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Dreifacher "Sacre" eröffnet im ausverkauften Schauspielhaus die Leipziger euro-scene 2013: Schönheit als Zerrissenheit

Dreifacher "Sacre" eröffnet im ausverkauften Schauspielhaus die Leipziger euro-scene 2013: Schönheit als Zerrissenheit

Es war zu einem der schönsten Theater-Skandale des 20. Jahrhunderts, als am 9. Mai 1913 im Pariser Théâtre des Champs-Élysées "Le sacre du printemps" uraufgeführt wurde.

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Grandios: das Sacre-Solo des finnischen Tänzers Teero Sarinen.

Quelle: euro-scene

s" uraufgeführt wurde. Und man darf das jetzt auch mal bedauern: Zu derartig wilder Entrüstung ist der Bürger heute nicht mehr fähig. Zumindest nicht, wenn es um die Kunst geht. Was freilich auch an dieser liegen mag.

Eingedenk des Tosens, das 1913 im Zuschauerraum losbrach, mag der vereinzelte, aber immerhin leidenschaftliche Buh-Ruf, der, inmitten sonst höflichen Applauses am Dienstag durchs Schauspiel hallt, fast sentimental stimmen. Er gilt der "Sacre" betitelten Choreographie David Wampachs, die den Abend und somit diese euro-scene eröffnet.

Eine Tänzerin (Tamar Shelef), ein Tänzer (David Wampach). Beide angetan mit einem Outfit, bei dem man sich, vor allem angesichts der das Gesicht eng umschließenden Kopfbedeckung, durchaus an Woody Allens Rolle als defätistisches Spermium kurz vor der Ejakulation in "Was sie schon immer über Sex wissen wollten -" erinnert fühlen darf. Eine Assoziation, die unbedingt gemindert wird, wenn auf der Bühne bald ein so lautstarkes wie konditionell beachtliches Hecheln und Japsen zu den Bewegungen eines zuckenden Umkreisens und körperlichen Verschlingens geboten wird.

Nun liegt der Bezug zwischen Eros und (Opfer-)Tod ja auf der Hand. Wie sich das aber nun in Wampachs Choreografie entäußert, hat etwas von einer Groteske, bei der man nicht darauf wetten möchte, ob sie auch gewollt ist. Ohne merkliche Lichtdramaturgie und ohne Musik, versucht sich diese Choreographie an einer Reduktion zum Essenziellen hin - nur: Es scheint nichts Essenzielles auf. Es sei denn, man hält Hecheln oder Grimmassenschneiden dafür.

Im Kontext des Gesamtabends aber - und auch das macht diesen reizvoll - bekommt "Sacre" dann allerdings fast etwas vom Habitus eines Satyrspiels. Gerade im Kontrast zur finalen Arbeit Georges Momboyes, erinnert man sich plötzlich recht wohlwollend an die spröde, fratzenhafte, vielleicht auch alberne Widerborstigkeit, die "Sacre" verbreitet.

Momboyes Ensemble-Choreografie hat alles, was man erwarten kann: Tolle und schöne Tänzer in schön gebauten Szenarien zu Pierre Boulez grandioser Le-Sacre-Einspielung mit dem New York Philarmonic Orchestra. Allerdings lösen sich hier alle Ecken und Kanten, löst sich alles exzessiv Schroffe, was in Sujet und Musik eingespeist ist, auf im totalen Schauwert. Interessant ist, dass auch die afrikanischen Elemente, die der von der Elfenbeinküste stammende und in Paris lebende Momboye in seine Choreographie integriert, nichts daran ändern. Weil auch diese Elemente nicht als dramatische Dissonanzen und Reibflächen fungieren, sondern zielgerichtet daran partizipieren, die zweifellos ästhetisch anspruchsvolle Struktur dieser Choreografie zu feiern.

Zwischen der Sperrigkeit des Anfangs und der Geschmeidigkeit der Finales fügt sich aber freilich noch der Mittelteil dieses Abends. Ein Solo des finnischen Choreographen und Tänzers Tero Saarinen - eine atemberaubende Arbeit.

Wie ein einsamer heidnischer Gott erscheint Saarinen im fahlen Scheinwerferspot, und Strawinskys Musik setzt ihn in Bewegung. Keine, die sich der Musik unterwirft. Saarinen widersteht dem eine ganze Weile, bedient und illustriert nicht, was die Klänge in Struktur, Tempo, Rhythmus, Dissonanz einfordern, sondern bewegt sich - ganz der autarke Gott - fast gegenläufig.

Daraus entstehen zugleich Harmonie und Dramatik, auch als berührende Ambivalenz: Schönheit als Zerrissenheit. Es öffnet in mehrfacher Hinsicht die Augen. Saarinen variiert Figuren zwischen Butoh-Tanz und klassischem Ballet im vom Licht begrenzten Raum mit eindringlicher Kraft, Konzentration und Raffinesse im Detail. Irgendwann wird er doch in den Strudel der Musik gerissen - und in eine Performance, die virtuos zwischen Tanz und Multimediakunst changiert, wenn das Licht grell explodiert, wieder erlischt und sich Saarinens Körper zur Projektionsfläche wandelt, auf dem Tanzenden plötzlich Lichtbilder tanzen, einem Irrwitzabglanz von Welt gleich, der sich, jetzt ganz der Musik ergeben, in eine Ekstase steigert, die vielleicht die einer (Selbst-)Opferung ist. Der Applaus brandet angemessen. Ein Abend zwischen Grandiosem und Ambivalentem. Anders gesagt: Ein guter Auftakt.

Es ist ein schauerliches, nie ganz aufgeklärtes Verbrechen, das heute in "Rechnitz Der Würgeengel" auf der Theaterbühne verhandelt wird: Eine SS-Abendgesellschaft brachte noch im März 1945, die sowjetische Armee in Sichtweite, 180 jüdisch-ungarische Zwangsarbeiter um. Beteiligte und Augenzeugen schwiegen. Elfriede Jelinek hat darüber einen abgründigen Text verfasst, den Enrico Lübbe im vergangenen Jahr für das Schauspiel Chemnitz inszenierte. "Ich habe noch nie eine so bedrückende Premiere erlebt. Das Publikum wusste nicht, wie es reagieren soll", sagte Lübbe vor der heutigen Leipzig-Premiere auf der Hinterbühne im Schauspiel. Die Aufführung findet in Kooperation mit der euro-scene statt. Jelineks Text ist von der Dokumentation "Totschweigen" (morgen, 16.30 Uhr, Passage Kinos) und Luis Buñuels "Der Würgeengel" (Samstag, 14.30 Uhr, Passage Kinos) beeinflusst.

Rechnitz (Der Würgeengel), Schauspiel Hinterbühne, 19.30 Uhr (auch morgen); Ars vivendi, Schaubühne, 19.30 Uhr; Tanz aus Prag, Lofft, 22 Uhr; Die Wahrheit über Monte Verità, Residenz (Baumwollspinnerei), 22 Uhr; Festivalkasse: Gottschedstr. 12, Telefon: 0341 2154935; www.euro-scene.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.11.2013
Steffen Georgi

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