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Kultur Ein Hotel als Abbild der Welt
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16:44 09.10.2018
Porter neben Liftboy: Meigl Hoffmann (l.) und Bernard Paschke laden ab heute ins Hotel Pfeffermühle. Quelle: Foto: André Kempner
Leipzig

Vor der Premiere von „Der führerlose Aufzug“ sprechen Meigl Hoffmann und Bernard Paschke über das Programm sowie Lernprozesse im Kabarett.

Meigl, Du spielst bei den Academixern und bei der Pfeffermühle, wirst im Central Kabarett noch immer als Chef de Pointe aufgeführt, bist aber auch dort nur noch Gast. Was ist passiert?

Meigl: Gar nicht so viel. Ich bin 50 geworden und habe organisatorische Zwänge gegen mehr künstlerische Freiheiten getauscht. Dahingehend bin ich der Pfeffermühle sehr dankbar, dass sie mir die Zusammenarbeit mit dem zukünftigen deutschen Kleinkunstpreisträger, Bernard Paschke, ermöglicht hat.

Oho, dazu später – welche Bühne bezeichnest Du gerade als Deine kabarettistische Heimat?

Meigl: Natürlich bleibt das Central Kabarett mein Stammhaus. Immerhin haben mein Kompagnon und Pianist Karsten Wolf und ich fast zehn Jahre unseres Lebens in den Aufbau des Kabaretts investiert. Und im November hat ja auch im Central Kabarett ein neues Programm mit meinen Kollegen und mir Premiere. Aber der Meigl ist jetzt auch beim Leipziger Traditionskabarett Pfeffermühle zu sehen.

An einem Ort fern der Heimat spielt der Neuling „Der führerlose Aufzug“: im Hotel Pfeffermühle. Wofür steht es und was passiert dort?

Bernard: Unser kleines Hotel ist wie ein Abbild der großen Welt. Mit dem Unterschied, dass der Zuschauer bei uns nur zu Gast ist und wir uns um seine Probleme kümmern. Alltag wie Weltpolitik. Und mittendrin ein Fahrstuhl, den ich als Liftboy bediene.

Im weiten Feld zwischen Klamauk und politischem Kabarett – wo ist der „Führerlose Aufzug“ zu verorten?

Meigl: Im Fahrstuhlschacht und hoffentlich auf dem Weg durch die Humor-Decke. Dieses gesamtdeutsche Mehrgenerationen-Programm möchte seine Besucher eine Erkenntnis-Etage höher befördern. Kurz: ein zeitgeistliches Stück mit viel Witz. Es darf aber auch gelacht werden.

Bernard, Du bist neu im Ensemble; wie kam es zum Engagement?

Bernard: Durch eine glückliche Fügung des Schicksals. Ich, der ich eigentlich aus Bonn stamme, wollte in der Pfeffermühle ein Gastspiel mit meinem Solo-Kabarettprogramm geben. Und aus diesem Kontakt hat sich erst eine kleine Regieassistenz ergeben und dann das tolle Angebot, im Ensemble spielen zu dürfen.

Du bist 17 Jahre jung. Was lernst Du von einem alten Hasen wie Meigl Hoffmann?

Bernard: Das wäre Stoff für ein zweites Interview. Über die ganz praktische Herangehensweise an ein solches Programm, das Schreiben von Texten oder das Spielen auf der Bühne habe ich durch Meigl so einiges dazugelernt. Darüber hinaus hat er mir Lebensphilosophien, nützliche Haushaltstipps und den Sinn des Lebens verraten.

Der da wäre?

Das Leben ist ein Witz.

Und was lernt Meigl von einem jungen Hüpfer?

Meigl: Dass es für ein Leben mit Haltung nie zu früh ist! Dass wir die Jugend nicht unterschätzen und dass wir Älteren es uns in unserem aufgeräumten Weltbild nicht zu bequem machen sollten.

Im Pressetext wird Bernard als „Rainman des politischen Kabaretts“ bezeichnet. Was ist damit gemeint?

Meigl: Bernard hat eine Kabarett-DNA. Bei ihm formen Witz, Wissen und Kritik schon mit 17 Jahren eine bemerkenswerte Künstlerpersönlichkeit, die nicht ganz von dieser Kabarett-Welt ist.

Meigl, Du bist bekannt für ein starkes Ego, manchmal auch berüchtigt – teilst Du Dir gern die Publikums-Aufmerksamkeit oder spielst Du am liebsten solo?

Meigl: Mal so, mal solo.

Bernard: Ich muss anmerken, dass die Gerüchte über Meigls starkes Ego noch nicht bis zu mir durchgedrungen sind. Im Gegenteil, die Zusammenarbeit ist mit den Worten „großartig“, „herzlich“ und „kollegial“ nur unzureichend beschrieben.

Bernard, Du tourst mit Solo-Programmen. Und so jung Marc-Uwe Klings „Känguru-Chroniken“ zu dramatisieren, zu inszenieren und zu spielen – das klingt auch nicht gerade nach Underdog-Mentalität. Wo soll denn die Reise hingehen?

Bernard: Da gibt’s kein Ziel, ich kann höchstens die Richtung erahnen. Also: höher, schneller, weiter. Aber nicht der Medaillen wegen, sondern aus der Freude am eigenen Schaffen heraus. Und die empfinde ich gerade beim Kabarett ganz besonders.

Meigl, auch Du bist sehr früh sehr hoch gelobt worden. Wie wichtig sind Niederlagen als junger Kabarettist?

Meigl: Kann mich an keine Niederlage erinnern – im Ernst, Rückschläge gehören nun mal dazu, im richtigen Leben wie auf der Bühne. Je eher man das begreift, desto mehr Zeit bleibt für das Wesentliche: Spaß am Leben und Lernen.

Der Riss in der Gesellschaft in Bezug auf politische Ansichten geht auch durchs Kabarett-Publikum. Meigl, welche Erfahrungen hast Du schon damit gemacht?

Meigl: Die unterschiedlichsten! Viele Leute resignieren oder flüchten sich in das Wachkoma der entpolitisierten Unterhaltung, wieder andere suchen die geistige Auseinandersetzung auch und gerade im politischen Kabarett. Jenseits aller Wahlabsichten und Meinungen ist es vor allem wichtig, dass wir wieder ins Gespräch kommen oder im Gespräch bleiben.

Wie gehst Du mit diesem Riss um?

Meigl: Mit heiterer Gelassenheit. Besser sich anzulachen, als sich anzuschreien.

Dein Solo „Geölter Witz“ ist ein nicht unanstrengendes Programm zum Nach- und Mitdenken. Allgemein wird – auch in Leipzig – das Unbequeme gescheut aus Angst, zu wenig Publikum zu haben. Wie sieht die Bilanz zu dieser mutigen Produktion aus?

Meigl: Überaus positiv. Der Zuspruch des Publikums hat mich schon sehr überrascht. Die Leute honorieren auch mal eine anspruchsvollere Ansprache. Aber bitte ohne Belehrung, und belehrend bin ich ja nicht. Wie auch? Ein Experiment, dass sich gelohnt hat!

Wie siehst Du die Zukunft der fünf Leipziger Kabaretthäuser? Werden alle überleben?

Meigl: Um es mit den Worten von Honeckers, Erich zu sagen: „Totgesagte leben länger“!

„Der führerlose Aufzug“ – Premiere Mittwoch um 20 Uhr in der Pfeffermühle, nächste Aufführungen 17. und 18. Oktober. Infos und Karten über Telefon 0341 9603196 und kabarett-leipziger-pfeffermuehle.de.

Von Mark Daniel

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