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Dirigent Horst Neumann: Unbedingter Qualitätsanspruch und unbeirrbare Haltung

Dirigent Horst Neumann: Unbedingter Qualitätsanspruch und unbeirrbare Haltung

"Ein Vierteljahrhundert lang war Leipzig meine musikalische Heimat. Die hat man mir genommen. Das hinterlässt tiefe Narben". Und diese Narben prägten die letzten Jahre im Leben des Dirigenten Horst Neumann, der am Donnerstag nach langer Krankheit im Alter von 79 Jahren in seinem Haus in Schleussig gestorben ist.

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Horst Neumann

Quelle: Wikipedia

Es lastete bis zuletzt auf seiner Seele, dass sein reiches musikalisches Vermächtnis vor allem aus der Vorwendezeit stammt: Mit dem Leipziger Funkorchester, dessen Chef der 1934 in Böhmisch Leipa Geborene 1977 wurde, verhalf er der Konzertreihe "Zauber der Musik" zu programmatischem Profil. Zuvor war er zehn Jahre lang Leiter des Leipziger Rundfunkchors gewesen und schuf die Voraussetzungen für die Qualität, die dieser Klangkörper später unter Howard Arman erreichte. Neumanns Fähigkeiten als Chorerzieher sprachen sich folgerichtig herum: Karajan holte vor DDR-Gastspielen zunächst seine Meinung ein. Böhm, Giulini, Patané, Kleiber, Sawallisch ließen sich für Schallplattenproduktionen mit Chorbeteiligung vertraglich versichern, dass er dessen Einstudierung übernehme. Auch im Ausland war er gefragt. 1984 machte ihn der Philharmonia Chorus in London zum Chef, zwei Jahre später wurde er als Professor an die Royal Academy nach London berufen.

"Für mich war es ein unvorstellbares Glück, mit den Großen der letzten Jahrzehnte zusammenarbeiten zu dürfen." Sagte Neumann später mit Blick auf seine glanzvolle Karriere, die mit der Wende einen irreparablen Knick bekam: Der neu formierte MDR setzte dem Leiter der Radiophilharmonie den Stuhl vor die Tür, und dass er wenige Jahre später noch einmal eine ähnliche Erfahrung machen musste, als er als Chefdirigent des Westsächsischen Symphonieorchesters geschasst wurde, das enorm von seiner Arbeit profitiert hatte, ließ ihn bisweilen zweifeln an den Segnungen der neuen Zeit, zumal die Gerichte ihm im Nachhinein durch die Bank bescheinigten, im Recht zu sein. Dass der MDR ihn später wenigstens hin und wieder als Gastdirigenten einlud und (auf gerichtliche Anweisung) für zahlreiche Ausstrahlungen seiner Produktionen zahlen musste, mag er immerhin als Genugtuung empfunden haben.

"Durch die Wende ist das Musikleben nicht besser geworden", sagte er einmal. Das Klima für Kunst sei schon deswegen besser gewesen, "weil das Materielle keinen großen Stellenwert hatte. Heute wird Kultur bereits durch das immer lautere Gefeilsche um immer weniger Geld diffamiert." Und doch war die Wiedervereinigung für ihn "die einzig richtige politische Entscheidung. Allerdings wäre auch die Chance für einen Neuanfang in ganz Deutschland da gewesen." Und Neumann, der dennoch von seinen vielen Auslandsreisen stets zurückkehrte, war mit den Verhältnissen der späten DDR so unzufrieden, dass er in den Wendewirren den Protest seines Orchesters mitorganisierte.

Zweierlei hat ihn zeitlebens ausgezeichnet: Der unbedingte Qualitätsanspruch ans eigene musikalische Tun und die Unbeirrbarkeit der eigenen Haltung. Das hat ihn zum bisweilen unbequemen Zeitgenossen gemacht, war sicher mit verantwortlich für manchen folgenschweren Zank. Es machte ihn aber auch zum kostbaren Freund, dem im privaten Umfeld die Ungerechtigkeiten des Lebens nicht anzumerken waren. In seiner Villa in Schleussig, TV-Zuschauern als Heim des In-Aller-Freundschaft-Klinikchefs Simoni bekannt, hielten Horst Neumann und seine Frau, die Geigerin Annett Greiner-Neumann die Tradition des bürgerlichen Salons hoch. Bei ihnen traf man sich, redete, hörte, lernte - und ging immer ein wenig reicher wieder heim. Auch das bleibt, nachdem nun auch er endgültig heimgegangen ist - neben den vielen CD-Produktionen, denen er seinen Stempel aufgedrückt hat. Peter Korfmacher

 

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 26.08.2013

Peter Korfmacher

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