Be Happy" derart harmoniert und sich "Unsere Heimat" als "Our Homeland" als Tom-Waits-Ballade räuspert.

Wenn alte Wünsche und Wirklichkeit sich über den Weg laufen, führt das zum musikalischen Aufruhr. Es kommt auch mal eine Geige ins Spiel, meist aber sorgt die kollektive Rhythmusgruppe für ein zuweilen schon aggressives Tempo, während einer, zwei oder alle zum Mikro greifen. So entwickelt sich ein leichter Abend voller Klassikerzitate aus dem deutschen Liederbuch der Sehnsucht nach Erinnerungen, eine Inszenierung, die über Emotionen Geschichten erzählt und über Texte an die Seele tippt, bevor nach anderthalb Stunden und einer Zugabe alle fröhlich in der Versenkung verschwinden.

Der 1963 in Leipzig geborene Peter Dehler ist seit 1999 Schauspieldirektor in Schwerin, von wo er auch den amerikanischen Musiker John R. Carlson mitgebracht hat. Dort wiederum feiert am 26. April Henriette Hörnigks Inszenierung "Minna von Barnhelm" Premiere. Hörnigk ist Chefdramaturgin in Halle und dieser Austausch genau das, wonach es aussieht: der Auftakt einer Partnerschaft beider Häuser.

Wieder am 27.4., 19.30 Uhr, im Neuen Theater Halle, Kartentel. 0345 5110777

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 23.04.2013

Janina Fleischer

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