Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / 1 ° Schneeregen

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Dostojewskis kluge Kapitalismus-Parabel "Das Krokodil" im Innenhof der Moritzbastei

Dostojewskis kluge Kapitalismus-Parabel "Das Krokodil" im Innenhof der Moritzbastei

Dass Fjodor Michailowitsch Dostojewski ein überaus weiser Mensch war, ist an sich erst einmal keine Neuigkeit. Wie genau er aber schon vor 150 Jahren die absurden Blüten voraussah, die der ach-so-segensreiche Kapitalismus treiben würde, ist durchaus bemerkenswert.

Voriger Artikel
Leipziger Medienpreis für Bürgerrechtler und afghanische Journalistin
Nächster Artikel
"Er hatte was Janusköpfiges": Schauspieler Thomas Rühmann im Interview

Elsa Weise und Ralf Bockholdt auf und neben einem vielseitig interpretierbaren Requisit.

Quelle: André Kempner

Verarbeitet hat er seine Zweifel am übersteigerten Rendite-Glauben in der Erzählung "Das Krokodil", die die Theatercompagnie Tom Wolter und Kollegen am Mittwochabend in der Moritzbastei zeigte.

Darin sitzt der Schock zunächst tief. Um sich auf eine Reise ins glorreiche Westeuropa vorzubereiten, wollen sich Iwan Matwejewitsch (Ralf Bockholdt) und seine Frau (Elsa Weise) mit den dortigen Gepflogenheiten vertraut machen und eilen hin, als sie von der Ankunft eines deutschen Schaustellers hören. Der hat Krokodil Karlchen im Gepäck und verdient mit dieser Attraktion ebenso ordentlich wie seine Ahnen zuvor. Iwan wagt sich allerdings zu nah ran an das Corpus Delicti und wird - schnapp - verschlungen. Die Beine voran verschwindet er unter hysterischem Geschrei seiner Frau und zufriedenen Rülpsern des Tiers im Alligator, wenn auch bei lebendigem Leibe.

Mit dieser Situation gilt es nun umzugehen. Die Gattin Jelena Iwanova bangt um ihren Liebsten und fordert rigoros, Karlchen aufzuschlitzen. Der Besitzer wehrt ab, schließlich ist nur ein lebendiges Krokodil ein gutes, weil rentables Krokodil. Und Iwan Matwejewitsch selbst stört, dass er sich nur so schwer mit der Außenwelt verständigen kann - so ein Tierkörper dämpft die Umgebungslaute ungemein - und er seinen Vorgesetzten in der Behörde keine plausible Erklärung für seine missliche Lage liefern kann.

Dem Credo "Die ökonomischen Maximen gehen über alles!" entsprechend dauert es aber nur kurz, bis alle Beteiligten die schlagenden Vorzüge der Situation entdecken: Der Eigentümer zieht kurzerhand die Preise an, weil sich sein Schaustück schon allein hinsichtlich des Gewichts ja im Grunde verdoppelt hat. Jelena freut sich über ihren neuen Stand als Quasi-Witwe, eigentlich hatte sie ohnehin die Scheidung gewollt und Hausfreund Semjon wittert Morgenluft, jetzt vielleicht doch endlich bei ihr zu landen.

Und Iwan genießt die plötzliche Berühmtheit und nutzt seine Zeit in der neuen weichen, warmen und leicht gummiartig anmutenden Umgebung, "ein vollkommenes soziales System" zu erdenken. Wo eben noch über Schadensersatz diskutiert wurde, breitet sich nun ein gefälliger Win-Win-Konsens aus, den nicht anficht, dass ein Mensch gerade sein Leben verliert.

Regisseur Tom Wolter bringt diese vielschichtige Parabel amüsant und klug auf die Bühne. Er lässt beide Schauspieler von Rolle zu Rolle springen, tanzen, große Augen machen und in aller Krokodils-Aufregung um standesgemäße Contenance ringen. Mit ihrer Hauptrequisite - einem Tisch - und plastischen Gesten erschaffen sie, was für ihre begeisternde Groteske nötig ist: Russland, eine Badewanne oder eben das Reptil.

Weise und Bockholdt gelingt es so, den verblendeten Fortschrittsglauben zu illustrieren, den man seinerzeit an den Westen knüpfte. Dieser findet in der "Krokodil"-Inszenierung der Künstler aus Halle ein recht abruptes Ende, was vielleicht nicht nur dem aufkommenden Sturm oder dem fragmentarischen Charakter der Textvorlage geschuldet ist, sondern sich auch als Statement lesen lässt. Die Warnung nämlich ist aktueller denn je: Vorsicht vor dem Krokodil!

Donnerstag und Freitag führen Wolter und Kollegen im Innenhof der Moritzbastei (Universitätsstraße 9) um 20.30 Uhr "Schocklett - Nichts für Kinder" auf, Eintritt 15/10 Euro; www.tom-wolter.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 25.07.2014

Theresa Wiedemann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Leipziger Opernball 2017

    Schwungvoll im Dreivierteltakt: Hier finden Sie Infos und Fotos vom Leipziger Opernball 2017 unter dem Motto „Moskauer Nächte“ mehr

  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Die Ausstellung "DDR-Comic Mosaik - Dig, Dag, Digedag" ist ab sofort dauerhaft im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig zu sehen. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album 2
    Leipzig-Album 2

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr