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Eine Art Erweckung

Eine Art Erweckung

Das Sommerdreieck ist eine Sternenkonstellation. Nele trägt es auf dem Unterarm, ein Gebilde aus drei Leberflecken. Ihre Tochter hat es auch. Dieses Muttermal auf der Haut ist ein Pendant zu jenen unsichtbaren Banden, die die Menschen beieinanderhalten in Franziska Hausers Debütroman "Sommerdreieck".

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Franziska Hauser: Sommerdreieck. Roman. Rowohlt Verlag; 219 Seiten, 19,95 Euro

Quelle: Verlag

Mütter, Kinder, Freundinnen. Und ein Mann: der Bildhauer. Um sein Mühlhaus herum, auf dem ein Fluch lastet, leben die Frauen mit seinen Kindern ihren Alltag. Hautnah dran und doch auf Abstand.

Dies ist eine vollkommen unvollkommene Gemeinschaft, eine Utopie des Zusammenseins, die gleichzeitig auch die Unmöglichkeit beschreibt. Damit gelingt der 1975 geborenen Autorin ein Generationenporträt, auf dem die Farbe noch nicht trocken ist. Sie erzählt vom Umbruch in der Schulzeit, der ersten WG, dem Job am Theater, vom Versuch, eine Kneipe zu führen. Von Chaos, neuen Grenzen und weit entfernten Ufern. Von einer Zukunft im Konjunktiv.

Zu Beginn fährt Ich-Erzählerin Jette zum Bildhauer. Sie soll Fotos machen für dessen Galeristen und erinnert sich an die erste Begegnung mit dem stillen, bärtigen Mann. Da war sie 17, er zehn Jahre älter. 14 war sie, als ihr 1989 die Mauer vor die Füße fiel, das Leben aber nicht; höchstens eine Idee davon, wie man es führen könnte. In der Stadt oder auf dem Land? Das ist so eine Frage.

Im Uckermark-Dorf wird die Bildhauer-Kommune - erst Nele, dann Jessi, später auch Magda und Elena - mit Argwohn betrachtet. Jette aber kennt sie alle sehr gut und seit Jahren. Auch erotische Anziehung verbindet in dieser oder jener Konstellation. Die Spannung zwischen Jette und dem Bildhauer aber ist die gefährlichste. Wenn sie beieinander sitzen, beieinander stehen, wenn sie im Landhaus in getrennten Räumen ohne Berührung ihre Körper zum Toben bringen. "Es ärgert mich, dass seine Nähe mich schon wieder besinnungslos hat werden lassen."

Doch nicht in der Lust steckt der Kern dieser Vielecksbeziehung, sondern in der Sehnsucht nach etwas, von dem man nichts mehr oder noch nichts weiß. Das erinnert an Kindheitsgefühle, die unbekümmert erscheinen und auf behütete Weise frei. Als Nele in der Schule das Märchen vom Froschkönig analysieren sollte, sagte sie: "Das handelt irgendwie alles vom Erwachsenwerden und wie man da überrumpelt wird und wie das am Ende eine Art Erweckung ist."

Franziska Hauser verschiebt die Kulissen für immer neue Perspektiven. Sie schaut auf Charaktere und Lebenswege, blickt zurück, beobachtet, beschreibt, forciert ohne Hast. Ihre Worte sind wie ein Waldboden: weich und duftend. Ihre Sätze atmen Ruhe und Weite, als ginge man barfuß durch diesen Roman. "Wir badeten im See den Staub ab, und ich weiß noch, wie gut meine gebrannte Sommerhaut roch, als ich nass und verschämt auf der Wiese hockte." Haut, die man nie sehen muss, um sie zu spüren.

Trotzdem gibt es Bilder dazu, denn zeitgleich ist im Kehrer Verlag Hausers Fotoband "Sieben Jahre Luxus" erschienen, ihr Blick auf das Kindsein. Traumhaft und realistisch zugleich zeigen die Aufnahmen Harmonie in Szenen am See, auf Wiesen, in Freiheit und Idylle. Hauser hat Bühnenbild und Fotografie an der Berliner Kunsthochschule Weißensee studiert, schreibt für die "Berliner Zeitung", "Brigitte" und "Das Magazin".

Verlässlicher als in der Liebe erfüllt sich die Sehnsucht nach den Menschen in der Freundschaft. Wobei diese Begriffe nicht genügen im Sommerdreieck zwischen Fürsorge, Zuneigung und Begehren, in dem der Bildhauer und die Frauen auch mal verloren gehen, wenn sie in Verzweiflung fallen, zumindest in Zweifel. Versäumte Gelegenheiten ziehen weiter und schleppen Möglichkeiten fort. Und Jette wird unter Umständen zu ihrem Gegenteil: unnahbar. "Unnahbar dort, wo für mich kein Platz gewesen ist."

Absolut verdient hat Franziska Hauser mit diesem Debüt im Frühjahr den Silberschwein-Preis der lit.Cologne gewonnen.

Franziska Hauser: Sommerdreieck. Roman. Rowohlt Verlag; 219 Seiten, 19,95 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 29.05.2015
Janina Fleischer

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