Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 2 ° Regenschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Ein altmodischer Berserker: Robert Lenkiewicz in der Baumwollspinnerei

Ein altmodischer Berserker: Robert Lenkiewicz in der Baumwollspinnerei

Erst zehn Jahre nach Robert Lenkiewicz' Tod 2002 fand in England eine große Schau seines Lebenswerks statt, die nun in stark ergänzter Form diesen weithin unbekannten Künstler zum ersten Mal außerhalb seiner Heimat vorstellt.

Voriger Artikel
Ordnungsamt beendet Straßenmusik – Publikum in Leipzig will aber Felix Meyer hören
Nächster Artikel
Stardirigent Chailly soll bis 2020 beim Leipziger Gewandhausorchester bleiben

Spiel mit berühmten Stoffen und Vorbildern: "Das Urteil des Paris (Die drei Grazien)". 1974.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Dass dies in Leipzig geschieht, ist eine bewusste Entscheidung der Organisatoren.

Sechs alte Herren haben sich zum Gruppenporträt zusammengefunden, vom Maler sorgfältig in eine Ordnung gebracht, die nicht zu sehr nach Ordnung aussehen soll und doch ein Ganzes ergibt. Das Pendant daneben zeigt eine spiegelbildlich komponierte Frauengruppe. Frans Hals lässt grüßen. Doch während der Holländer 1664 die Regenten und Regentinnen von Haarlemer Hospizen in Szene setzte, sind bei Lenkiewicz die Bewohner eines Armenhauses selbst die abbildungswürdigen Helden.

Das ist typisch für ihn. Obdachlose, Trinker, Junkies, Kranke und andere nicht der Leistungsgesellschaft Zugehörige bevölkern seine Bildwelten. Dies ist einer der Gründe, warum das umfangreiche Werk des begnadeten Malers bis heute von der Kunstwelt kaum zur Kenntnis genommen wird. Ein anderer ist sein Stil. Realistische Malerei dieser Art war im Westeuropa der Nachkriegsjahrzehnte ziemlich das letzte, wonach gefragt wurde. Unter Lenkiewicz' unzähligen Selbstbildnissen finden sich direkte Hinweise auf seine Vorbilder. Auf einer Tafel blickt das von einer üppigen Mähne umrahmte Gesicht frontal den Betrachter an, so wie sich Dürer einst dargestellt hatte. Auf einer anderen rutscht das bekannte Porträt Courbets aus dem unteren Bildrand. Damit ist der zeitliche Rahmen abgesteckt. Rembrandt, Velasquez oder Tizian schimmern ebenfalls durch - die großen Meister der menschlichen Persönlichkeit also. Abgesehen von wenigen Versuchen mit stark farbigen Blättern, an Puzzle-Teile erinnernd, bleiben Orientierungen an zeitgenössischen Strömungen aber außen vor.

Nicht nur die stilistische, auch die räumliche Isolation hat Lenkiewicz selbst gewählt. Aufgewachsen ist der 1941 geborene Sohn eines aus Nazideutschland geflüchteten polnisch-jüdischen Pferdehändlers und einer Deutschen in London. Bis zum Rauswurf wegen aufmüpfigen Verhaltens hat er dort auch an renommierten Akademien studiert. Ab Mitte der Sechziger lebte er im provinziellen Plymouth, fernab der Avantgarden und des Pop-Hypes. Auch eine ihn vertretende Galerie hatte Lenkiewicz nicht, wohl aber Sammler, die ihm in einer Art Tauschgeschäft für Bildlieferungen das Leben finanzierten.

Und dieses war zweifellos ebenso intensiv wie seine Arbeitsweise. Er malte nicht einfach, sondern untersuchte mit fast wissenschaftlicher Akribie als Projekte bezeichnete Themenkreise wie Drogensucht, Selbstmord, obsessive Sexualität oder Krankheiten in Gemälden und umfänglichen Skizzen-Text-Büchern. Landstreicher wie "Diogenes" oder "Bischof" waren ihm nicht nur Modelle, sondern Freunde, denen er leerstehende Lagerhallen erschloss. Er porträtierte Geisteskranke und Sterbende. Seinen Sohn Reuben stellte er mit der Heroinspritze in der Hand dar, den Punker Sid mit einer Klebstofftüte vor dem Mund. Und immer wieder Frauen, am intensivsten war das Verhältnis zur deutlich jüngeren Mary. Der sehnsüchtige Penis zieht dem Mann ganze Eingeweide heraus, wenn er der fortgehenden Frau hinterhersieht. Die Identifikation von Kunst und Leben ging bei Lenkiewicz so weit, dass er zum Test der Reaktionen seinen eigenen Tod in der Zeitung annoncierte oder ein riesiges Wandbild im Plymouther Hafenviertel Barbican übertünchte und abstimmen ließ, ob es wieder freigelegt werden soll.

Mit seinem drastischen Realismus hatte Robert Lenkiewicz in der westlichen Szene seiner Zeit kaum Chancen, auch wenn es beispielsweise ein Lucian Freud mit etwas mehr Marktkonformität schaffte. Parallelen, zumindest künstlerische, zu manchen Leipziger Malern von Heisig und Rink bis zu ganz Jungen sind aber nicht zu übersehen. Deshalb hat die Lenkiewicz-Foundation bewusst die erste kontinentaleuropäische Ausstellung seines Werkes hierher gebracht. Als Spinnerei-Geschäftsführer Bertram Schultze bei der Vernissage zu Francis Mallet, Kurator der Stiftung, meinte, dies sei doch eigentlich der ideale Platz für einen dauerhaften Verbleib der Arbeiten, war britisch zurückhaltendes Lächeln die Antwort.iRobert Lenkiewicz - Menschliches, Allzumenschliches; Werkschauhalle, Spinnereistraße 7; bis 21. Juli; Di-Sa, 11-18 Uhr, So 11-16 Uhr, Eintritt frei

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 28.06.2013

Jens Kassner

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Leipziger Opernball 2017

    Schwungvoll im Dreivierteltakt: Hier finden Sie Infos und Fotos vom Leipziger Opernball 2017 unter dem Motto „Moskauer Nächte“ mehr

  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

"Stasi – Macht und Banalität": Gedenkstätte Museum in der "Runden Ecke" gibt Einblicke in den SED-Überwachungsstaat. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr