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"Eine Sommernacht" im Theater Fact: Amüsantes Spiel mit der Wirklichkeit und ihrer Wahrnehmung

"Eine Sommernacht" im Theater Fact: Amüsantes Spiel mit der Wirklichkeit und ihrer Wahrnehmung

Gerade in Liebesfragen klafft die Schere zwischen Wahrheit und Wahrnehmung gern auseinander. Es ist also nur konsequent, wenn Regisseurin Ev Schreiber ihre Figuren der Inszenierung "Eine Sommernacht", die am Samstag im Theater Fact Premiere hatte, wieder und wieder von vorne ansetzen lässt, die Geschichte ihrer Liaison zu erzählen.

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Folgenreiche Nacht: Linda (Theresa Neumann), Nick (André Ryll).

Quelle: Wolfgang Zeyen

"Wie wär's mit entfesseltem, hemmungslosem Sex?", fragt die vermeintlich selbstbewusste, in jedem Fall aber enorm reizvolle Linda (Theresa Neumann) ohne Umschweife den Typen, der mit einem Buch Dostojewskis in der Yuppie-Bar sitzt. Nick heißt er, gespielt von André Ryll, und er gibt umgehend zu: "Nein, das hat sie nicht gesagt." Ein amüsantes Spiel mit den Realitäten entspinnt sich daraus. Der schottische Autor David Greig zieht die Spannung in seinem Stück von 2008 aus dem Kniff, dass Linda und Nick zwar von denselben Ereignissen berichten - aber offensichtlich Unterschiedliches erlebt haben.

Blick und Stimme richten die Darsteller sogar dann meistens ans Publikum, wenn sie eigentlich miteinander sprechen. Es gelingt ihnen dadurch in beeindruckender Weise, Fragezeichen und Gefühle zum Ausdruck zu bringen, die in der Kneipe keinesfalls an die Oberfläche treten dürfen, wenn sich zwei anbaggern. Natürlich ist die Seele der Karrierefrau Linda mitnichten so gefestigt, wie ihr keckes Auftreten nahelegt - und Theresa Neumann webt diesen Abgrund an Zerbrechlichkeit geschickt in die forschen Zeilen ein. Der kleinkriminelle Nick wiederum hat, ohne es zu merken, längst aufgehört, in sich selbst den Casanova zu sehen, den er vorgibt. Mag das Lächeln auch verschmitzt sein, so erzählen doch André Rylls Augen von dieser Traurigkeit.

Die Regisseurin und ihre Bühnenbildner Benjamin Kühr und René Switalla rücken die zwei Spieler zurecht in den Mittelpunkt - beweisen aber zugleich eine Liebe zum charmanten Detail. Ein Schatten genügt, um das Fenster von Lindas Loft, durch das gerade noch rot die Mittsommernacht­sonne leuchtete, in eine gotische Kirchenpforte zu verwandeln. Die Nacht des "entfesselten, hemmungslosen Sex" ihrer Protagonisten verbringen Neumann und Ryll getrennt in zwei Spieltunneln aus Zeltstoff - jugendfrei, aber nicht frei von Obszönität.

Nur kurz spielt das Kellertheater doch großes Kino mit Geigen vom Tonband und Seifenblasen-Romantik. "Wenn das eine Szene aus einem Hollywood-Film wäre", nennt Linda die Kitsch-Attacke beim Namen, "gäbe es jetzt immerhin Konfetti". Nick hat gerade einen Geldschein zerfetzt, bevor er am Tag nach der Liebesnacht unverhofft auf Linda trifft. "Immerhin: Konfetti haben wir", entgegnet er also. Es ist der erste zarte Schimmer, dass dem Sex vielleicht Liebe folgt.

"Immerhin: Konfetti haben wir" - das Zitat ohne Shakespeare-Verwechslungsgefahr wäre in der Tat - wie es das Theater geplant hatte, aber vom Rechteinhaber nicht genehmigt bekam - die passendere Überschrift gewesen. Zumal die Fact-Version auf die Musik des Edinburgher Rockgitarristen Gordon McIntyre verzichtet, die das Original zu einer Art Indiepop-Musical macht. Doch was sind schon Worte? Als Linda und Nick nach einer kurzweiligen Theaterstunde ausnahmsweise eine Wahrnehmung teilen, enden sie doch nur im gemeinsamen Fazit: "Das haben wir nicht gesagt."

"Eine Sommernacht", bis 13. Juni montags, freitags, samstags, 20 Uhr, sonntags, 16 Uhr, zudem Himmelfahrt (14. Mai), 20 Uhr, Theater Fact (Hainstraße 1); Karten für 17/9 Euro (montags 10 Euro, sonntags 12 Euro): 0341 9614080; www.theater-fact.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 11.05.2015

Mathias Wöbking

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