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Dritter „Beginn einer wunderbaren Freundschaft“

Leipziger „Figaro“ zu Gast in Bozen Dritter „Beginn einer wunderbaren Freundschaft“

Eine interessante Kooperation: Mit ihrem Ensemble und der kompletten Inszenierung von Mozarts „Le nozze di Figaro“ gastierte die Oper Leipzig für zwei ausverkaufte und frenetisch bejubelte Aufführungen in der Südtiroler Stadt Bozen- Mit dabei: Chor und Orchester der Bozener Haydn-Stiftung unter der Leitung des Würzburger GMDs Enrico Calessi.

Schlussapplaus in Bozen: Regisseur Gil Mehmert (Mitte) zwischen Olena Tokar und Sejong Cahng (Susanne und Figaro). Links neben Tokar der Dirigent Enrico Calesso

Quelle: Fondazione Haydn

Bozen. Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung, vor sich ein Glas exzellenten Südtiroler Weins, gibt sich betont weltmännisch: Als Oberhaupt der einzigartigen Kulturmetropole Leipzig habe er ja normalerweise eher „die Weltzentren“ im Blick. Dennoch sei er froh, nun im „Thaler arôme“ hoch über den Dächern der traumschön zwischen die Berge gegossenen Stadt Bozen anstoßen zu können auf eine vielversprechende Zusammenarbeit. „Einmal ist keinmal“, bemüht Jung den Volksmund, „zweimal ist eine Wiederholung – und beim dritten Mal beginnt eine Tradition“.

Also jetzt. Denn das Kooperations-Gastspiel der Oper Leipzig, das zwei Stunden später mit dem Beginn der „Figaro“-Premiere am Ziel sein wird, es ist bereits das dritte dieser Art: 2014 brachten Oper Leipzig, Teatro Comunale di Bolzano sowie die Haydn-Stiftung, die das Sinfonieorchester der Stadt trägt, gemeinsam Gounods „Margarethe“ über den Brenner, 2016 war es Bernsteins „Trouble in Tahiti – und nun also Mozarts und Da Pontes Menschheits-Theater.

Eine Tradition also zeichnet sich da ab, die Arno Kampetscher, als Landeshauptmann so etwas wie Südtirols Tillich, klug in die wechselvolle Geschichte seiner Region einordnet: Lange habe es Probleme gegeben zwischen deutschen und italienischen Südtirolern, die „Ewiggerstrigen, die das Rad der Geschichte zurückdrehen wollen, heben immer mal wieder ihren Kopf aus der Deckung. Aber insgesamt muss man doch sagen, dass das Zusammenleben großartig funktioniert, die Zweisprachigkeit der Region mittlerweile als Segen erkannt wird.“ Wenn man irgendwo von einer Modellregion für den europäischen Gedanken sprechen könne, dann hier. Und so stoßen die beiden Politiker an auf den Beginn einer kontinuierlichen Zusammenarbeit zwischen Oper Leipzig und Stadttheater Bozen. Dessen künstlerischer Leiter Matthias Losek trinkt nach der Premiere gar auf den „Beginn einer wunderbaren Freundschaft“ – und trift damit den Kern der Zusammenarbeit wohl noch besser.

Tatsächlich werden die Leipziger mit Wärme und Begeisterung aufgenommen. Die Begleitdelegation, der aus dem Rathaus neben dem Oberbürgermeister noch Gabriele Goldfuß angehört, zuständig für internationale Beziehungen, und auf Seiten der Oper die stellertretende Intendantin Franziska Severin und der Verwaltungsdirektor Ulrich Jagels, wird freundschaftlich gehegt und verpflegt im „Thaler arôme“ – das übrigens betrieben wird von den Nachfahren de Leipziger Architekten Leopold Stentzler, der 1914 bis 1916 Stentzlers Hof in der Leipziger Petersstraße erbaute, der noch heute im Besitz der Familie ist.

Auch auf Seiten des Ensembles und der Techniker, die bereits zehn Tage vor der Premiere über den Brenner reisten, ist die Zufriedenheit groß. Olena Tokar, die als Susanna zweimal das Publikum im ausverkauften Stadttheater um den kleinen Finger wickelt: „Es war eine schöne Zeit in beinahe familiärer Atmosphäre.“ Die sich offenbar auch aufs Publikum übertragen hat. Die Begeisterung jedenfalls ist schrankenlos nach dreineinhalb Brutto-Stunden mit Mozart und Da Ponte.

Tatsächlich funktioniert Gil Mehmerts Inszenierung, die am Augustusplatz im November 2015 Premiere feierte, erstaunlich gut auf der viel kleineren Bühne des neuen Bozener Hauses. Severin: „Dieser ,Figaro’ war ja von vornherein als Koproduktion angelegt, also war von vornherein klar, dass Jens Kilians Bühnenbild in Leipzig und in Bozen funktionieren musste.“ Vielleicht funktioniert dieser „Figaro“ szenisch in Bozen sogar noch ein wenig besser. Den durch die größere Nähe zur Bühne sieht der Zuschauer mehr Details, können die wunderbare Olena Tokar und ihr ebenbürtiger Figaro Sejong Chang, der grandiose Almaviva Matthias Hausmanns und die herrliche Gräfin Gal James, die hinreißende Wallis Giunta als Cherubino, die fabelhaften Kollegen Karin Lovelius (Marcellina), Magdalena Hinterdobler (Barbarina), Randall Jakobsh (Don Bartolo), Dan Karlström (Basilio), Patrick Vogel (Don Curzio) und – als einziger Gast für den erkrankten Roland Schubert – Marco Camastra (Antonio) noch sensibler und intimer mit Blicken spielen und mit kleinen Gesten.

Gesanglich hilft die Nähe zum Publikum ebenfalls: Was die Leipziger da (in durchweg mindestens anständigem, meist aber ziemlich gekonntem Italienisch) ins Geburtsland der Oper tragen, lässt keine Wünsche unerfüllt und rechtfertigt allemal den tosenden Beifall. Was der Chor der Haydn-Stiftung beizusteuern hat, muss sich dahinter nicht verstecken und auch nicht der duftig federnde, historisch bestens informierte Klang des Orchestra Haydn di Bolzano e Trento. Sehnig, sinnlich, transparent legt es mit der Ouvertüre die Lunte an dieses so komische wie wahrhaftige Menschheits-Theater in Tönen und verspricht damit Grandioses für die nächsten Stunden.

Dass die dann ganz so grandios doch nicht werden, hängt mit Enrico Calesso zusammen, 1974 im oberitalienischen Treviso geboren, seit 2010 Chef in Würzburg, bei dem in Bozen die deutschen und italienischen Mozart-Fäden zusammenlaufen. Der trägt auf weiten Strecken die Sängerinnen und Sänger in einer weit ausladenden Mischung aus Hingabe und Kontrollzwang auf Händen, vergisst dabei aber allzu oft, sich ums Orchester zu kümmern. Mit dem Ergebnis erheblicher Verschiebungen zwischen Graben und Bühne. Geschenkt – ein schöner internationaler Opernabend ist diese Premiere allemal und ein würdiger Schluss-Stein fürs Fundament einer Kooperation, die auch der sonst eher auf New York, London Paris, Tokio fixierte Leipziger Oberbürgermeister „leben, ausbauen und vertiefen“ möchte.

Ihren Anfang nahm diese schöne Geschichte wie so viele andere schöne Geschichten im eher privaten Umfeld: bei Stefania Abbondi. Die Sopranistin wurde in Bozen geboren, ist seit 2014 im Ensemble der Oper Leipzig, studierte in Mailand Theater-Managment, weswegen sie in Leipzig mittlerweile auch „International cooperation manager“ der Oper Leipzig ist – und knüpfte mit liebenswerter Beharrlichkeit all diese Fäden zusammen für die Musiktheater-Zusammenarbeit zwischen ihrer alten und ihrer neuen Heimatstadt.

Fortsetzung folgt. Mit einer großen Puccini-Koproduktion, die Franziska Severin für die übernächste Saison in Aussicht stellt.

Mozarts „Figaro“ an der Oper Leipzig: 15. April, 19 Uhr. Karten (15–73 Euro) unter anderem in den LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050 und auf www.lvz-ticket.de, unter Telefon 0341 1261261 sowie an der Abend- oder Opernkasse.

Von Peter Korfmacher

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