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Donna Leon: „Schöner Schein“ - Brunettis 18. Fall

Donna Leon: „Schöner Schein“ - Brunettis 18. Fall

Franca Marinello ist eine ungewöhnliche Erscheinung. Commissario Brunetti ist vom ersten Moment an fasziniert von ihr. Natürlich nicht wegen ihrer maskenhaften Gesichtszüge, die ihr den wenig schmeichelhaften Beinamen „La Superliftata“ eintrugen.

Zürich. Dass aber diese seltsame Frau, die er auf einer Abendgesellschaft seiner Schwiegereltern kennengelernt hat, Cicero zitiert und in Ovidschen Rätseln zu ihm spricht, beschäftigt ihn mehr als ihm lieb ist. Und natürlich hat sie mit seinem 18. Fall zu tun, den Autorin Donna Leon mit „Schöner Schein“ betitelt. Denn Marinello bittet ihn um Hilfe.

Vieles ist Schein in der Serenissima, aber schön ist er nicht immer. Selten ging die amerikanische Schriftstellerin, die seit fast 30 Jahren in Venedig lebt, so direkt das Thema Korruption, Mafia und Regierungskriminalität in Italien an wie in ihrem neuen Buch. Und ist dabei höchst aktuell: Es geht um illegale Mülltransporte in die Dritte Welt, ausgehend vom Müllskandal in und um Neapel. Leon lässt ihren Commissario eher unwillig auf zweierlei Schienen in diesen Fall schlittern: auf der familiären und auf der amtlichen. Letzteres bedeutet eine Zusammenarbeit mit den Carabinieri.

Bei einem Mord im Zuständigkeitsbereich der Carabinieri soll Brunetti auf Wunsch seines Vorgesetzten Ermittlungshilfe leisten. Gleichzeitig bittet ihn sein Schwiegervater, Erkundigungen über die Geschäfte von Maurizio Cataldo, dem Ehemann Franca Marinellos, einzuholen, da er erwägt, bei ihm einzusteigen. Doch noch bevor der hilfsbereite Gesetzeshüter sowohl in der einen als auch in der anderen Angelegenheit handfeste Erkenntnisse gewinnen kann, geschieht ein zweiter Mord. Und nun will Brunetti den Fall nicht mehr aus der Hand geben. Bei seinen Recherchen gerät er immer tiefer in den Sumpf organisierter Kriminalität und in Lebensgefahr.

Und nicht nur er. Er fürchtet auch um die Sicherheit seiner Familie. Ehefrau Paola ist hin- und hergerissen von Brunettis ehrlichem Bemühen, wider besseren Wissens in die mafiösen Strukturen einzudringen, die sowohl bis in höchste Regierungskreise reichen als auch die Geschäftswelt ihres Vaters tangieren. Welche Rolle spielen dabei Cataldo und seine Frau Marinello, eine entfernte Verwandte von Paolas Mutter? Brunetti kommt hinter alle Geheimnisse. Aber wie so oft, wird das kaum etwas an der aktuellen Situation ändern, weil sonst ein gut funktionierendes System geändert werden müsste.

Der neue Roman von Donna Leon wäre düster, wenn da nicht die meist amüsanten familiären Gefechte zwischen dem Commissario, seiner Frau und den Kindern wären. Wenn Brunetti nicht ein ums andere Mal seinen ebenso eitlen wie ziemlich einfältigen Chef Patta austricksen würde, natürlich mit Hilfe von Signorina Elettra, seines Intimus’ Vianello und einer neuen Kollegin. Und wenn da nicht die liebevolle Schilderung Venedigs wäre, das sich dieses Mal zeitweise ganz in Weiß präsentiert. Der Schnee mildert nicht nur das sonst eher morbide Erscheinungsbild der Lagunenstadt, sondern verzaubert es. Alles nur schöner Schein?

Einmal mehr ist es Leon in ihrem Buch wunderbar gelungen, den human touch in den Vordergrund zu stellen, dabei die Spannung bis zum Schluss aufrechtzuerhalten und bei aller niederschmetternden Erkenntnis die Lebensfreude, das Lebensgefühl ihrer Wahlheimat einfließen zu lassen, so dass Heiterkeit und Hoffnung der Bitterkeit Paroli bieten.

Donna Leon „Schöner Schein“, 2010,  Diogenes Verlag, Zürich, 368 Seiten, 21,90 Euro, ISBN 987-3-257-06745-3

Frauke Kaberka, dpa

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