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Kultur Die Worte wenden: Gespräche über Lyrik nach 1989
Nachrichten Kultur Die Worte wenden: Gespräche über Lyrik nach 1989
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19:00 06.10.2016
Sibylle Goepper, Cécile Millot (Hrsg.): Lyrik nach 1989 – Gewendete Lyrik? Gespräche mit deutschen Dichtern aus der DDR. Mitteldeutscher Verlag; 496 Seiten, 19,95 Euro Quelle: Mitteldeutscher Verlag
Leipzig

Der Reiz liegt im auch Abstand. 15 bis 20 Jahre liegen zwischen den Gesprächen. Für die fünf Lyrikerinnen und sieben Lyriker wählen die Herausgeberinnen die Bezeichnung „deutsche Dichter aus der DDR“. Was besser ist als die Zuschreibungen „ostdeutsche Künstler“ oder gar „DDR-Autoren“, vor allem engt er nicht ein.

Nicht alle konnten zweimal zu ihrem Schreiben und den Bedingungen für ihr Schreiben, zu Unbehagen und Erfahrungen befragt werden, Karl Mickel starb im Jahr 2000, Wolfgang Hilbig 2007, Adolf Endler 2009. Neben ihnen kommen Elke Erb, Kerstin Hensel, Katja Lange-Müller, Kathrin Schmidt und Gabriele Stötzer zu Wort, Jan Faktor, Uwe Kolbe, Bert Papenfuß und Richard Pietraß. Andere wollten sich kein zweites Mal äußern oder sind verstummt.

Anliegen der Interviewerinnen – zunächst Cécile Millot, später dann Sibylle Goepper – war es, zum einen, nach den Möglichkeiten einer Kontinuität des lyrischen Ausdrucks zu fragen, ausgehend von der These, dass es neben den gesellschaftlichen und politischen Bedingungen auch einen „in vieler Hinsicht spezifisch sprachlichen Rahmen der Deutschen Demokratischen Republik“ gibt. Zum anderen soll der Wandel des Literaturbetriebs thematisiert, der Schwerpunkt von der Sprache auf allgemeine Entwicklungen verlagert werden.

„Schmuddelkind aus dem Osten“

Cécile Millot und Sibylle Goepper schauen gleichermaßen von außen auf das Thema, wie sie es von innen erforschen. Sie lehren als Dozentinen an den Universitäten in Lyon und Reims, zu ihren Gebieten gehören die DDR-Literatur und die Literatur der neuen Bundesländer beziehungsweise die inoffizielle Literatur in den letzten Jahren der DDR, Wende- und Nach-Wende-Lyrik.

„Was man erforschen müsste, ist, was sich in den Leuten selbst an Denken und aus dem Denken an Sprache bewegt“, sagt Gabriele Stötzer 1994. Sie hatte in Erfurt gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert, wurde zu einem Jahr Haft verurteilt, durfte in der DDR nicht veröffentlichen, war Mitbegründerin der Gruppe „Frauen für Veränderung“ und konstatiert, „dass der Westen in den Osten eingezogen ist, der Osten aber nicht in den Westen.“ Sie habe vor dem Mauerfall „viel verzweifelter geschrieben“, sich „sehr alleine gefühlt“ – danach sei sie „wie ein Schmuddelkind aus dem Osten“ behandelt worden.

Gabriele Stötzer, die sich als Schriftstellerin in der DDR Repressalien ausgesetzt sah, bekommt 2013 von Joachim Gauck das Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Quelle: dpa

Als Stötzer im Juni 1989 beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt las, damals hieß sie noch Gabi Kachold, sei sie „vollkommen ausgebuht“ worden, weil sie „gegen die drei patriarchalischen Ordnungen geschrieben hatte“: gegen den Staat, gegen ihren Vater und gegen ihren Ehemann. „Das war den Leuten dort zu viel.“ Wer damals ihre Performances in Leipzig erlebt hat, wollte meist wegen der Provokationen dabei sein. Nichts war egal, und das war wichtig.

Der Bachmannpreis ging in jenem Sommer ’89 an Wolfgang Hilbig für einen Auszug aus seinem Roman „Eine Übertragung“, die Geschichte eines Heizers und seiner „Schwarzarbeit des Schreibens“. Im Gespräch mit Millot erklärt Hilbig die Sprachen der DDR: eine offizielle und eine inoffizielle. Er sagt, „es gibt heute weiterhin offizielle Sprachformen, die immer mehr die Tendenz haben, sich von der Wirklichkeit zu entfernen.“ Er nennt die Sprache der Ökonomie und die der Werbung, konnte aber 1994 noch nicht sagen, „inwieweit es die Sprache der Politiker auch betrifft“.

Straße, Sprache, Dresden

Aus Sicht Adolf Endlers war der normale Umgangston, der ja auch „ständig Stereotype und Schablonen“ hervorbringt, „nicht weit entfernt von der Sprache der Westdeutschen“. Als typisch ostdeutsch bringt er die Floskel „Dafür sind wir im Herbst ’89 nicht auf die Straße gegangen“ ins Spiel. Im Übrigen seien Schreibweisen wie seine in Deutschland hier wie dort nicht verbreitet, „also, wenn ich in einer Volksbuchhandlung in Glauchau oder Dresden gelesen hätte, wäre es womöglich nicht verstanden worden. Es war ein bestimmter Kreis.“

Apropos Straße, Sprache, Dresden: Nicht nur nebenbei inspirieren die Gespräche dieses Buches zu Überlegungen, warum in diesen Tagen Sprachlosigkeit derart zerstörerisch auf sprachliche Verwahrlosung trifft, Gleichgültigkeit auf Hass. Die Ursachen mögen auch in Ignoranz, Ängsten und fragwürdigem Sprachempfinden auf Seiten der Politik liegen; im Alltag fehlen Nischen der Verständigung in Auseinandersetzung mit Kunst. Wie man in den Wald hineinschweigt, so schwallt es heraus.

Uwe Kolbe sagt, dass in seine Texte politische Intention „vielleicht nur als aufrührerische Haltung“ eingegangen ist. Immerhin. Im Schreiben, Hören, Lesen könnte Ratlosigkeit erkannt werden. Empathie könnte sich entwickeln. Kathrin Schmidt beschreibt „ein Mitfühlen mit Volker Braun oder ein Sich-Identifizieren mit Volker Braun in den 70er Jahren und vielleicht auch noch in den 80er Jahren war eigentlich schon ein Akt schwerer politischer Distanz zur DDR“. Mitgefühl als politische Aktion.

Von Volker Braun sind übrigens gerade neue Gedichte erschienen: „Handbibliothek der Unbehausten“. So ein Dach überm Kopf kann aus Wörtern bestehen, nur eben nicht aus Parolen.

Sibylle Goepper, Cécile Millot (Hrsg.): Lyrik nach 1989 – Gewendete Lyrik? Gespräche mit deutschen Dichtern aus der DDR. Mitteldeutscher Verlag; 496 Seiten, 19,95 Euro

Von Janina Fleischer

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