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Die Würde im Auge des Betrachters - Ferdinand von Schirachs neuer Roman "Tabu"

Die Würde im Auge des Betrachters - Ferdinand von Schirachs neuer Roman "Tabu"

Ferdinand von Schirach dürfte der bekannteste Strafverteidiger der Bundesrepublik sein, seitdem er unter die Schriftsteller gegangen ist. In den Erzählungsbänden "Verbrechen" (2009) und "Schuld" (2010), schreibt er fiktional verfremdet über seine Arbeit als Anwalt und ausgewählte Fälle.

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Ferdinand von Schirach, Jahrgang 1964, schlägt in "Tabu" einen großen Bogen von der einen Freiheit zur anderen.

Quelle: dpa

Leipzig. In "Der Fall Collini" (2011) geht es um den späten Rachemord an einem NS-Schreibtischtäter und nun, im neuen Roman, um Freiheit, Recht und Würde. Auch "Tabu" ist so irritierend wie spannend.

Vielleicht liegt es am Tonfall. Es ist ein Vergnügen, ihm zu folgen, wenn Ferdinand von Schirach in kurzen, klaren Sätzen eine Geschichte von bezwingender Logik erzählt, die dem Recht verpflichtet ist. Dabei sind seine Bücher beste Unterhaltung: spannend, amüsant. Und es ist, wie man so sagt, immer was dran.

Auch das ist wirklich passiert: Am 27. September 2002 entführte Magnus Gäfgen den elfjährigen Jakob von Metzler. Beim Verhör drohte der stellvertretende Polizeipräsident Frankfurts, Wolfgang Daschner, Gäfgen erhebliche Schmerzen an, um den Jungen zu retten, wenn er dessen Aufenthaltsort nicht preisgibt. "Es ist wie in einer griechischen Tragödie", schrieb von Schirach 2010 im "Spiegel" über den Fall: "Der Polizist darf nicht tun, was er als Mensch tun will. Das Gesetz verlangt Fürchterliches. Der Polizist ist Vertreter des Staates, er muss nach dem Recht handeln. Die Tragödie trifft ihn nicht als Strafverfolger, sie trifft ihn als private Person, als einfachen Menschen. Er muss sich entscheiden, allein."

In seinem neuen Roman greift er das Thema auf. Es ist nur ein Nebenaspekt, die Handlung wäre auch ohne diesen Exkurs ausgekommen, andererseits gibt er von Schirach Gelegenheit, die großen Themen - Würde, Recht und Wahrheit - zu vertiefen: Unter Folter gibt es keine Wahrheit, sondern das, was der Folternde hören will.

Der das sagt, heißt Konrad Biegler, ist der leicht übergewichtige und stark überarbeitete Strafverteidiger im Prozess gegen Sebastian von Eschburg, einen berühmten Fotografen, der eine Frau entführt und ermordet haben soll. Indizien gibt es genug.

Von Eschburg will unbedingt von Biegler verteidigt werden, weil der in einem Interview mal gesagt hatte, Wahrheit und Wirklichkeit seien ganz verschiedene Dinge, so wie Recht und Moral sich unterscheiden würden. Genau das versucht der Künstler in seinen Bildern und Installationen zu zeigen, es beschäftigt ihn von Kindheit an und lässt ihn immer wieder verzweifeln: Wahrheit und Wirklichkeit und die Abgründe dazwischen.

Sebastian von Eschburgs Lebensgeschichte gilt das erste der vier mit "Grün", "Rot", "Blau" und "Weiß" überschriebenen Kapitel. Der Junge wächst auf in einem Haus am See, auf halber Strecke zwischen München und Salzburg. Er ist dort zur Welt gekommen. Mit acht Jahren durfte er zum ersten Mal bei den Eltern am Tisch sitzen. Mit zehn kommt er ins Internat. Als sein Vater sich umbringt, verliert er den letzten Halt. "Er wusste nicht mehr, was noch wirklich war, und er wusste nicht, was noch werden sollte." Sebastian zieht es vor, in Büchern zu leben, seine Gesprächspartner heißen Odysseus, Herkules und Tom Sawyer. Wo soll er auch hin, wenn im neuen Haus der Mutter seine Habseligkeiten in zwei Kisten auf den Speicher verbannt sind.

Doch Sebastians tiefe Einsamkeit trifft auf eine Begabung: "Er sah, was andere Menschen sehen, aber in ihm waren die Farben anders." Alle Dinge hatten neben der sichtbaren noch eine andere, unsichtbare Farbe. Ein A ist für ihn rot, ein B ist gelb und riecht wie die Rapsfelder ... Sebastian geht nach Berlin und wird Fotograf. Allerdings wollte er kein Künstler sein, wollte weder provozieren noch zerstören, "er wollte sich eine andere Welt erschaffen, fließend, vergangen und warm. Und nach einigen Monaten sahen die Gegenstände, Menschen und Landschaften auf seine Bildern so aus, wie er sie ertragen konnte."

Andere sind fasziniert. Es kommen Regisseure, Schauspieler, Sportler und Sänger, später Politiker, Manager, Unternehmer, um sich von ihm fotografieren zu lassen. Er wurde bekannt, weil die Menschen bekannt waren, die er porträtierte. Die Ratlosigkeit dem Leben gegenüber aber bleibt.

Seine Gefühle, denen von Schirach sehr nahe kommt, zeigen sich in den Bildern, für die der Fotograf Sepia bevorzugt, jene Tintenfischtinte, die Ärzte gegen Depressionen verschreiben, gegen Leere und Einsamkeit, "sie sagen, sie könne die verletzte Würde des Menschen heilen." Ist das seine Wirklichkeit, seine Wahrheit?

Sebastians Inszenierungen werden immer aufwendiger, er stellt Goyas "Maja"-Bilder - mal nackt, mal bekleidet - mit 16 Amateurpornodarstellern nach. Und mit Sofia. Sie ist die erste Frau nach vielen anderen, mit der er es aushält: "Mit ihr ist es möglich, das Alleinsein und die Stille."

Kann Wahrheit in der Verfremdung Wirklichkeit zeigen? Um das herauszufinden, will Sebastian immer und immer näher heran, nichts soll mehr sein zwischen ihm und seiner Kunst. "Die Wahrheit ist hässlich, sie riecht nach Blut und nach Kot", sagt er. Aber geht das bis zum Mord?

Neben die feingliedrige Psychologie im ersten Teil tritt die Aufklärung des Falls und mit Strafverteidiger Konrad Brieger die zweite Hauptfigur. Neben den sensiblen Beobachter von Schirach tritt der Experte von Schirach. Brieger ist Anwalt geworden, weil er irgendwann begriffen hat, "dass der Mensch nur sich selbst gehört. Nicht einem Gott, nicht einer Kirche, nicht einem Staat - nur sich selbst. Das ist seine Freiheit. Sie ist zerbrechlich, diese Freiheit, empfindlich und verwundbar. Nur das Recht kann sie schützen."

Das macht den Reiz auch dieses Buches aus, das kein Krimi mit falschen Fährten ist, sondern in dem große Themen verhandelt werden. Dabei entwickelt sich die Poesie meist weniger aus der Sprache selbst, als aus der Stimmung, die sie heraufbeschwört. So entstehen Bilder im Kopf, die schön sein können oder gefährlich. Womöglich wahr.

Ferdinand von Schirach: Tabu. Roman. Piper Verlag; 254 Seiten, 17,99 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 11.09.2013

Janina Fleischer

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