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"Ein Clown lächelt nicht": Herman van Veens Erinnerungen erschienen

"Ein Clown lächelt nicht": Herman van Veens Erinnerungen erschienen

Der Liedermacher Herman van Veen wurde von manchen auch die „mobile Zirkuskirche“ genannt. Er hat zuerst auf Märkten, Plätzen, in Kneipen oder Kirchen gesungen, und schließlich auch im Pariser Olympia und in der New Yorker Carnegie Hall.

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Herman van Veen - aufgenommen am 19. Februar 2010 in der Oper Leipzig.

Quelle: André Kempner

Berlin. Der moderne Troubadour, ein Multitalent in verschiedenen Kunstsparten, erzählt davon in seiner jetzt erschienenen Autobiografie „Bevor ich es vergesse“ (Aufbau Verlag), ins Deutsche übertragen von Thomas Woitkewitsch, seinem langjährigen Übersetzer. Ganz nebenbei zieht der heute 65-Jährige auch ein Fazit als Umherreisender: „Von allen Ländern, in denen wir spielten, finde ich Frankreich am leichtesten. Die Menschen kommen in erster Linie, um zu genießen, viel weniger um etwas zu finden... Nirgends verdient man so wenig mit soviel Spaß.“

Es ist auch ein melancholisches Resümee eines Liedermacherlebens voller „religiöser Poesie“, wie es einer seiner Kollegen einmal ausdrückte, eines Mannes, der weiß, „dass ich mein Leben lang Unsinn erzählt habe im Theater“ und der dennoch stets darüber nachdachte, „was der Sinn des Unsinns ist“. Van Veen, der sich seit Jahr und Tag auch als UNICEF-Botschafter für die Kinder in aller Welt einsetzt, verschweigt auch nicht, zwischendurch mal sein seelisches Gleichgewicht verloren zu haben. „Das ist übrigens nicht ungesund. Es ist für jeden Künstler gut, einmal total danebenzuliegen.“ Und der „Hausmeister im Museum der Gefühle“ weiß auch, dass Clowns eigentlich auch nie wirklich lächeln.

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Hamburg. Der niederländische Entertainer Herman van Veen (65) hatte zu DDR-Zeiten ein ungewöhnliches Erlebnis im Hotel „Unter den Linden“. Einmal kam er nach einem Auftritt in Ost-Berlin sehr spät zurück, ging ins Bett und dachte: Da ist doch was. Im Schrank saß hinter einer Zwischenwand ein Spitzel und grüßte den Künstler mit "Guten Abend".

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Der im holländischen Utrecht geborene van Veen erzählt ausführlich von seiner Kindheit und Schule, seinen frühen Vorlieben für die Beatles, die Stones, Frank Zappa und vor allem Bob Dylan. Er berichtet von seinen künstlerischen Anfängen Mitte der 60er Jahre mit dem „Cabaret Chantant Harlekijn“, seinem Durchbruch 1973 mit der LP „Ich hab’ ein zärtliches Gefühl“ und von den Erlebnissen auf seinen zahlreichen Tourneen und UNICEF-Engagements in aller Welt. Er schildert Begegnungen mit Künstlern wie Shirley MacLaine und anderen.

Und van Veen philosophiert sehr viel über das Leben an sich, Gott und die Welt und sein eigenes Tun darin („Was macht ein Komödiant mit seiner Einsamkeit?“). All seine Erlebnisse von früher Kindheit an wurden dem Liedermacher zum künstlerischen Material. Das sei „kein Verarbeiten von Nostalgie und Trauer - Blödsinn“. Es gebe eben Menschen, die alles genau beobachten und alles aufschreiben, festhalten, und manche machen auch Lieder dazu.

Van Veen, der nach einem Vergleich einer rechtsgerichteten populistischen Partei in den Niederlanden mit den Nazis zahlreiche Drohbriefe erhalten hat, sei einer der ersten gewesen, „der die Sprachlosigkeit zwischen Holländern und Deutschen“ überwunden habe, heißt es im Klappentext des Buches. Der Autor erinnert sich an seinen Deutschlehrer, dem er auch eine CD gewidmet hat, und der, als 1958 nach den Schrecken der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg noch niemand etwas von den Deutschen wissen wollte, ihm Goethes „Erlkönig“ nahegebracht habe. „Der Deutsche war der Feind, der Deutsche war der Tod. Der Deutsche war der Erlkönig.“

In Berlin, wo van Veen nach dem Mauerfall auch in der wiederhergestellten und von Polizisten mit Maschinenpistolen geschützten Synagoge sang, zählte der Liedermacher bei seiner Taxifahrt vom Flughafen 17 steinerne Adler an Gebäuden: „gemeißelte Adler, Brustbild des Dritten Reiches, unheimliche Raubvögel, Hitlers Kuscheltiere, stille Zeugen aus Stein, wachsam, allzeit bereit, wie durch Zauberschlag wieder über die Stadt zu fliegen.“ Aber als er einem Marathonlauf mit Teilnehmern aus aller Welt am Brandenburger Tor zuschaut, resümiert er doch: „Als ich geboren wurde, marschierten hier noch Hitlers Arschlöcher. Als ich 35 war, lag hier noch ein Minenfeld... Jetzt stehe ich hier, bin 60 Jahre alt und sehe gleichsam eine Welt rennen, als hätte es nie etwas anderes gegeben als dieses ausgelassene Herbstfest.“

Es ist eine eher nachdenkliche Autobiografie, weniger mit Anekdoten gespickt als vielleicht üblich. Und sie endet auch mit den Worten „Fortsetzung folgt“. Schließlich hat Herman van Veen noch viel vor. Er tourt zurzeit mit seiner neuen Show „Im Augenblick“ durch die Lande und arbeitet an seinem neuen Projekt „Juliette“, ein dem abenteuerlichen Leben der britischen Balletttänzerin Margot Fonteyn gewidmetes „Spectacle musical“. Im Herbst soll in Paris Premiere sein.

Herman van Veen: „Bevor ich es vergesse - Die Autobiographie“

Aufbau Verlag, Berlin

290 S.

19,95 Euro

ISBN 978-3-351-02718-6

Wilfried Mommert

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