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Kultur Ein Chor aus 13 000 – Xavier Naidoo fühlt sich am Leipziger Völki von Gefühlswelle überrollt
Nachrichten Kultur Ein Chor aus 13 000 – Xavier Naidoo fühlt sich am Leipziger Völki von Gefühlswelle überrollt
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23:49 18.07.2014
Xavier Naidoo bei seinem Konzert am Völkerschlachtdenkmal. Quelle: André Kempner
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Leipzig

„Spätestens jetzt wissen wir, dass es wirklich ein langer Weg war", sagt der Sänger. „Hätte ich damals gewusst, dass wir Weltmeister werden, hätte ich was Klügeres geschrieben." Ein zigtausendstimmiger Chor verbreitet daraufhin seine Botschaft, dass „Dieser Weg" kein leichter sei, wie sie Gerald Asamoah bei der WM 2006 aus der Kabine den Kollegen mit auf den Rasen gegeben hatte. „Der famose Miro Klose" und ein paar andere haben das damalige Ziel nun trotz aller Steine auf der Straße, trotz der „Umwege", die Naidoo erstmals in den Text einflechtet, erreicht – und mussten sich drei Tage zuvor in Berlin von Helene Fischer besingen lassen.

Leipzig. Es ist Xavier Naidoos erstes Konzert, seit Deutschlands Fußballer Weltmeister sind. Und mag auch DJ Asamoah keinen Einfluss auf die Musikauswahl im Campo Bahia ausgeübt haben, war es am Freitag kurz nach 22 Uhr vor dem Völkerschlachtdenkmal doch ein besonderer Moment für Naidoo und seine 13 000 Zuschauer.

Naidoo wäre das Original gewesen. Und wie der 42-jährige Mannemer Bub seine wunderbare Stimme beseelt, beherzt und sehr sympathisch zum dritten Mal nach 2003 und 2012 vor dem Leipziger Denkmal-Koloss zur Geltung bringt, das demonstriert, dass er nicht nur das Urheberrecht an der Tonspur von Fußball-Sommermärchen beanspruchen darf. In popkultureller Hinsicht hat es sich ja längst ein Al-Deen-Bendzko-Bourani-Tawil-Gefolge in Naidoos großen Schuhen bequem gemacht. In jener Schublade, in der oft rätselhafte, gern schwülstige, jedenfalls deutsche Texte zu ausgezeichnetem Soul-Pop ertönen.

„Was wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir dann zusammen"

Dass der Wegbereiter dieser Gattung noch immer ihr bester Sänger ist, hat er bereits 70 Minuten, bevor der ursprünglich ungeplante Fußball-Hit dran ist, vorgeführt, gleich zu Konzertbeginn. „Uhhh, du musst dein Leben leben, sonst macht es mit dir, was es will", hat er im schwungvollen Titellied seines vor gut einem Jahr erschienenen Albums „Bei meiner Seele" geschluchzt. Er hat gemahnt, ihm noch einmal in die Augen zu sehen, „Bevor du gehst". Aber es sind sowieso alle geblieben, und die meisten haben mindestens den Refrain mit- und manchmal alleine gesungen. Bald hat er die „20 000 Meilen" über dem Meer beschworen, und durch seinen Hinweis, „das Leben liegt vor uns, Leipzig", erneut den großen Chor animiert: „Was wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir dann zusammen."

Nicht allen Anhängern gefällt das Dubstep-Intermezzo in der Konzertmitte, aber alle bleiben sie hoffentlich gerade wegen dieses mutigen Ausflugs in neue Gefilde Naidoos Fans. Wobei man die abgedrehten Nummern seines Alter Egos namens „Der Xer", Stücke wie „Goldene Kerzen", „Bunte Steine" oder „Tanzort", zu denen der Hauptakteur seine charakteristische Stimme elektronisch moduliert, wegen ihrer Kraft sehr wohl mögen darf. So oder so: Sie veranschaulichen, dass Naidoo wohl wirklich macht, was ihm das Künstlerherz aufgibt, unabhängig vom Applaus. Und wann hätte er sonst die 26 mal 10 Meter der 30 Tonnen schweren Bühne, deren Einzelteile sieben Lastwagen vier Tage zuvor hierher transportiert haben, zum Tanzen genutzt?

Die Tour trägt den Titel einer neueren Naidoo-Komposition, „die ich erstmals am Völkerschlachtdenkmal singe", wie er erklärt. Man kann in „Hört, hört" so etwas wie ein knapp vierminütiges autobiographisches Zwischenfazit von

16 Jahren Pop-Karriere sehen. „Meine Stimme hat manche betört, meine Worte haben viele verstört", reimt er zu dem zurückgenommenen Groove des Stücks, und auf der Videowand stellt eine Gebärdendolmetscherin den Text dar. Aus „vollem Herzen" habe er seine Lieder geschrieben, „selten mit dem Verstand". Spätestens das ist der Moment, in dem er den vielen Kritikern seines Pathos und seiner Gottesfurcht den Wind aus den Segeln nimmt: Der Typ ist längst viel gelassener als seine Stereotype.

Naidoo sichtlich gerührt

Es gehört für ihn zum guten Ton unter Kollegen, dass er das Geburtstagskind Nico Suave, das im Vorprogramm einen beachtlichen Auftritt hingelegt hat, zum Rap „Danke" zurück auf die Bühne holt. Und wie er kurz vor halb elf als erste Zugabe das tieftraurige „Amoi seg’ ma uns wieder" des Volks-Rock’n’Rollers Andreas Gabalier aus der gemeinsamen Fernsehreihe „Sing meinen Song" interpretiert, ist schlicht ergreifend. Was wiederum Naidoo sichtlich rührt: „Vielen Dank für die Welle der Emotionen, die auf die Bühne schwappt."

Geknutscht wird längst allerorten, aber erst bei der vierten und letzten Zugabe „Ich kenne nichts" nach gut zwei Konzertstunden sieht auch die Hauptperson „die romantische Phase" anbrechen. Er hält sie höchstpersönlich per Bühnenkamera fest. Alle singen mit, „wie bei der WM", findet Naidoo.

Mathias Wöbking

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