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Die Welt steht Kopf im Leipziger Krystallpalast

Varieté-Premiere Die Welt steht Kopf im Leipziger Krystallpalast

Die neue Show kann verzaubern und auch beeindrucken, dennoch ist das Programm „Schwerelos – Luftiges Varieté“ im Leipziger Krystallpalast kein großer Wurf.

Burl aus den USA setzt auf sanfte Schönheit der kleinen Dinge, auf Nostalgie und Poesie.

Quelle: Kempner

Leipzig. Eigentlich macht Alexandra Buzas aus Ungarn nicht viel. Elegant flaniert sie zu Edith Piafs „Je ne veux pas travailler“ von rechts nach links und wieder zurück. Sie schenkt sich (mit erheblichem Schwund) ein Glas Wein ein, jongliert ein wenig mit drei Bällen, später mit hauchzarten Tüchern, spannt einen Schirm auf – und spaziert dazwischen immer wieder mit diesen auf den zweiten Blick merkwürdig ausladend rhythmisierten Schritten vor und zurück.

Nichts wäre dabei, außer der geschmeidigen Schönheit der Bewegungen und der Frau, die sie ausführt – würde Alexandra Buzas nicht all dies an der Decke vollführen, kopfüber, das Haar abwärts wallend. „Deckenlauf“ heißt dieses spektakulär unspektakuläre Varieté-Genre, das Buzas reaktivierte. Und es ist genau das, was der Name verspricht: Es läuft jemand an der Decke.

Ein seltsamer Zauber geht aus von diesen recht normalen Varieté-Verrichtungen in einer verkehrten Welt. Und man möchte gar nicht wissen, wie das funktionieren mag, um die Magie nicht zu entlarven, in den Alltag zurückzuholen, was in aller Schlichtheit so besonders ist.

Gekonnt und solide

Alexandra Buzas’ Deckenlauf ist die erste Nummer des aktuellen Programms im Leipziger Krystallpalast Varieté, und besser als mit diesen sanften Schritten auf der Schattenseite der Physik kann ein Programm nicht beginnen, das „Schwerelos“ überschrieben ist. Tatsächlich ist genau dies, der Kampf gegen die Gesetzmäßigkeiten der Gravitation, der rote Faden, der sich durch die akrobatischen Nummern des Abends zieht. Gekonnte, doch vergleichsweise konventionelle Nummern sind dabei: der grundsolide Drahtseil-Tanz Veera Kaijanens aus Finnland oder ihre multiple Hula-Hoop-Kompetenz, Rosannah Stars (USA) sinnliche Luftakrobatik an zahlreichen Fäden oder Nelli Kujansivus schon etwas außergewöhnlichere Ball-Jonglage mit den Füßen. Zweifelsfrei allesamt Könner ihres jeweiligen Fachs – und solche, die der Schwerkraft ein Schnippchen zu schlagen in der Lage sind.

Alexandra Buza setzt die Schwerkraft außer Kraft

Alexandra Buza setzt die Schwerkraft außer Kraft. Fast.

Quelle: André Kempner

Er spinnt sich folglich ganz von selbst, der rote Faden der Frühjahrs-Show im Krystallpalast, und Matthias Romir aus Deutschland müsste nicht als solcher firmieren. Eigentlich trägt er, abgesehen vom Umstand, dass er häufiger als alle anderen durchs Bild läuft, auch kaum dazu bei, das von Urs Jäckle angerichtete Nummern-Programm von der anderen Seite der Schwerkraft zusammenzuhalten. Romir trägt als schwarzer Clown mit Cyrano-de-Bergerac-Nase, auf Rollschuhen und in Pluderhosen herrlich ungelenke Jonglagen bei, eine ziemlich kluge Video-Projektion über die Unzulänglichkeiten der Wahrnehmung – und zieht unter der ganzen Veranstaltung als doppelten Boden seinen anarchischen Körper-Witz ein. Dem allerdings tritt er selbst mit infantil erstellter Knödelstimme auf dem Spuren des frühen Hörspiel-Helge-Schneider immer wieder die Stützbalken weg. Und beweist damit ein weiteres Mal, dass es im Varieté, ist kein wirklich kompetenter Conférencier vorgesehen, besser ist, einfach mal die Klappe zu halten.

Sanfte Schönheit der kleinen Dinge

So halten es die wirklichen Höhepunkte des Abends: David Burlet aus Frankreich beispielsweise entfaltet in seiner hinreißend hektischen Teller-Balance den selbstironischen Witz ohne eine Silbe. Und doch ist seine Nummer so komisch, wie sie virtuos ist: Nicht weniger als zehn Teller bringt und hält er nach und nach auf den Stangen in Drehung und erledigt nebenbei, was man als One-Man-Show so zu erledigen hat, von der Equilibristik bis zu Hausarbeit. Ein wunderbarer Artist.

Wie Burl aus den Staaten. Auch er setzt mit seinem Seifenblasen-Theater nicht auf Spektakel, sondern auf die sanfte Schönheit der kleinen Dinge, auf Nostalgie und Poesie.

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Die neue Show kann verzaubern und auch beeindrucken: „Schwerelos – Luftiges Varieté“ im Leipziger Krystallpalast.

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Natürlich kommt auch eine schwerelose Show dennoch nicht ohne das große Besteck aus. Dafür stehen Banquinbar aus Kolumbien, die bereits bei der letzten „Gans ganz anders“-Show für offene Münder sorgten. Fliegende Körper, getragen, gestützt und geworfen von den Händen der Kollegen. Atemberaubend kraftvoll, spektakulär im Timing – und die kleinen Unzulänglichkeiten in der Ausführung waghalsiger Flüge unterstreichen die Wirkung eher noch, als dass sie sie beschädigten. Am Ende sitzt sie eben doch am längeren Hebel, die Schwerkraft.

Allzu beliebig

Viele gute Nummern also und einige grandiose – und doch ist „Schwerelos“ kein großer Krystallpalast-Wurf. Weil der inhaltliche rote Faden allzu offensichtlich ist und der des Matthias Romir allzu beliebig. Weil überdies Ballons als Leitmotiv immer noch zu wenig Zusammenhalt stiften, hat Rosannah Star für den Beginn beider Hälften im Niemandsland zwischen Bodenturnen und Ausdruckstanz noch rührend ambitionierte Choreographien ersonnen, die das Artisten-Kollektiv nur unter Zuhilfenahme dichter Kunstnebel-Schwaden ohne Fremdschäm-Schaden hinter sich bringt. Und spätestens als Jäckle dies geschehen ließ, hätte er darüber nachdenken sollen, ob „Schwerelos“ nicht eines anderen roten Fadens bedurft hätte. Etwas mehr Tempo würde beispielsweise helfen. Oder mehr Stille. Oder weniger Beliebigkeit. Denn so konsequent sich die internationalen Artisten auch abarbeiten an der Schwerkraft an und für sich: Eigentlich ist dies doch ziemlich normal im Varieté. Wie der erhebliche Applaus für „Schwerelos“.

„Schwerelos – Luftiges Varieté“: bis 24. Juni, Krystallpalast Varieté, Magazingasse 4 in Leipzig; Karten (10–30 Euro, Menü20/25 Euro) gibt es unter Telefon 0341 140660 oder auf www.krystallpalastvariete.de

Von Peter Korfmacher

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