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Eigentlich ganz witzig, aber...

Live-Show im Werk 2 Eigentlich ganz witzig, aber...

Im Netz ist die Seite „Der Postillon“ dank großartiger Satire und herrlicher Übertreibung schon längst bei vielen Kult. Dass das Magazin aufgrund der Popularität beschloss, das Ganze live aufzuziehen und auf Tournee zu gehen, ist hingegen keine so gute Idee gewesen...

„Der Postiilon“ live – mit Anne Rothäuser und Thieß Neubert.

Quelle: Kempner

Leipzig. 1845 – was für ein Jahr! Also rein publizistisch. Alexander von Humboldts „Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung“ erschien da ebenso wie Heinrich Hoffmanns „Lustige Geschichten und drollige Bilder“ (besser bekannt als Struwwelpeter). Zwei Bücher, zwischen denen sich wiederum Der Postillon bestens platziert – als Medium der Weltbeschreibung in lustigen Geschichten und drolligen Bildern. Am Freitag konnte man die Episoden sogar live im ausverkauften Werk 2 erleben.

Ehrliche Nachrichten – unabhängig, schnell, seit 1845, so lautet der Slogan des Postillon. Ein journalistisches Credo, dem man sich als Satire-Portal verpflichtet fühlt, wie auch jüngere Schlagzeilen zeigen. Sprechen die doch für sich, oder genauer: die Folgen dieser Schlagzeilen sind’s, die für sich sprechen.

Etwa jene erst putzige, bald wutschnaubende Verwirrung unter Pegida-Spaziergängern wegen eines vermeintlich abgesagten Spaziergangs. Oder Frau von Storchs hyperventilierend in die Welt gepostetes „Merkel will EM abschaffen!“. Nicht schlecht auch, wie Facebook- ausgerechnet Facebook! – den erstklassig recherchierten Postillon-Artikel „Nazis rächen sich an Flüchtlingen, indem sie nach Syrien fliehen“ löschte.

Kurz: Es sind einige Verdienste, die sich Der Postillon auf die Fahnen schreiben kann. Die aber – um es zuzugeben, bevor weitere Missverständnisse provoziert werden – die Fahnen der Satire sind. Denn statt 1845 gibt es den Postillon erst seit 2008. Und das auch nur als Webseite, gegründet von Stefan Sichermann, der mit seiner Strategie, durch absurdeste Fake-News gewissen Wahrheiten ans Licht zu helfen, so erfolgreich ist, dass man damit jetzt auch auf Live-Tour geht.

Dumm nur, dass dabei besagte Fahnen ziemlich abschlaffen, und zwar Dank einer billigen und lustlosen Live-Show, in der zwei unterbezahlte Moderatoren aufgewärmte Gags vortragen – wie gleich zu Beginn des Programms von den Moderatoren höchst selbst verkündet wird. Nur, dass es sich in diesem Fall um keine lustigen Fake-News handelt.

Okay, das mit dem „unterbezahlt“ lässt sich nur schwer verifizieren. Der Rest aber kommt der Wahrheit verdammt nahe. Und wie hoch oder niedrig nun die Gagen für Anne Rothäuser und Thieß Neubert auch ausfallen mögen, es liegt nicht an ihnen, dem Moderatoren-Duo im Nachrichtensprecher-Habitus, dass das Ganze eine derart phlegmatische Angelegenheit wird.

Denn einmal mehr zeigt sich hier, dass ein bestimmter Humor nur in einem bestimmten Kontext funktioniert. Dieses Postillon-News-Format ist eben keines, das für die abendfüllende Veranstaltung taugt. Der Effekt der Schlagzeilen-Kürze ist eben genau das: ein Effekt der Kürze, der Komprimierung. Und der verliert seine Schlagkraft im Ambiente einer großen Halle ebenso wie in der zeitlichen Dehnung einer 100-Minuten-Live-Show, die zudem keinem dramaturgischen Konzept folgt, außer eben dem einer Reihung aufgewärmter Gags.

Prompt und zu Recht erntet dieses Konzept eher aufgewärmte Lacher und ebensolchen Applaus – wie die Moderatoren angekündigt haben. Nach jeder vorgetragenen Nachricht, jeder Filmeinspielung, geht da der Blick von Rothäuser/Neubert erwartungsvoll ins Publikum, das bald begreift, dass in Ermangelung zündender Pointen eben dieser Blick das Zeichen zum Reagieren ist. Und wenn dann einmal auf ein besonders einsames Klatschen, Rothäuser mit einem an die Zuschauer gerichteten „Alle, oder keiner!“ reagiert, erzählt das eigentlich alles.

Wobei „keiner“ nun auch übertrieben wäre, schon allein aus Sympathie. Und das Publikum, es gibt sich ja Mühe. Weiß es doch, wie witzig das alles in anderer Verpackung sein kann. Etwa die Sache mit den pöbelnden Schach-Hooligans, oder dass der IS jetzt auch Burkas für weibliche Tiere einführt (samt herrlich beklopptem Bild von entsprechend verhülltem Dromedar), oder die Kalauer im Kurznachrichtenformat („Jetzt winkt eine Sechs: Schüler schreibt Mathearbeit auf LSD“). Eigentlich ganz witzig – nur dass der Witz eben flöten ging in dem Format, in dem er hier geboten wurde.

Von Steffen Georgi

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