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Ein gebeugter Aufrechter: Academixer-Mitbegründer Christian Becher starb 69-jährig

Ein gebeugter Aufrechter: Academixer-Mitbegründer Christian Becher starb 69-jährig

Nicht nur die Welt des Kabaretts trauert um einen ihrer Größten. Gestern ist Academixer-Mitbegründer Christian Becher im Alter von 69 Jahren gestorben. Sein feiner Humor und seine aufrechte Haltung bleiben unvergessen.

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Academixer-Mitbegründer Christian Becher ist am Mittwoch im Alter von 69 Jahren gestorben.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Ein Bild bleibt haften, das nicht aus dem Keller der Academixer stammt: Christian Becher, wie er am Tresen des Beyerhauses steht, an beinahe jedem freien Abend. Stets leicht gebeugt, aufgestützt mit einem Arm. Ein langer, schmaler Mann mit ernstem und ruhigem, beobachtendem, kritischem Blick. Die Kabarettbühne mag sein zweites Zuhause gewesen sein, das erste war das Innere dieses immer irgendwie im Dunklen liegenden Gebäudes an der Ernst-Schneller-Straße.

Für Christian Becher schwand die Bedeutung des Beyerhauses nie aus seinem Leben. Hier wurde das Poetische Theater gegründet. Hier entdeckte er die Bühne als Ort, der subtile Botschaften möglich machte. Der Mann, der als Sohn eines Garnfabrik-Arbeiters und einer Näherin am 1. Juli 1943 in Limbach-Oberfrohna zur Welt kam, entdeckte seine Liebe zum Schauspiel schon als Schüler, studierte jedoch zunächst Wirtschaftswissenschaft an der Leipziger Handelshochschule, auf Druck der Eltern. Doch auch die konnten nicht verhindern, dass ihr Filius die Studiobühne der Karl-Marx-Universität für sich entdeckte.

Bis zuletzt hat er von dieser Zeit geschwärmt, vom Poetischen Theater, in dem sich der junge Ulrich Mühe ausprobierte, die spätere Regisseurin Constanze Lauterbach, Schriftsteller Christoph Hein, Galerist Gerd Harry Lybke. Ein Schmelztiegel der anders Denkenden in der DDR, bei dem auch seine späteren Kabarett-Kollegen Jürgen Hart, Bernd-Lutz Lange, Gunter Böhnke zu finden waren. Becher setzte Achtungszeichen mit Inszenierungen von Stoffen des absurden Theaters, das den zuständigen Staatsdienern missfiel. Becketts „Warten auf Godot" zum Beispiel oder „Wir sind noch einmal davongekommen" von Thornton Wilder.

Der Rest ist Brettl-Kunst. 1966 gehörte er zu den Begründern der Academixer. Die besten Jahre seien die 80er gewesen, sagte Becher einmal und meinte damit kritische Inszenierungen unter Jürgen Hart, „Geisterfahrer" oder „Wir stehen uns noch bevor". Sein Debüt als Regisseur gab er mit dem erstes Lene-Voigt-Programm in der Kabarettkneipe, 1997 stand er mit „Game over" erstmals solo vor den Zuschauern, die seine knorrig-trockene Art liebten, seine Lakonie, seine Schlitzohrigkeit.

Becher hat nicht nur Witz besessen, sondern auch Selbstironie. Er riss Sprüche über die Ausprägung seiner Ohren, und auch seine zwinkernde Begrüßung am Telefon – „Der Becher" – signalisierte, dass er sich nicht zu wichtig nahm, trotz seiner enormen Verdienste im Kabarett-Genre. Ernst dagegen nahm er die Aufgabe, gezielt die Stachel ins Fleisch einer bequemen, feigen und in Agonie versinkenden Gesellschaft zu setzen, Störenfried zu sein. Das zu bleiben, fiel nach der Friedlichen Revolution immer schwerer. Seine Gattung rutschte in die Krise. Die vom Publikum zu Vorwendezeiten so geliebte und zelebrierte Dekodierung von Standpunkt und Kritik zwischen den Zeilen fiel weg. Die Meinungsfreiheit machte doppelte Böden obsolet, der Trend zur Feierabend-erleichternden Juxerei erfasste auch die ostdeutschen Bühnen. Aus Existenzgründen sah man sich gezwungen, zuvor praktizierte Bösartigkeiten sparsamer zu dosieren, den Begriff Satire aufzuweichen.

Christian Becher, der von 2001 bis 2006 auch künstlerischer Leiter der Academixer war, machte nie einen Hehl daraus, wie sehr ihn der Comedy-Einfluss wurmte. Er mochte es nicht, die Balance zwischen Biss und Ulk suchen zu müssen.

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Die Studentenbühne Poetisches Theater

Quelle: Archiv

Vor allem deshalb schlich sich zusehends die Melancholie in seine Haltung, in Gespräche, bis hin zur schwer verhohlenen Bitternis. Seinen großen Auftritt sollte der Künstler im September 2010 bekommen. Lachmesse-Chef Arnulf Eichhorn plante, ihm coram publico den Festivalpreis „Leipziger Löwenzahn" für sein Lebenswerk zu überreichen. Doch der damals schon schwer kranke Kabarettist musste absagen, Eichhorn brachte ihm die Trophäe nach Hause.

Mit den Jahren hatten sich immer öfter die schweren Lungenschäden bemerkbar gemacht, Folgen des Kettenrauchens, die Becher wissentlich in Kauf nahm. Die Kraft verließ ihn. Weil die Treppen zu steil wurden, musste Becher die Wohnung über dem geschichtsträchtigen Beyerhaus-Saal verlassen, wohnte parterre wenige Meter entfernt. Von seinem Wohnzimmer aus konnte er weiterhin auf den für ihn so einzigartigen Ort blicken.

2009 organisierte der Hiddensee-Liebhaber ein sehr emotionales Treffen früherer Mitglieder des Poetischen Theaters. So lange es ging, digitalisierte Becher sein riesiges Archiv – Programmhefte, Fotos, Zeitungsartikel, Mitschnitte von Aufführungen und Lesungen. Und so weit sein Zustand es zuließ, stand der große alte Mann des Kabaretts am Tresen oder im Saal des Beyerhauses, seiner Herzheimat. Freundlich lächelnd und bescheiden, als stehle er dem Gegenüber die Zeit. Dabei bedeutete jedes Gespräch mit ihm Gewinn.

Eine Infektion konnte sein Körper nun nicht länger abwehren. Gestern ist Christian Becher im Alter von 69 Jahren gestorben, Ein außen Gebeugter und innerlich Aufrechter. Zuletzt ein Ritter der traurigen Gestalt. Und ein feiner Mensch.

Kollegen trauern

Gunter Böhnke: „Wir haben 35 Jahre zusammen gearbeitet, und ich glaube, das Wichtigste, was ich bei ihm gelernt habe, war, zu erfahren, das Komik eben aus Ernsthaftigkeit und ernsthafter Darstellung entsteht. Ich wünsche ihm eine gute Reise. Er wird immer mein Kollege bleiben."

Anke Geißler: „Ich habe Christian als sehr neugierigen, klugen, witzigen Menschen geschätzt, von dem ich ungeheuer viel gelernt habe und der mich für viele Dinge begeistern konnte. Als ich 1991 bei den Academixern angefangen habe, wurde er für viele Jahre so etwas wie mein Mentor, ein Vertrauter."

Arnulf Eichhorn: „Wir als Lachmesse-Verein sind in tiefer Trauer um unser Ehrenmitglied und unseren Löwenzahn-Ehrenpreisträger. Er fehlt uns schon lange und wird uns jetzt absolut fehlen als Inspirator, Mitdenker und Freund."

Mark Daniel

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