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Kultur "Ein bissel mehr Rummel": Jaromir Konecny besucht Tanners Terrasse
Nachrichten Kultur "Ein bissel mehr Rummel": Jaromir Konecny besucht Tanners Terrasse
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17:33 09.09.2014
Jaromir Konecny, Jahrgang 1956, lebt seit 1982 in der Bundesrepublik. Quelle: Kubinska

Das Live-Programm dazu bringt der in München lebende tschechische Slam-Poet am Donnerstag im Helheim in aktualisierter Fassung auf die Bühne. Erfahrungsgemäß werden dabei Tschechenwitze erzählt. Wir haben nachgefragt.

LVZ

: Sind Sie Böhme oder Mähre? Machen Tschechen da überhaupt einen Unterschied?

Konecny

: Eigentlich versuche ich, ein Mensch zu sein. Es gibt manchmal kleine Neckereien zwischen den Leuten, die aus Prag, Böhmen, kommen und denen aus Ostrau oder Brünn, Mähren. Man erzählt sich auch gegenseitig Witze über sich, aber ansonsten gibt's keine großen Unterschiede. Auf Prag sind auch die Leute aus Mähren stolz. Die Sprache ist sowieso identisch, Böhmen und Mährer lebten schon immer zusammen. So wie sich die Ober- und Niederbayern als Bayern füllen, fühlen sich die Böhmen und die Mährer als Tschechen.

Gibt es in Tschechien auch Gegenden, in denen die Menschen als eher gemütlich und freundlich gelten, während sie anderswo den Reisenden lieber wortkarg stehen lassen?

Wohl ist es in Tschechien wie überall so: Je ländlicher, katholischer und konservativer eine Gegend ist, umso weniger sprechen die Leute gern mit den Fremden. Die Tschechen sind aber weitgehend atheistisch und somit - nach Statistiken - das Volk mit der größten sexuellen Toleranz auf der ganzen Welt. Somit reden sie sehr gern. Wenn sie sich bei den Deutschen dann doch sprachlos zeigen, hängt's damit zusammen, dass sie nicht mehr deutsch können - das war vor dem Zweiten Weltkrieg anders, damals sprach fast jeder Tscheche deutsch. Sogar meine Mutter verbrachte ein paar Monate als Austauschschülerin in einer deutschen Familie, und meine Mutter stammte aus einer Gegend, in der nur Tschechen lebten.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Auftritt in Leipzig?

Ich erinnere mich an einige wunderbare Auftritte in Leipzig. Es sind aber schon so viele, dass ich echt nicht sagen kann, welcher der erste war. Sicher irgendein Social-Beat-Ding mit meinem Freund Volly Tanner. Bei meinem ersten Auftritt auf der Leipziger Buchmesse durfte ich aber die ganze Halle lahmlegen, überall in den Gängen blieben Leute stehen und verstopften die Wege, um mir zuzuhören - das war schön und nur deswegen möglich, weil man mir das Mikro nicht runtergedreht hat. Auf der Frankfurter Buchmesse wurde mir immer der Saft abgedreht, und einmal hat man uns, dem Ariel-Verlag und ein paar Poetry-Slam-Leuten in Frankfurt sogar die Anlage beschlagnahmt, weil wir die Lesungen der umliegenden Druckkostenzuschussverlage massiv gestört haben.

Was ist das Neue an Ihrem Doktorspiele-Programm, das wir im Helheim erleben werden? Werden Sie Filmausschnitte zeigen?

Filmausschnitte zeige ich nicht. Es ist ja nicht mein Film, ich habe nur die Buchvorlage für den Film geschrieben. Den Film und die Ausschnitte daraus kann man jetzt sowieso überall sehen. Der Film rockt die Charts, und auch im Netz findet man überall Trailer und Filmmaterial dazu. Ich will in Leipzig in der ersten Runde das Remake meines alten "Doktorspiele"-Programms bringen - anlässlich des kürzlich erfolgten Filmstarts. Die Geschichten sind dieselben wie vor fünf Jahren, nur die Stücke dazwischen sind neu. In der zweiten Hälfte trage ich ein paar neue "Sexgeschichten" für Erwachsene vor.

Wie viele Tschechenwitze haben Sie auf Lager? Und woher holen Sie sich aktuellen Nachschub, aus tschechischen Kneipen?

Es gibt circa 20 gute tschechische Witze. Ich hab sie aber auf den Bühnen schon so gnadenlos verbraten, dass ich jetzt zwischen den Buchgeschichten eher kleine Geschichtchen aus dem Kopf bringe, Erlebtes halt. Ich spiele hin und wieder einen Song oder philosophiere ein bissel über die Sexualität und den Stand der Dinge. Die Leute lachen dabei aber auch. Die Witze und viele Geschichten hole ich mir häufig tatsächlich aus den tschechischen Kneipen, doch je weniger ich saufe, umso weniger Zufluss gibt es - langsam muss ich die eigene Fantasie bemühen.

Hat der Film schon Auswirkungen auf Ihr Künstlerleben gezeigt? Mehr Buchungen, Presseanfragen, Autogrammwünsche ...

Ja! In den letzten Monaten ist zu mir mehr in den Medien erschienen als in den Jahren davor. Auch ein bissel mehr Buchungen gibt's und überhaupt mehr Rummel um mich, und die Bücher verkaufen sich besser. Der ganz große Hype ist es für mich noch nicht, für den Film schon. "Doktorspiele" ist erst am 28. August gestartet, wurde aber gleich nach dem Startwochenende die Nummer zwei in den Kino-Charts, was mich sehr freut. Ich bewundere Robert Marciniak von Lieblingsfilm, dass er fünf Jahre lang für die Verfilmung gekämpft hat. Marco Petry als Regisseur hat eine wunderbare Arbeit geleistet. Alle Schauspieler sind großartig, meine Lieblingsfigur im Buch und im Film ist Harry, der von Max von der Groeben genial gespielt wird. Auch die Fox macht für den Film wahnsinnig viel. Alles schaut super aus! Und das ist für mich nach Jahren Subkultur schon ein großes Ding.

Jaromir Konecny: Doktorspiele auf Tanners Terrasse, Donnerstag, 20 Uhr, Helheim (Weißenfelser Straße 32), Eintritt frei oder Spende

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 10.09.2014

Bert Hähne

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