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Du sollst - eine Polemik gegen falsche Vorschriften

Du sollst - eine Polemik gegen falsche Vorschriften

Zu viel, zu wenig, zu salzig, zu süß, zu fett ... Beim Essen gibt es viele Möglichkeiten, alles falsch zu machen. Denn zum Wesen der Ernährung gehört hierzulande die Kampagne, das Absolute, der Skandal.

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Wenn schon, denn schon: Currywurst mit Pommes müssen ebenso wenig krank machen, wie ein täglicher Waldlauf zwingend gesund sein muss.

Quelle: dpa

Leipzig. "Viele Appelle zur Lebensänderung setzen bei einer kompletten Lebensänderung an. Es ist wie ein Räumungsverkauf: Alles neu, alles muss raus", schreibt Werner Bartens in seinem Büchlein "Es reicht!". Die Polemik hat das handliche Format zeitgenössischer Empörungsliteratur für die Westentasche, Quengelware am Schalter intellektueller Abrechnung. Auch der Untertitel lässt aufhorchen: "Schluss mit den falschen Vorschriften".

Bartens, '66 in Göttingen geboren, hat Medizin, Geschichte und Germanistik studiert, als Arzt gearbeitet, ist heute Wissenschaftsjournalist der "Süddeutschen Zeitung" und Autor zahlreicher populärer Sachbücher wie "Das Ärztehasserbuch. Ein Insider packt aus" oder "Körperglück. Wie gute Gefühle gesund machen". Auf dem Feld zwischen Aufklärung und Ratgeber wurzelt auch diese Polemik, die eine Bestätigung ist für jene, die länger schon das Gefühl haben, von der Lebensmittelindustrie am Nasenring durch den fettarmen Kakao gezogen zu werden.

"Bevormundungsterror" nennt Bartens all die Vorschriften, Empfehlungen und gut gemeinten Ratschläge für Menschen, "die das Gefühl haben, entfremdet von ihren natürlichen Lebensgrundlagen (wo immer die noch zu finden wären) ein fremdbestimmtes Leben im fahlen Schein der Monitore zu führen". Es scheint auch eine Entfremdung von sich selbst zu sein. Und korrespondiert dann mit der vom Wiener Philosophen Robert Pfaller ("Die Ästhetik der Interpassivität", "Wofür es sich zu leben lohnt") beschriebenen "Feindseligkeit gegen alle eleganten und glamourösen Vergnügen", einem Bedürfnis nach Ritual und Ablass. Du sollst nicht rauchen, trinken, nicht genießen. Doch Entsagung kann nicht mit dem Überfluss versöhnen. Sie schafft einen anderen - den der gleichzeitig reduzierten und optimierten Produkte.

"Und warum fallen wir so oft auf falsche Propheten herein?", fragt auch Bartens: "Es ist so herrlich, das eigene Gewissen zu beruhigen."

Was waren das für Zeiten, als es beim Thema Ernährung noch allein um die "Bikinifigur" ging. Längst geht es nicht mehr um den gesättigten Menschen, sondern um ungesättigte Fettsäuren, möglichst mehrfach. Doch "wenn Sie auf der Schwäbischen Alb oder im Münsterland wohnen, müssen Sie nicht die Rituale der Inuit nachahmen und rohes Seehundfleisch verzehren - auch wenn Sie aufgeschnappt haben, dass dieses reichlich Omega-3-Fettsäuren enthält", schreibt Bartens und spitzt noch zu: "Es ist wichtiger, welchen Stellenwert als welchen Nährwert das Essen hat." Tatsächlich droht der Verlust von Kultur, nicht nur von Esskultur.

Irgendwann gegen Ende der 70er Jahre habe sich die Wissenschaft des Essens bemächtigt, "aus Essen wurden zunächst Nahrungsmittel, aus Nahrungsmitteln dann Eiweiße, Fette, Kohlenhydrate". Das Ergebnis sind Müsliriegel ohne Getreide. Oder Kaffeesahne ohne Milch. Die dazu passenden Gluten- oder Laktoseintoleranzen gibt es inzwischen auch. Nicht auszudenken, welche Unverträglichkeit in naher Zukunft zu einem cholesterinfreien, vitaminhaltigen Currywurst-Pommes-Fertigmenü aus dem Kühlregal passt.

In kurzen Kapiteln räumt Bartens mit Übertreibungen und Mythen auf, relativiert die Gefahr, die vom Salzstreuer ausgeht, und widerspricht dem Versprechen, Brokkoli schütze vor Krebs. Er weist nach, wie "Low-Fat"-Produkte, ein "Ablasshandel mit dem inneren Schweinehund", krank machen können. Und er findet, dass sogar die Burger aus Fast-Food-Restaurants besser seien als ihr Ruf. Fast-Food als Essen zu bezeichnen, klingt gewagt; es ist eben eine Polemik.

Hier und da argumentiert Bartens eher volkstümlich als intellektuell, meist beruft er sich auf Soziologen oder Ernährungsexperten, selten auf Philosophen. Entschlacken, Entgiften, Fasten - alles Quatsch - er fordert: "Weg mit den Diätvorschriften." So wie er sich generell gegen Regeln wendet. Nur führt der Verzicht auf Vorschriften nicht automatisch zurück zum "gesunden Menschenverstand" und den natürlichen Umgang mit Natürlichem. Verweigerung führt oft ins nächste Extrem. Und die Frage bleibt, wie und warum die "Kreuzzüge" gegen Übergewicht in eine gesellschaftliche Spaltung führen. Es sind ja nicht nur Menschen aus den Fugen. Wer Glück im Verzicht findet, macht auch sonst keinen Ärger mit maßloser Individualität. Vegetarier beispielsweise meinen mehr als Fleisch, wenn sie von Tieren reden. Sie verweisen auf die Gesellschaft und deren Umgang mit dem Lebendigen.

In seiner Gegenrede beantwortet Bartens Zahlen mit Zahlen. Weiß aber auch: "Mit dem Glauben an Zahlen und Studien ist man leider auch nicht gegen falsche Empfehlungen gewappnet oder vor Missverständnissen geschützt." So ist diese Polemik gegen Vorschriften unterfüttert mit einem Imperativ: Du sollst! Und zwar: Selber denken.

Werner Bartens: Es reicht! Schluss mit den falschen Vorschriften. Eine Polemik. weissbooks; 120 Seiten, 12,99 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 20.06.2014

Janina Fleischer

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