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Die herbe Mütterliche - Agnes Kraus zum 100. Geburtstag

Die herbe Mütterliche - Agnes Kraus zum 100. Geburtstag

Wer daher kam, der ging in den 20er Jahren nicht unbedingt zum Theater. Agnes Friederike Krause ging. Zu Leopold Jessner, dem Chef des Preußischen Staatstheaters.

Eine feine Wohngegend. Der sah sich die junge, hagere, etwas knochige Frau an, hörte, wie sie sprach, und sagte: Das wird eine Tragödin.

Er blieb nicht der Einzige, der bei Agnes Kraus schief lag. Irrtümer pflastern lange ihre Karriere. Auch Brecht, der sie nach dem Krieg im Potsdamer Theater sah, am Berliner Ensemble vorsprechen ließ und an ihrem Aussehen herumnörgelte. Die Haare, nein, die Haare, viel zu grau, viel zu alt für Ende 30. Rot sollten sie sein, rot wie ein Streichholzkopf. Agnes Kraus glaubte dem Maskenbildner bb - und wurde zu Pumuckl. Es reichte ab 1951 am BE trotzdem nur zu Rollen, die sie schon vorher bekommen hatte. Mittlere, wenn’s gut lief.

So lief es mit der Jungschauspielerin seit den Mit-30er-Jahren. Kleine Rollen an der Berliner Volksbühne bei Eugen Klöpfer, kleine bis mittlere Auftritte in der Weltkriegszeit an den Münchner Kammerspielen, dann das Main-Fränkische Puppentheater. Aus der Bühnenspielerin wurde eine Puppenspielerin, die sich nach dem Krieg mit der Schwester und einer eigenen kleinen Puppenbühne durchbrachte. Was da vor den Kulissen herumkasperte, war selbstgebastelt.

Theater Brandenburg, Theater Potsdam, wieder besetzt in Klassikern und wieder klassisch erfolglos. BE - und nebenbei Drehen. Die erste kleine Filmrolle hatte Erich Waschneck der 25-jährigen Irmgard Krause 1936 gegeben - in der Krimikomödie „Eskapade“. Dann kamen 16 Jahre Pause, bis die Defa jene Frau besetzte, die auch am BE nicht zeigen konnte, was in ihr steckt. Die Rollen waren - nett gesagt - meist nicht sehr groß. Aber hin und wieder konnte Agnes Kraus schon nörgelig, kratzbürstig, gutherzig und quengelig sein.

Die Rollen und Filme lesen sich wie ein Sammelsurium der Defa-Geschichte. Slatan Dudows „Frauenschicksale“ (1952), Martin Hellbergs „Thomas Müntzer“ (1954), Kurt Maetzigs „Vergesst mir meine Traudel nicht“, Schwester Hedwig in „Professor Mamlock“ (1960), Frank Beyers „Karbid und Sauerampfer“ (1963, ein wunderbar schräges Friedhofspaar mit Sabine Thalbach), die Ehefrau eines gemaßregelten Brigadiers in Konrad Wolfs „Der geteilte Himmel“ (1964), eine alte Frau in Ralf Kistens Barlach-Drama „Der verlorene Engel“. Lauter Kurzauftritte:  vom Krimi (Pension Boulanka, Leichensache Zernick) über das Märchen (Dornröschen) bis zum Lustspiel (Das verhexte Fischerdorf) und zum Musical (Hochzeitsnacht im Regen). Dreimal sorgte sie neben Rolf Herricht für Heiterkeit (Die Musterknaben, Hände hoch oder ich schieße, Der Baulöwe), auch im Defa-Hit (3,5 Millionen DDR-Besucher) „Der Mann, der nach der Oma kam“ war sie neben Winfried Glatzeder dabei.

Nur: Das wirkliche Talent von Agnes Kraus, das entdeckte erst das Fernsehen in den 70er Jahren. Was noch zaghaft mit Werner Bernhardys Vierteiler „Dolles Familienalbum“ begann, blühte mit „Florentiner 73“ auf. Klaus Gendries hatte den Blick und das Gespür, jene Mutter Klucke, die eine Schwangere als Vermieterin in der Florentinerstraße begluckt, mit Agnes Kraus zu besetzen. Ein Glücksfall. Zuvor fiel sie einfach hin und wieder als Nachbarin durch Kodderschnauze,  hingenölte Sprache und Schrulligkeit, die immer nach Bohnerwachs und Hinterhaustreppenflur roch, auf. Nun kam ein Überschwall Gutherz und Gemüt dazu. In der Frau, die so streng und strafend zurechtweisen konnte, steckte eine Menge Lebensweisheit und Weichheit.

Diese Mischung machte Agnes Kraus aus. Diese Seelenschichtungen waren ihr Charme, ihre Chuzpe, ihr Charakter. Sie war die herbe Mütterliche, die aufrichten konnte. Ihr Humor hatte Seele, ihr Witz mehr Biss als Bösartigkeit, ihre Schlagfertigkeit eine umwerfende Direktheit. Agnes Kraus war nicht nur Volksschauspielerin. Agnes Kraus war eine begnadete Alltags-Komödiantin.

Als „Schwester Agnes“ aus Krummbach (Oberlausitz) kümmerte sie sich auf einer beigen Schwalbe für ärztliche Überland-Betreuung, in „Viechereien“ als resolute Tierarztwitwe mit französischer Bulldogge um tierische Hilfe für alle Zwei- und Vierbeiner. Da war sie so erfolgreich, dass mit „Oh, diese Tante“ und „Alma schafft alle“ gleich zwei Fortsetzungen folgten.

„Aber Doktor!“, „Benno macht Geschichten“, „Mensch, Oma“, „Neumanns Geschichten“ folgten - und jede Produktion war jetzt, auch wenn Erwin Geschonneck dabei war, eine Agnes-Kraus-Produktion. Dass sie in den 70ern auch die Mutter des erzgebirgischen Wilderers Karl Stülpner in den sieben Folgen der „Stülpner-Legende“ war, geriet in Vergessenheit, nachdem Stülpner Manfred Krug in den Westen gegangen war.

Ende der 80er Jahre zog sich Agnes Kraus nach einer allergischen Erkrankung zurück, lebte weiter - wie bereits viele Jahre - zusammen mit ihrer Schwester und kehrte nur 1994 noch einmal auf die Bühne des Berliner Ensembles zurück. Am 2. Mai 1995 starb Agnes Kraus und wurde auf dem Waldfriedhof Kleichmachnow begraben. Ganz in der Nähe von Karla Runkehl. Mit ihr und Regisseur Günther Stahnke hatte Agnes Kraus 1965 „Der Frühling braucht Zeit“ gedreht. Einer jener Filme, die 1965 verboten wurden.

Norbert Wehrstedt

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