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Kultur Die grüne Insel Erika: Wie Leipziger Bands U2 gecovert haben
Nachrichten Kultur Die grüne Insel Erika: Wie Leipziger Bands U2 gecovert haben
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13:39 11.03.2018
Frei nach U2: mjuix im Ilses Erika. Quelle: Dirk Knofe
Leipzig

Nicht schlecht, gleich die erste Band des Abends klingt original wie U2, denkt man beim Betreten der Ilse. Da ist der Laden aber noch leer und die Musik kommt aus der Konserve. Es ist wie immer bei Konzerten hier: Man geht sehr spät hin – und ist doch viel zu früh dran. Was bleibt, ist sich mit einem erfrischenden Kaltgetränk irgendwo hinzufläzen und zu warten auf das, was da kommen möge. Und das sind an diesem Wochenende sechzehn Bands, die jeweils drei Songs von U2 covern. Also jener Band, zu deren Musik man als Spätgeborener nie vorgedrungen ist, weil einen der übergroße Türsteher mit der gelben Brille verschreckt hat.

Kurz vor Mitternacht betreten am Freitag als erstes Bungalow4 die kleine Bühne im für einen „Saal“ viel zu kleinen Raum. Das Leipziger Trio macht sehr viel richtig: Es schrammelt ordentlich los, tilgt den Stadionrock und jedwedes Pathos aus den Songs der irischen Rocker. So gelingt es, das seit 1987 von allen Radios dieser Welt totgespielte „I Still Haven’t Found What I’m Looking For“ wiederzubeleben – als Surf-Punk-Nummer, wie sie vergnügter und kleiner und zugleich großartiger kaum sein könnte. Nach drei Stücken ist dann auch schon Schluss. In Windeseile räumt die eine Band die Bühne, steigt die nächste hinauf, wird hier ein Kabel rübergereicht und da ein Instrument angestöpselt. Und ehe man sich versieht, geht es schon wieder weiter. Herrlich, wie so ein chaotisches Gewusel für einen top organisierten Verlauf sorgen kann!

16 Leipziger Bands haben Freitag- und Samstagnacht im Tanzcafé Ilses Erika jeweils drei U2-Lieder interpretiert.

Der Engländer Jody Cooper macht aus der Ilse einen echten irischen Pub, in dem alle mitsingen (und Bier trinken). Nur mit einer Akustikgitarre bewaffnet singt er „Sunday Bloody Sunday“, „One“ und „With Or Without You“, also drei so große wie unterschiedliche Hits von U2, die mehrfach an den beiden Abenden erklingen. Gesanglich orientiert sich Cooper dabei – leider, leider – an Bono, dessen Lautstärke-, Stimmhöhen- und Emotionsausbrüche ein Lied wie „One“ ja geradezu zerstören. Sorry, U2, aber das Lied gehört seit 17 Jahren Johnny Cash.

Dann Reitler, die erste Band, die nach einer richtigen Band klingt: fetter Sound, mittelprächtiger Gesang, geiler Bass, ein schmieriges Gitarrensolo – so soll es sein. Aus „All I Want Is You“ wird „Alles was ich will, bist du“, inklusive Mutation zu „Ohne dich schlaf ich heut’ Nacht nicht ein“. Hätte man sich denken können, dass ausgerechnet der Reitler U2 vom hohen Ross holt.

Der Head wird gebängt

Die extra aus Polen angereiste Band Helicoptery fährt ganz schweres Geschütz auf: Schlagzeug, Bass, Gitarre, Laptop und Geschrei. Das ist ganz schwerer Rock, schleppend und dröhnend, elektronisch düster pluckernd. Der Head wird gebängt. Irgendwo ist da vielleicht auch U2, es ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall greift einen diese sehr ernst gemeinte Kraftmeierei körperlich an. Schön, dass es auch diese Farbe (tiefes Schwarz) im Programm gibt, und schön, dass es schnell vorbei ist.

Letzte Band des ersten Abends: The Joshua Three mit Patrick Sudarski und Ralf Donis an den Mikrophonen und Marscho Weyde an Effekten und echtem Knorg-Synthesizer. Dessen Virtuosität stellt dabei jedes Kraftwerk-Konzert in den Schatten. Und überhaupt: The Joshua Three zerren U2 in die Elektronikabteilung, sogar „With Or Without You“ klingt hier wie von New Order. Das ist dann auch der ideale Übergang vom Liveprogramm zu DJ Sergej Klang, der den besten Song des ersten Abends spielt: „Fire in Cairo“ von The Cure.

Sozusagen als Revanche für Johnny Cashs „One“-Version, spielt am zweiten Abend dann Kommando Ranzen „I Still Haven’t Found What I’m Looking For“ so, als ob Cash den Song in den 50ern zwischen „I Walk The Line“ und „Ring Of Fire“ geschrieben hätte. Groß. Das Leipziger Quartett Fox on the Run hingegen bietet humorfreien Testosteron-Rock zum Mitsingen und Mitklatschen, der natürlich nicht auf „With Or Without You“ verzichten kann. Ein entschiedenes „With­out You!“ würde man sich gern trauen zu entgegnen.

Remixe statt Cover

Las Mañanitas verwandeln mit Kontrabass, Mandoline, Geige, Gitarre und Melodika U2-Songs in Klassiker des Gypsy-Swings. Den größtmöglichen Kontrast dazu bildet der elektronische Sound der Indiepop-Band mjuix. Das Quartett bildet den Höhepunkt dieses Cover-Wochenendes – obwohl es gar keine Cover spielt, sondern Remixe. Tru D. Mjuic und ihre Band reduzieren „Sunday Bloody Sunday“ aufs Wesentliche: ein marschierendes Schlagzeug, dunkle 80s-Sounds aus dem Mini-Korg und das ewige Mantra „I can’t believe the news today“ destillieren den inhaltlichen Kern, ohne ihn formal noch groß zu berühren.

U2 hat in dem Song 1983 einem der Tiefpunkte des Nordirlandkonflikts ein Mahnmal gesetzt: Der Blutsonntag vom 30. Januar 1972 ist heute auf den Tag genau 45 Jahre her, und doch scheint der Satz „I can’t believe the news today“ 2017 aktuell wie nie. Vielleicht steuert die Welt auf den nächsten „Sunday Bloody Sunday“ zu, aber hier im Ilses Erika gibt es noch eine Insel, auf der ein paar Gestalten neben der Spur tanzen und mit mjuix das Mantra „One Love, One Life“ feiern. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Sogar mit U2 kann man sich hier versöhnen.

Von Benjamin Heine

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