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Nachrichten Kultur Die zweite Mama des Oscar-Preisträgers Ulrich Mühe
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20:02 06.06.2018
Wera Mühe (88), die Stiefmutter von Ulrich Mühe, genießt die Blumen im Bahrener Garten. Quelle: Haig Latchinian/dpa
Grimma

Ihr Mann liege zwar auf dem Grimmaer Friedhof begraben. Aber so richtig nah sei sie ihm vor allem hier, im kleinen Holzhaus in der Bahrener Loreley. Sein Strohhut, seine Bilder, seine Bäume – für Wera Mühe lebt ihr 2005 verstorbener Hans-Günther in vielem weiter, was sie umgibt: „Schauen Sie, die riesige Blutbuche. Wir haben sie damals aus dem Urlaub als winziges Pflänzchen mitgebracht. Inzwischen wächst sie regelrecht in den Himmel.“ Die 88-Jährige genießt jeden Tag auf ihrem Waldgrundstück, das ursprünglich nichts als eine Wiese war.

Der Schauspieler und Oscar-Preisträger Ulrich Mühe hat Wurzeln in Grimma.

Als Prominente sieht sie sich überhaupt nicht. „Woher auch. Nein, ich bin doch nicht Ulrich Mühes leibliche Mama, nur seine Stiefmutter.“ Wera Mühe stapelt tief. Sie hat ihren Uli, den bekannten Schauspieler, genauso abgöttisch geliebt wie er sie. Als wäre es gestern gewesen, sieht sie ihn als kleinen Jungen eifrig auf die Leiter steigen und stolz wie Oskar die Zweige verschneiden.

Der Schauspieler

2004 stellte Ulrich Mühe (*20. Juni 1953 in Grimma; † 22. Juli 2007 in Walbeck) den Stasihauptmann Gerd Wiesler in Florian Henckel von Donnersmarcks Kinofilm „Das Leben der Anderen“ dar, der im März 2006 in die deutschen Kinos kam und 2007 den Oscar als bester fremdsprachiger Film erhielt. Ulrich Mühe wurde für diese Rolle mit dem Deutschen Filmpreis 2006 als bester Hauptdarsteller und dem Europäischen Filmpreis 2006 als bester Darsteller ausgezeichnet. Woody Harrelson äußerte Anfang 2010, dass Mühe hierbei die für ihn beste schauspielerische Leistung der letzten Dekade erbracht habe. Weiterhin erhielt er 2006 die Goldene Henne. In der Wendezeit engagierte sich Mühe bei öffentlichen Diskussionen in der DDR und war einer der Initiatoren der Demonstration vom 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz. Er las öffentlich im damals von Dieter Mann geführten Deutschen Theater in Berlin aus Walter Jankas Buch „Schwierigkeiten mit der Wahrheit“, noch bevor dieses in der DDR erscheinen durfte.

Zusammen mit ihrem Mann, Ulrich Mühes Vater Hans-Günther, zog es sie schon damals immer wieder gern in den Garten mitten in der landschaftlich reizvollen Loreley. Oft kam Uli zu Besuch, der damals bei seiner Mutter Isolde im nahen Grimma aufwuchs. „Vater und Sohn hatten ein inniges Verhältnis. Hans-Günther paddelte mit ihm auf der Mulde. Am liebsten fuhren sie ganz langsam und in aller Stille ans Ufer heran und beobachteten seltene Vögel.“

Der Apfel fiel im Bahrener Garten nicht weit vom Stamm. Wera: „Schon als Junge wollte mein Mann unbedingt Schauspieler werden. Er hatte sogar im Leipziger Theater vorgesprochen.“ Einer Dame im Theater habe aber die Nase von Hans-Günther nicht gefallen, weshalb sie ihm nur wenig Chancen einräumte. „Daraufhin ließ er sich die Nase operativ korrigieren. Doch das ging ein bisschen sehr schief. Dann kam der Krieg, und die Zeit des Träumens war sowieso vorbei.“ Hans-Günther, der Kunstbesessene, wurde Kürschnermeister. Er war Leiter des „Zentralen Musterbüros Pelz“ in Leipzig und Lehrer an der Deutschen Kürschner-Schule. Dort lernte die zehn Jahre jüngere, studierte Modegestalterin Wera auch ihren späteren Mann kennen und lieben: „Hans-Günther war verheiratet, hatte zwei Kinder und wohnte in Grimma“, erinnert sich Wera. Sie hieß zu der Zeit noch Otto und stammte aus Borna: „Mein Vater Johannes war Volksschullehrer, meine Mutter Helene wie damals üblich Hausfrau. Wir wohnten am Rande der Stadt nach dem Lerchenberg zu. In der Oberschule am Breiten Teich legte ich mein Abitur ab. Mein etwas älterer Bruder Werner studierte schon in Leipzig und versorgte mir dort eine Stelle in der Kostümschneiderei Semmler. Hier machte ich meine Gehilfenprüfung und ging an die Fachschule für Angewandte Kunst.“

Hans-Günther Mühe, Vater von Ulrich Mühe, im Selbstporträt. Quelle: Haig Latchinian

Nachdem sich Hans-Günther Mühe von seiner Frau scheiden ließ, heiratete er Wera. Beide zogen zusammen, wohnten fortan in Leipzig. Hans-Günthers älterer Sohn Andreas war unter der Woche oft bei Vater und Stiefmutter. Sie halfen ihm regelmäßig bei den Schularbeiten. An Wochenenden fuhr er zumeist zur Mutter nach Grimma: „Andreas wurde genauso wie sein Vater Kürschnermeister. Er ist inzwischen auch schon Rentner. Zu meinem 88. Geburtstag hatte er mich sogar hier im Bahrener Holzhaus besucht“, sagt die Stiefmutter, der Andreas’ Schicksal besonders nahe geht: „Seine liebe Frau Marlies ist vor zwei Jahren an Krebs gestorben. Nun ist er auch alleine – wir telefonieren jeden Tag miteinander, jedenfalls, wenn nicht wieder mal der Blitz eingeschlagen und die Leitung tot ist.“ So wie damals, in jenen Julitagen des Jahres 2007. Zu der Zeit erreichte sie die Nachricht vom Tod ihres geliebten Uli erst mit einiger Verspätung, weil ein Unwetter das Telefon lahmlegte und sie kein Handy hat. Das enge Verhältnis der beiden Söhne war ihr immer wichtig: „Beide hatten sich schon früh in die Hand versprochen, ihren Kindern jeweils den Namen des Bruders zu geben. Genauso ist es dann auch gekommen. Ist das nicht toll?!“ Beide waren bis zuletzt Nachbarn, wohnten im selben Ort: „In Walbeck, im Harz, wo Andreas’ Frau her stammt. Uli, der ja in Berlin zu Hause war, hatte dort seinen Sommersitz.“

Ulrich Mühe war Schirmherr der Grimmaer Liederflut

Auch die Liebe zu Grimma teilten die Brüder. Noch 2006 kam Ulrich Mühe als Schirmherr der „Grimmaer Liederflut“ in seine Heimatstadt. Bevor er das internationale Musikfestival eröffnete, saß er einen ganzen Tag lang zusammen mit Wera im Bahrener Garten. „Wir hatten uns so viel zu erzählen. Uli sprach immer wieder von seinem Vater. Wir erinnerten uns an die schönen Zeiten, die wir gemeinsam hatten.“ Zu Weihnachten besuchte Wera den bereits erkrankten Ulrich Mühe in dessen Haus im Harz. „Alle Kinder waren da. Und Uli wusste schon von seiner bevorstehenden Operation. Die ganze Familie hatte damals vereinbart, über den gesundheitlichen Zustand von Uli nichts in die Öffentlichkeit zu tragen.“ Die alte Dame stockt.

Ulrichs wöchentliche Anrufe fehlen ihr: „Er hielt mich über seine Filmrollen immer auf dem Laufenden. Uli war ein unheimlich sympathischer, alles andere als arroganter Bursche.“ Dass zwei seiner Kinder – Andreas, heute ein bekannter Fotograf, der weltweit ausstellt, und Anna Maria, eine anerkannte Schauspielerin – den Vater bei der Liederflut vertraten, hätte ihn gefreut, ist sich Wera Mühe sicher: „Anna hatte bei mir in der Laube übernachtet, wir hatten uns sehr gut verstanden. Alle ihre Kinderfotos, die in unserem Garten geschossen wurden, klebte ich in ein Album und schenkte es ihr.“ Fotograf Andreas will der Familie Mühe auf seine Art ein ganz besonderes Denkmal setzen. Was er vor hat, ist derzeit noch ein Geheimnis.

Heute vor 10 Jahren starb mit Ulrich Mühe einer der beliebtesten Deutschen Schauspieler. Danke für viele wunderschöne Filmmomente ❤️

Gepostet von MDR Sachsen-Anhalt am Samstag, 22. Juli 2017

Sieben Enkel und acht Urenkel – für Wera Mühe der schönste Lohn für die Mühen. Sie sei längst nicht mehr kerngesund, müsse Medikamente einnehmen. Aber Hans-Günther stärke ihr in Gedanken den schmerzenden Rücken. So plötzlich allein zu sein, sei hart, sagt die Witwe. Sie freut sich, wenn sie im Fernsehen ihren Uli wieder sieht, wenngleich es seltener werde. „Anna ist dagegen öfter zu erleben.“ Dass Borna, ihre alte Heimatstadt, inzwischen die Kapitale des Landkreises ist, hat Wera Mühe bislang noch gar nicht recht mitbekommen: „Ach, was. Na, da schließt sich ja der Kreis.“ Bloß gut, dass sie nicht weiß, dass ihr Uli damals auf einem offiziellen Werbeplakat der Stadt Grimma posierte und sich für den Kreissitz in Grimma stark machte...

In Grimma wurde die Plakataktion “Ich steh auf Grimma" gestartet. Unter anderem bekundet Schauspieler Ulrich Mühe, dass er auf eine „großartige Kreisstadt Grimma steht“. Quelle: Frank Schmidt

Grimma ist mit Mühe eng verbunden

Nach wie vor sei der Name Mühe in Grimma präsent – nicht nur als Schriftzug am ehemaligen Kürschnerei-Geschäft gegenüber der Frauenkirche: „Aus dem Haus stammt mein Mann. Seine inzwischen verstorbene Schwester Sigrid führte den Laden noch lange.“ Bruder Helmut lebe zwar auch nicht mehr, dafür hielten umso mehr Kinder und Kindeskinder die Familientradition hoch. Und einen Ulrich Mühe gibt es auch, den Sohn von Uli Mühes Bruder Andreas. Er hat Geschichte und Philosophie in England studiert und ist in seiner Freizeit begeisterter Schlagzeuger in einer Band.

Ehrenbürgerschaft

Oberbürgermeister Matthias Berger wusste, dass der in Grimma geborene und aufgewachsene Schauspieler Ulrich Mühe schwer an Krebs erkrankt war. Er berief seinen Stadtrat ein, der den Beschluss fasste, den Oscar-Preisträger zum Ehrenbürger der Stadt zu ernennen. Zwei Tage später starb Mühe. Doch noch am Sterbebett verlas die Familie den Beschluss aus Grimma, über den sich der Todkranke sehr gefreut haben soll. Als die Todesnachricht einging, ließ die Stadtverwaltung die Fahne am Rathaus auf Halbmast setzen und entschied, die Ehrenbürgerschaft posthum zu verleihen. Seine Tochter Anna Maria Mühe nahm diese zur Liederflut im August 2007 in Grimma, bei der sie als Schirmherrin auftrat, entgegen. Ulrich Mühe wünschte sich einen Grabstein aus Rochlitzer Porphyr – OBM Berger persönlich vermittelte der Familie daraufhin in Rochlitz den Kauf.

Von Haig Latchinian

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