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Kultur Dima Slobodeniuk dirigiert Werke von Dusapin und Rimski-Korsakow
Nachrichten Kultur Dima Slobodeniuk dirigiert Werke von Dusapin und Rimski-Korsakow
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00:35 21.05.2018
Der französische Komponist Pascal Dusapin, Jahrgang 1955. Quelle: Foto: dpa
Leipzig

Wie mit dem Diamant-Hobel spant Pascal Dusapin in seinem Doppelkonzert „At Swim-Two-Birds“ die höchsten Obertöne von den schwirrenden Flageoletts der Geige und des Cellos ab. Er reicht sie nach hinten ins Orchester, wo sie sich in hohen Holzbläsern, den Streichern, in Schlagwerk, Flügel und Celesta verhaken, an der Oberfläche haften oder im Untergrund Neues in Gang setzen. Solche ätherischen Zaubereien sind die Stärke des französischen Klang-Alchimisten Pascal Dusapin, geboren 1955. Sie machen die Magie aus, die immer wieder aus seinem Doppelkonzert herausleuchtet, dessen deutsche Erstaufführung Dima Slobodeniouk in den ersten Großen Concerten nach der Europa-Tournee im nur anständig gefüllten Gewandhaus dirigiert. Dann löst der Ton sich vollständig von den Solisten und vom Orchester, irrlichtert geheimnisvoll durch den Raum, leuchtet, atmet, flirrt, von Slobodeniouk behutsam in der Schwebe gehalten.

Das ist dringend nötig, denn dieses irisierende Gespinst hängt gleichsam in der Luft – wie die dünne Eisdecke über zwischenzeitlich abgelassenem See. Auf dessen Grund glotzen nun die Sexten romantisch wie verendende Fische empor, liegen zu schlaffen Knäueln zusammengesunken die virtuosen Balkanismen der Solo-Instrumente umher wie Wasserpflanzen auf dem Trockenen. Und was immer momentweise da oben an Schönheit entstehen mag – hier unten hilft es nicht. Nicht die kurzen Ausflüge zur Filmmusik, das wunderbare Spiel Viktoria Mullovas nicht, nicht das nicht ganz so wunderbare Matthew Barleys, das Gewandhausorchester nicht und nicht Slobodeniouk, der „At Swim-Two-Birds“ mit Präzision und Feingefühl zusammenhält und ausbalanciert. Sie alle können nicht verhindern, dass diese halbe Stunde in zwei Sätzen sich sehr, sehr viel länger anfühlt. Länger jedenfalls als die Dreiviertelstunde mit Nikolai Rimski-Korsakows „Scheherazade“ nach der Pause.

Auch diese vier Sätze tragen ihren Glanz eher an der Oberfläche der Instrumentation, sind aus recht überschaubarem Material heraus entwickelt. Aber in dieser Entwicklung erzählt die Musik ihre Geschichte, während sich bei Dusapin das kunstvoll gewirkte Detail meist selbst genug ist. Gewiss: Rimski-Korsakows tönender Reflex aus 1001 Nacht gehört nicht zu den allerfeinsinnigsten Hervorbringnissen der Musikgeschichte. Aber er ist in seiner Dramaturgie so mitreißend und dazu so finten- und finessenreich instrumentiert, dass kaum jemand sich seiner Wirkung zu entziehen vermag.

Zumal diese Musik dem Gewandhausorchester wie auf den Leib geschrieben ist. Slobodeniouk gestaltet den Klang von unten heraus, sorgt verlässlich dafür, dass zwischen kraftvoll grundierendem Bass und den zarten Spiegelungen hoch droben kein Loch aufreißt. Vor allem aber: Er hält die vier Sätze im Fluss, enthält sich der Tempo-Mätzchen, auf die viele (auch große) Kollegen hier gern zurückgreifen, knallt so dem lauernden Kitsch die Tür vor der Nase zu und lässt den traumschönen Soli, die diese Partitur durchziehen, dennoch Luft und Raum zum Atmen.

Das Gewandhausorchester liefert bereitwillig. Ob Konzertmeister Andreas Buschatz der Protagonistin in sinnlichen Arabesken traumschön seine (Geigen-)Stimme leiht, die Trompete Dramatisches verkündet, die Klarinette schmeichelt, das Horn der Seele ein Mikrophon reicht, die Oboe klagt, das Fagott auf Strawinsky (der bei Rimski-Korsakow in die Lehre ging) zeigt, ob die Celli mit den Geigen um die Wette schmelzen oder immer wieder unerhörte Kombinationen aus alledem die Sinne streicheln: Schöner, auch tiefgründiger ist diese Musik nur an den Kulminationspunkten denkbar, die auch dem sonst so subtil gestaltenden Slobodeniouk ein ums andere Mal in den Lärm entgleiten – was die so leidenschaftliche wie ausführlichen Schluss-Akklamation nicht dämpft. Im Gegenteil.

Von Peter Korfmacher

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