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„Ein Leben lang ein Raubritter" - Gunter Gabriel als "Johnny Cash" im Leipziger Gewandhaus

„Ein Leben lang ein Raubritter" - Gunter Gabriel als "Johnny Cash" im Leipziger Gewandhaus

„Hello I’m Johnny Cash" heißt es am 14. Oktober im Leipziger Gewandhaus. In dem Musical spielt Gunter Gabriel die US-Ikone, die 2003 starb. Gabriel, der mit Hits wie „Hey Boss, ich brauch’ mehr Geld" und „30 Tonner Diesel", aber auch mit privaten Dramen von sich reden machte, war mit dem Amerikaner 25 Jahre lang befreundet.

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Johnny Cash und Gunter Gabriel verband eine 25 Jahre andauernde Freundschaft - bis die US-Ikone im Jahr 2003 starb.

Quelle: Archiv Gunter Gabriel

Leipzig. Im Interview spricht der 70-Jährige über Cash, Liebe, Tod und das Leben auf seinem Hausboot in Hamburg.

Frage: Passt das zusammen: das Leipziger Gewandhaus und Gunter Gabriel?

Gunter Gabriel: Wo ich hinkomme, passt immer. Ich hab in Kirchen gesungen, in Gefängnissen, sogar bei anderen Leuten auf dem Scheißhaus. Die Botschaft kommt überall an.

Du hast Johnny Cash sehr lange gekannt. Wie kamt ihr zusammen?

Zufall. Zufall ist viel wert, wenn man ihm die Tür offen hält. Ricky Shayne, brachte mich auf die Idee, den Dylan-Song „Wanted Man", den Cash bei seinem legendären St.-Quentin-Konzert gesungen hat, auf Deutsch zu machen. Bei mir hieß das Lied „Ich werd gesucht in Bremerhaven". Ich hatte das halb geklaut, halb selbst geschrieben, rein rechtlich war das ok. Das hat die Plattenfirma dem Cash auf den Tisch gelegt. Und der sagte: Der Karl kann mich besuchen kommen, wenn er Lust hat.

Und du hattest offenbar Lust ...

Klar! Eigentlich dachte ich aber, dass sich das im Sande verläuft. Aber jedes Mal haben  er oder seine Frau June Carter bei mir angerufen, wenn er in Deutschland war. So ist ein Ding entstanden, das über 25 Jahre lief. Kurz vor seinem Tod hat er auf meinen Anrufbeantworter gesprochen: „Mr. Gabriel come over and sing my songs in German language". Da bin ich dann rüber und sah die Bescherung. Es ging ihm sehr schlecht. Ja, und nun spiele ich ihn auf der Bühne. Wahnsinn. Dabei habe ich mich anfangs geweigert, das zu machen.

Warum?

Weil ich Angst hatte, dass ich das nicht hinkriege. Ich mag die Schauspielerei nicht, da bist du an einen Text gebunden und kannst nie sagen, was Du denkst, bist der Träger der Idee eines Autoren. Aber dann hat mir der  Autor die Angst genommen. Außerdem schließt sich ja der Kreis zu meinem ersten Besuch und noch über den Tod hinaus. Das ist doch großartig.

Cash starb mit 71, du bist jetzt 70. Hast du Angst vor dem Tod?

Ich würde es bedauern, jetzt zu sterben. Solche Momente, wo ich dachte, jetzt reicht’s, die hatte ich auch schon, aber ich hatte das große Glück, dass ich immer wieder auf die Beine gekommen bin, auch durch mein positives Denken. Ich habe einfach noch so viel zu tun.

Was macht der Alkohol?

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Gunter Gabriel kommt als "Johnny Cash" am 14. Oktober 2012 ins Gewandhaus Leipzig.

Quelle: Sven Sindt

Eigentlich trinke ich seit 20 Jahren nicht mehr, bestenfalls mal einen Rotwein.

Zigaretten?

Ich bin von 80 Zigaretten auf null, von Mittwoch auf Donnerstag.

Kommen wir zu den Frauen ...

Ich konnte nie bei einer Frau bleiben, bin immer vor ihnen geflüchtet oder sie vor mir. Ich war viermal verheiratet und bin trotzdem nicht kaputt gegangen. Nun habe ich durch Zufall ein super Mädchen gefunden. Aber was heißt Zufall: Ich hab die Augen und die Ohren auf aufgemacht und gedacht, was ist das für ne Rakete. Sie ist ne Peruanerin.

Wo kam die denn so plötzlich her?

Ich war an dem Abend in Hannover und wollte mich mit einer Ex-Freundin nach drei, vier Monaten Sendepause wieder vertragen. Aber sie ist Gott sei Dank nicht gekommen. Stattdessen traf ich Monica, so heißt sie.

Und dann?

Habe ich sie auf mein Hausboot eingeladen ...

Wo du deine Briefmarkensammlung bereithältst ...

Nee, sie war 14 Tage auf meinem Boot, aber ohne Anfassen. Da war nix. Das war vollkommen sauber.

Aha …

Und dann haben wir uns irgendwann sehr tief in die Augen geguckt und festgestellt, wie toll wir einander eigentlich finden. Es ist keine Beziehung, wo es erstmal um Stochermann und Söhne ging und dann mal gucken – es war genau andersrum.  

Bist du also glücklich?

Ich benutze das Wort nicht. Ich finde sie einfach klasse, bin begeistert, aber glücklich? Ich traue mir nicht über den Weg. Ich hatte ja immer meinen Harem – die rasseln schon mit den Ketten, fragen mich, wo ich bleibe. Dem zu widerstehen, ist schwer. Ich war ja mein Leben lang ein Raubritter. Aber ich geb mir Mühe.

Was hast du bei Frauen gesucht Rettung, Heimat, Aufregung?

So einfach kannst  du Dir‘s nicht machen, mein Kleiner. Aber ich weiß ja, was los ist, ich habe mich studiert. Ich habe keine Mutter gehabt, sie starb, als ich vier war. Dieses Gefühl von Zuneigung und Streicheleinheiten habe ich nie gehabt. Das ist schon mal Mist. Meine Schwestern sind alle mit diesem Makel behaftet, haben auch nichts Bürgerliches hingekriegt. Jetzt kommt noch mein Vater dazu. Der war das größte Arschloch aller Zeiten. Er kam aus dem Krieg, und er war erledigt, traumatisiert. Er war dermaßen aggressiv, bis er tot war. Ich habe nie ein vernünftiges Verhältnis mit ihm gehabt. Und wenn ich dann eine Frau sehe, was suche ich da eigentlich? Ein wohliges Gefühl zwischen den Schenkeln und zwischen den Ohren. Das hält mich bis heute frisch.

Beneiden Sie manchmal Leute, die nachmittags nach Hause kommen, sich in die Hollywoodschaukel setzen und Berliner Weiße mit Schuss trinken?

Ich weiß ja nicht, wie du gestrickt bist, aber wenn du eine gewisse Art von Jungfräulichkeit verlierst und durch gewisse Dinge durchguckst, ist das Thema durch. Ich will doch heute keine Micky Maus mehr lesen. Und bei vielen ist die Hollywoodschaukel-Idylle ja auch Lug und Trug. Mein Hausboot, der Strandkorb, die Sonne, meine Bücher und meine Musik – das ist meine Hollywoodschaukel.

Was liest du so?

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Die US-Ikone Johnny Cash und Gunter Gabriel auf einem Archivfoto aus dem Jahr 2003.

Quelle: Archiv Gunter Gabriel

Im Moment lese ich Gertrud Höhler, „Die Patin". Weil ich ja im Bundestag singen werde, muss ich mich ein bisschen schlau machen.

Gute Idee. Und sonst?

Zum Beispiel „Die Globalisierungsfalle" und „The Million Dollar Crash", also darüber wie das ganze Finanzgebläse funktioniert. Belletristik lese ich nicht.

Und wann hast du Termin im Bundestag?

Ich schätze Mitte Oktober, das wird noch verhandelt – aber das wird natürlich ein Knaller.

Wählst du eigentlich noch FDP?

Ich wähle nicht FDP, ich bin FDP. Du kannst ja als intelligenter Mensch nur liberal sein.

Ach, die FDP ist liberal?

Mensch, mich interessiert die Partei doch gar nicht. Mich interessiert der liberale Gedanke, die Großzügigkeit. Ich bin eigentlich kein parteipolitischer Mensch. Ich weiß nicht mal, ob ich ein politischer Mensch bin. Besonders gebildet bin ich auch nicht; ich versuche mühsam, mir mein Weltbild zu gestalten. Mehr ist nicht drin bei mir.

Du bist eine ganze Weile für 1000 Euro bei jedem, der dich angerufen hat, aufgetreten, um dich aus deinen zwischenzeitlichen Schulden herauszuspielen. Machst  du noch diese legendären Wohnzimmerkonzerte?

Unbedingt, das sage ich dir. Meine Probleme haben sich längst erledigt, aber ich mach’s weiter, weil die Leute außer Rand und Band sind.

Du kannst da doch sicher ein Buch drüber schreiben.

Es wird sogar einen Film darüber geben mit Uwe Ochsenknecht in der Hauptrolle. Aber der ist noch nicht fertig. Ich habe Unglaubliches erlebt. Manchmal habe ich vor Lachen auf dem Flur gelegen. Ich habe aber auch sehr viele tragische Geschichten gehört. Ich habe neulich noch zu Peter Maffay gesagt: Pass mal auf, Alter: Näher kommst Du niemals an die Leute ran. Ich mache das fünf, sechs Mal im Monat. Öfter geht das nicht, sonst drehst du durch.

Das Klischee „harte Schale, weicher Kern" scheint bei dir voll hinzuhauen. Du spielst doch den Macho nur, oder?

Nein, ich bin ich ein Macho, darin sehe ich aber nichts Negatives – das macht nur die Gesellschaft draus. Natürlich bin ich für die Mädchen da und beschütze sie, so gut es geht. Mit 70 weiß ich doch jetzt wo‘s langgeht. Und wenn ich die Frauen frage, was sie eigentlich an meinem Kadaver mögen, dann sagen sie alle das Gleiche, und das find ich so geil: Mit Dir kann man lachen. Du kannst den Auspuff schweißen. Du kannst Probleme sofort lösen. Du bist angstfrei. Die Leidenschaft ist die Basis für alles, ob du nun Artikel schreibst, singst oder Bordsteinkanten setzt.

Bekommst du noch unangemeldeten Besuch von wildfremden Leuten auf deinem Hausboot?

Ich habe den Platz gewechselt, weil das überhand nahm. Es gab kein Tor, jeder konnte auf mein Boot. Das haben die dann zum Teil übertrieben, sogar nachts, das ging nicht mehr. Aber wenn mich dann doch jemand findet, habe ich immer ne Tasse Kaffee da.

Was suchen die bei dir?

Oft kommen Leute in meinem Alter oder zehn Jahre jünger, die mir sagen, ich sei für sie der Größte und fragen sich, warum sie das nicht geschafft haben? – Ich sage dann: Weil du Angst hast. – Ja, aber ich hab ein Haus. – Dann verkauf doch das Haus. Verkaufs und schaff dir ein Hausboot an. Ist billiger und schöner. Und schaff dir ne neue Frau an. Meistens liegst du richtig damit.

Du bist also eine Art Guru ...

Aber das will ich nicht sein und liegt auch nur daran, dass es keine Typen wie Kinski mehr gibt.

Interview: Jürgen Kleindienst

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