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"Eine Art Patenonkel"

"Eine Art Patenonkel"

Seit Jahresbeginn leitet John Eliot Gardiner als Stiftungspräsident mit Peter Wollny, der von Christoph Wolff das Amt des Direktors übernahm, das Leipziger Bach-Archiv.

Dettloff Schwerdtfeger bleibt Geschäftsführer und ist überdies nun Geschäftsführender Intendant des Bachfestes. Mit sichtlichem Stolz stellte Oberbürgermeister Burkhard Jung gestern das neue Bach-Dreigestirn der Öffentlichkeit vor Peter Korfmacher sprach zuvor dem weltweit gefragten Sir John Eliot, der in dieser und der nächsten Woche auch in den Großen Concerten am Pult des Gewandhausorchesters steht

Frage: Erinnern Sie sich an Ihren ersten Besuch im Leipziger Bach-Archiv?

Ich erinnere mich daran, dass ich das erste Mal nicht drin war.

Das müssen Sie erklären.

Es war 2000, ich habe in Leipzig gastiert und wollte mir im Bach-Archiv einige Handschriften ansehen, vor allem von Stimmen. Aber es war Sonntag - ich bin nicht hereingekommen. Es war nicht erlaubt.

Selbst für Sie nicht?

Ich war vielleicht etwas blauäugig, Christoph Wolff war nicht da, so bin ich dann unverrichteter Dinge wieder abgezogen. Später bin ich oft dagewesen. Wolff, Peter Wollny, Michael Maul haben mit sehr geholfen, nicht nur bei meinem bei meinem Bach-Buch.

Sie haben als Musiker immer dicht an den Quellen gearbeitet. Da ist es erstaunlich, dass Sie erst 2000 zum ersten Mal versuchten, ins Bach-Archiv zu kommen.

Früher, zu DDR-Zeiten, war es für westliche Ausländer fast unmöglich dort zu arbeiten. Was mir Kollegen darüber erzählten, reichte mir zur Abschreckung.

Und heute?

Ist alles offen. Es gibt das großartige Projekt Digital Bach, wo Sie im Internet alles werden finden können, das Haus wird geführt von offenen Leuten wie Wollny und Maul, alles ist viel einfacher. Wer im oder vom Bach-Archiv etwas braucht, der bekommt es.

Nun sind Sie Stiftungspräsident. Was macht ein solcher?

Auch da kann ich Ihnen zuerst einmal sagen, was er in meinem konkreten Fall nicht tut ...

...nämlich?

Ich kann nicht Christoph Wolff ersetzen. Seine Fußstapfen sind so groß, dass Peter Wollny und ich sie gemeinsam ausfüllen müssen (lacht). Christoph ist zwei, drei Monate im Jahr in Leipzig gewesen, das schaffe ich nicht. Ich bin ja als Dirigent in der ganzen Welt unterwegs.

Und was machen Sie dann?

Ich habe Oberbürgermeister Burkhard Jung versprochen, dass ich immer, wenn es meine Zeit zulässt, mit Hartnäckigkeit und Spaß und Engagement in Leipzig bin. Und wenn ich nicht da bin, kann ich als Schirmherr, als eine Art Patenonkel, als Türöffner fürs Bach-Archiv arbeiten. Ich kann vermitteln, im Hintergrund die Arbeit des Hauses fördern und begleiten - und ich kann weltweit Werbung machen für das Bach-Archiv. Das ist, finde ich, dringend nötig. Denn in der Wissenschaft ist zwar weithin bekannt, was diese Institution leistet. Aber bei Bachfreunden, beim Publikum, selbst bei vielen Musikern ist das Bach-Archiv längst nicht präsent genug.

Wo sehen Sie den Stellenwert des Bach-Archivs?

Ganz oben, weltweit. Solche Leute wie Michael Maul finden Sie sonst nirgends, ein genialer Trüffelhund, der spürt mit seiner Nase und mit seinem Instinkt Dinge auf, nach denen andere nicht einmal suchen. Und Peter Wollny, dem genügt ein Blick auf ein Manuskript, und er kann Ihnen nicht nur sagen, ob es von Bach ist, sondern auch gleich aus welchem Jahr.

Und wo sehen Sie die Leipziger Bach-Pflege musikalisch?

Sie war in der Vergangenheit ein bisschen provinziell. Es gab Ausnahmen, natürlich. Aber ich finde die Leipziger Bachpflege erstens nicht international genug - und zweitens nicht nah genug an den Ergebnisse der Forschung im Bach-Archiv und den Erkenntnissen der historischen Aufführungspraxis. Ich hoffe, dass ich in den kommenden fünf Jahren Impulse geben kann, das zu ändern.

Und beim Bachfest? Christoph Wolff war Mitglied im künstlerischen Direktorium.

Auch das kann ich nicht leisten. Weil ich die Zeit nicht habe, und weil ich als Dirigent sozusagen befangen bin.

Aber Sie werden trotzdem das Festivals mitprägen?

Bestimmt. Denn ich sehe da durchaus Verbesserungspotenzial.

Zum Beispiel?

Ich habe mit Verwunderung wahrgenommen, dass manche wirklich naheliegenden Kooperations-Möglichkeiten nicht genutzt werden: Das Bach-Archiv, das Bachfest, das Gewandhaus, das Gewandhausorchester und Riccardo Chailly müssen an einem Strang ziehen. Riccardo ist ein Bachforscher und ein großer Bach-Dirigent. Natürlich will er beim Bachfest mitmachen - und er wird beim Bachfest mitmachen: 2017 dirigiert er die traditionelle h-moll-Messe zum Festival-Abschluss. Und es muss gelingen, die romantische Tradition Leipzigs, Mendelssohn, Schumann, und die Bachpflege auf höchstem internationalem Niveau unter dem Dach des Bachfestes und darüber hinaus zusammenzubringen. Diesbezügliche' Gespräche haben bereits begonnen, und ich sehe auf allen Seiten so viel Willen,dass ich sehr optimistisch bin.

John Eliot Gardiner dirigiert heute Abend im Großen Concert Robert Schumanns "Das Paradies und die Peri" und in der nächsten Woche Werke von Mendelssohn, Schumann und Britten; Restkarten jeweils unter Tel. 0341 1270280.

John Eliot Gardiner, 1943 in Dorset, England, geboren.

Als 15-Jähriger sammelt er erste Erfahrungen am Dirigentenpult.

1964 gründet Gardiner den Monteverdi Choir, 1968 das Monteverdi Orchestra.

Sein Londoner Operndebüt gibt Gardiner 1969 mit der "Zauberflöte" an der English National Opera, am Royal Opera House Covent Garden 1973 mit Glucks "Iphigénie en Tauride".

1980-83 ist Gardiner Chefdirigent des CBC Vancouver Orchestra.

1983-88 Musikalischer Direktor der Opéra National de Lyon.

1981-90 drückt er den Händel-Festspielen Göttingen als künstlerischer Leiter seinen Stempel auf.

Zum des 25. Geburtstag seines Monteverdi Choir unternimmt Gardiner 1989 eine Welttournee mit Aufführungen von Monteverdis Marienvesper.

1990 gründet er das Orchestre Révolutionnaire et Romantique.

1991-1994 leitet Gardiner als Chefdirigent das NDR-Sinfonieorchester in Hamburg.

1998 wird John Eliot Gardiner von Königin Elisabeth II. zum Knight Bachelor geschlagen.

2004 gründet er sein eigenes Plattenlabel, Soli Deo Gloria, das ausschließlich Aufnahmen von Gardiners eigenen Ensembles veröffentlicht, darunter sämtliche Kirchenkantaten Bachs in Mitschnitten aus dem Bach-Jahr 2000.

2013 erscheintn John Eliot Gardiners monumentale Bach-Monographie "Music in the Castle of Heaven", die deutsche Übersetzung erscheint im Herbst Hanser.

Seit 1. Januar 2014 ist er Stiftungspräsident des Leipziger Bach-Archivs.

In seiner knapp bemessenen Freizeit führt Sir John einen Öko-Bauernhof.

 

Sir John Eliot Gardiner

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 14.02.2014
Peter Korfmacher

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